Kriminalitätsentwicklung
Stellten die Kriminalitätsstatistik für 2021 vor: (v.l.) der leitende Polizeidirektor Rüdiger Kunst, Kriminaldirektor Volker Flaß, Kriminalrätin Stefanie Teipel, Sandra Epping (Kriminalprävention und Opferschutz) sowie Landrat Ingo Brohl. NN-Foto: Thomas Langer

KREIS WESEL. Schon Innenminister Herbert Reul hat in den letzten Tagen für NRW vom Trend der historisch niedrigsten Kriminalität und weiteren Bestzahlen berichtet. Die Polizei hat nun auch für den Kreis Wesel einige gute Nachrichten. Darunter: Die Aufklärungsquote liegt seit sieben Jahren bei über 50 Prozent, die Kriminalitätsentwicklung liegt unter dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre und Wohnungseinbrüche sind in den letzten sechs Jahren um 63 Prozent gesunken. Dafür stiegt die Statistik für Sexualstraftaten stark an. Vor allem die Prävention spielt nach wie vor eine entscheidende Rolle.

Insgesamt sind die Straftaten von 23.955 (2020) auf 23.650 (2021) gesunken. Verglichen mit 2012 ist das eine Reduzierung von 31,4 Prozent. Die Aufklärungsquote konnte insgesamt von 50,1 auf 52 Prozent gesteigert werden. „Unser Ziel muss es aber sein, noch mehr Aufklärung zu betreiben. Wir müssen versuchen, dass es gar nicht erst zu Straftaten kommt und Täter im Versuch steckenbleiben“, sagt der leitende Polizeidirektor Rüdiger Kunst. Zieht man die Häufigkeitszahl (Anzahl der Straftaten pro 100.000 Einwohner) für einen überregionalen Vergleich heran, kommt der Kreis mit 5.140 (2020: 5.208) gut weg. „Wir liegen deutlich unter dem Niveau der Region und auch des Landes mit 6.703. Der Kreis Wesel gehört aus meiner Sicht zu den sichersten Kreisen der Region.“

42 Prozent weniger Diebstähle

Was Diebstahl angehe, sei die Aufklärung mit am schwierigsten. Dennoch ist in den letzten zehn Jahren ein Rückgang von 42 Prozent zu verzeichnen. 9.158 Diebstähle gab es 2021 (2020: 9.652). Diebstähle an oder aus Kfz-Fahrzeugen haben mit 1.381 Fällen ein wenig zugenommen (2020: 1.241), Fahrraddiebstähle dagegen abgenommen auf 1.225 (1.692). Da die Zahl hochwertiger Räder im Laufe der Zeit immer weiter zugenommen hat, möchte die Polizei dieses Jahr unter anderem Radcodierungen voranbringen.

-Anzeige-

Taschendiebstahl wiederum ist von 583 auf 496 Fälle gesunken. Das sind jedoch immer noch mehr als 2018 (418). „Vor allem für ältere Menschen ist das ein Problem“, sagt Kunst. 50 Prozent der Taschendiebstähle fänden in Geschäften statt. Landrat Ingo Brohl rät: „Augen auf und Tasche zu, das ist unsere Devise.“

Größter Erfolg gegen Wohnungseinbrüche

Der größte Erfolg liegt bei den Wohnungseinbrüchen. Lag die Fallzahl 2015 noch bei 1.515, sank sie 2020 auf 657 und dieses Jahr auf 551. Die Aufklärungsquote liegt jedoch nur bei 14 Prozent. „Da wünschen wir uns noch deutlich mehr“, sagt Kunst. Wenn es die Pandemie zulässt, möchte die Polizei wieder verstärkt auf Messen informieren. Kriminaldirektor Volker Flaß betont die Wirksamkeit von Prävention: „Die Täter scheitern, wenn sie viel Aufwand betreiben müssen.“

Einen leichten Anstieg verzeichnen die Betrüge: von 2.632 auf 2.527. Dafür sei auch Corona verantwortlich, da sich viele Aktivitäten wie Wareneinkäufe und damit auch die kriminellen verstärkt ins Internet verlagert hätten.

Prävention gegen Verbrechen gegen ältere Menschen

Eine Zunahme gab es auch bei den Straftaten zum Nachteil älterer Menschen (SÄM-ÜT): von 823 (davon 48 vollendet) auf 906 (64). „Das ist besonders verwerflich, da die ältere Generation sehr hilfsbereit ist“, sagt Kunst. Hinzu kämen Gebrechen wie Schwerhörigkeit, die die Täter schamlos ausnutzen würden. Mit ein paar geschickten Fragen lockten sie die Opfer schnell in die Falle: egal ob mit dem Enkel- oder Polizistentrick. So ergaunerten sie teils fünf- oder sogar sechsstellige Beträge, die eigentlich für den Lebensabend der Opfer gespart worden seien. Da die Täter zudem oft aus dem Ausland operieren würden, seien sie schwer zu fassen.

Die Polizei rät Kindern und Enkelkindern dazu, mit ihren (Groß-)Eltern über das Thema zu sprechen und auf Präventionsmittel wie Infomaterial zurückzugreifen. Von großer Bedeutung sei es auch, sowohl nach einem Versuch als auch einer vollendeten Tat, als Opfer Anzeige zu erstatten. Niemand müsse sich schämen, denn jeder Mensch könne auf dem falschen Fuß erwischt werden, betont Brohl.

Sehr hoch ist die Aufklärungsquote bei der Rauschgiftkriminalität, auch wenn sie von 94,17 Prozent (2020: 1.303 Fälle) auf 92,80 Prozent (2021: 1.222) gesunken ist. Wie Flaß erklärt, würden vor allem große und kleine Cannabis-Plantagen zunehmen. So hätte man im Februar 2021 einen Pizzaboten gestellt, der in seiner Wohnung Cannabis angebaut hatte und im Rahmen seiner Botentätigkeit Werbung für seinen Verkauf machte. Nachdem er gegen seine Bewährungsauflagen mit einem fortgeführten Verkauf verstoßen hatte, sitzt er derzeit eine sechseinhalbjährige Haftstrafe ab.

Die Straßenkriminalität ist von 6.512 Fällen 2020 auf 6.157 im letzten Jahr gesunken. In den letzten zehn Jahren ist hingegen ein Rückgang von 40 Prozent zu verzeichnen. Abgenommen hat auch die Gewaltkriminalität von 789 auf 768 Fälle. Hier wurden jedoch 81,1 Prozent aufgeklärt, 2020 waren es 82,3 Prozent.

Starker Anstieg bei Sexualdelikten

Einen extremen Anstieg gab es in den letzten zehn Jahren bei den Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Waren es 2012 181 Fälle, stiegen die Zahlen 2020 auf 389 und 2021 sogar auf 766. Das liege laut Polizei unter anderem an der medialen Sensibilisierung für das Thema und daran, dass mehr Taten zur Anzeige gebracht würden. Daher seien die höheren Zahlen laut Brohl in einer Art auch eine gute Nachricht. „Das Dunkelfeld verringert sich.“ Insgesamt lag die Aufklärungsquote in diesem Bereich bei 91 Prozent, 2020 waren es noch 83,8. Um dem Problem adäquat zu begegnen, hat die Polizei hier außerdem das Personal erhöht: für die Ermittlungen selbst, wie auch für die Auswertung von Datenträgern.

Gerade wenn es um die Verbreitung, den Erwerb, Besitz oder die Herstellung kinderpornographischer Schriften geht (2020: 101 Fälle, 2021: mehr als 300), möchte die Polizei noch weiter sensibilisieren. Solche Tabuthemen bricht sie unter anderem seit kurzem mit „Cyber-Emotions“. Bei diesem Projekt arbeitet sie mit Schulen zusammen, in denen Anhand von Kurzgeschichten im Hörbuch-Format Themen wie Cyber-Grooming (Kontaktaufnahme und Aufbau von Vertrauen mit Absicht auf Missbrauch), Sexting (Kommunikation über sexuelle Themen, teils mit Bildern und Videos) und Sextortion (Form der Erpressung, bei der mit der Veröffentlichung von Nacktfotos und -videos gedroht wird) aufgearbeitet werden.

Kinder seien nicht nur wegen oft mangelnder Medienkompetenz und sorglosem Umgang mit den eigenen Daten gefährdet – was durchaus auch Erwachsene zutreffe – sondern weil sie oft zeitgleich ein Smartphone und freien Zugang zum Internet hätten. Dass das Projekt Wirkung erziele, habe sich mittlerweile gezeigt. So hätten sich laut Sandra Epping (Kriminalprävention und Opferschutz) Schüler zuletzt häufiger ihren Schul-Sozialarbeitern anvertraut.

Kein starker Anstieg bei häuslicher Gewalt

Anders als von einigen erwartet, hat Corona nicht zu einem explosiven Anstieg häuslicher Gewalt geführt. Dennoch gebe es auch hier laut Kunst ein nicht zu unterschätzendes Dunkelfeld. „Und es geht durch alle gesellschaftlichen Schichten“, sagt Brohl. Der Gesetzgeber habe der Polizei über die Jahre jedoch gute Mittel an die Hand gegeben, passend zu reagieren.

2020 gab es 472 Strafanzeigen, 2021 503. „In mehr als der Hälfte der Fälle verweisen wir den Aggressor des Hauses.“ Auch mit anderen Stellen wie dem Jugendamt arbeite man eng zusammen. „Kinder müssen erfahren, dass es falsch ist, wenn ein Elternteil das andere schlägt.“ Denn häufig seien die Täter in ihrer Kindheit selbst Zeugen oder Opfer häuslicher Gewalt geworden.

Kommunen im Überblick

Die Zahlen für einige Kommunen des Kreises Wesel im Überblick:
Alpen: 399 Straftaten (2020: 366), Aufklärungsquote 43,86 Prozent (50,82)
Rheinberg: 1.213 Straftaten (2020: 1.196), Aufklärungsquote 55,07 Prozent (53,93)
Xanten: 754 Straftaten (2020: 925), Aufklärungsquote 55,97 Prozent (49,73).
Sonsbeck: 354 Straftaten (2020: 271), Aufklärungsquote 57,91 Prozent (51,29).
Wesel: 4.868 Straftaten (2020:4.678), Aufklärungsquote 51,01 Prozent (43,50).