Antike trifft auf digitale Welt- Sensationsfund im APX

Kölner Studenten erforschen römisches Wohnviertel mit Einsatz neuer Technik

XANTEN. Glückliche Gesichter bei der Lehrgrabung im Archäologischen Park Xanten. Die Studenten aus Köln haben einen römnischen Terra Sigillata Deckel gefunden. „Er ist aus der Zeit um Christi Geburt, stammt aus Italien. Es ist eine weltweite Sensation, es gibt höchstens noch zehn Exemplare weltweit“, freut sich Prof. Eckhard Deschler-Erb.

Vor der Grabung: Dr. Norbert Zieling, Prof. Eckhard Deschler-Erb mit dem Sensationsfundstück, die Finder Karina Schnakenberg und Mark Braemer und Grabungsleiter Stefan Pircher.
NN-Foto: Lorelies Christian

Mark Braemer und Karina Schnakenberg waren die Glücklichen, die diesen Fund machten. Mark Braemer hat bereits seine Abschlussarbeit über den Fund aus dem letzten Jahr, einer Trachytplatte, die als Abdeckung für ein Becken diente, geschrieben. Anhand von Untersuchungen der Keramik und des Wasserbeckens zog er den Schluss, dass das Trachyt vom Drachenfels kommen musste, dort wurde es im letzten Viertel des Jahrhundets vor Christus abgebaut – das Ende des Abbaus wird bereits mit Ende des 1. Jahrhunderts datiert, so dass die Bestimmung bei einem Zeitraum von 25 Jahren liegt.

Dieser Terra Sigillata Deckel ist ein Sensationsfund.
Foto: Sabrina Geiermann

Und eine weitere „Entdeckung“ kann Kai Sternenberg beim Pressetermin verkünden: „Wir wissen dass es sich im Schnitt 2017/7 um ein Badegebäude gehandelt haben muss.“ Er zeigt auf halbrunde rote Ziegel, die die Römer für die Fußbodenheizung verwendeten.
Mit Begeisterung sind die 15 Studenten des Archäologischen Insitutes der Universität zu Köln bei der Arbeit. Prof. Michael Heinzelmann und Prof. Eckhard Deschler-Erb bestätigen ebenso wie Dr. Norbert Zieling, stellvertretender Dienstsstellenleiter vom APX, die sehr gute Kooperation, die nun schon zum vierten Mal in Xanten Früchte trägt.
Möglich macht das die Fritz Thyssen Stiftung, die die Lehrgrabung unterstützt. Im nächsten Jahr wird die Grabung ruhen und die bisherigen Ergebnisse zu einem Buch zusammengetragen.
Die Experten machen deutlich, dass die Archäologie in einem enormen Wandel ist. Ihr Blickfeld wird immer mehr erweitert durch interdisziplinäre Zusammenarbeit. Natürlich müssen die Studierenden das „Handwerkszeug“ wie schaufeln, kratzen, messen und zeichnen erlernen, doch zur Interpretation der Fundstücke gehört viel mehr. So reiste auch Prof. Sabine Deschler Erb und Dr. Örni Akeret mit zehn Basler Studenten an, um Analysen von Tier- und Pflanzresten zu machen. Dr. Akeret berichtet: „Wir haben aus einer Ausgrabung zu einem Tempel hier im APX Pinienkerne gefunden, Pinienzapfen wurden nach Xanten gebracht, denn hier wuchsenkeine Pinien, und verbrannt – das war ein römischer Kult.“ Jedes Fundstück kann ein Puzzleteilchen sein, um die Handelsbeziehungen im römischen Imperium nachzuvollziehen. Dr. Zieling ergänzt: „Die weitesten Transporte kamen aus dem Libanon, das können wir anhand von Weinamphoren und Dattelbehältern feststellen.“
Wieder eine ganz andere Sichtweise macht die Geo-Archäologin Christine Pümpin deutlich. Mithilfe der Mikrobiologie und Dünnschliffuntersuchungen will sie herausfinden, was wann verfüllt wurde und woher das Wasser fließt.
Sehr neu in der Archäologie ist die Einbeziehung der Digitalisierung. Wurde bisher alles auf Papier festgehalten, machen nun Scanner (auch 3D-Handscanner) möglich, alles auf APPs zu erfassen. Zwei Informatikstudenten der Technischen Hochschule Köln begleiten seit letztem Jahr die Grabungen. „Im letzten Jahr haben wir die 3-D-Dokumentationen der Grabungsschnitte erfasst. In diesem Jahr haben wir zusätzlich jeden Arbeitsschritt mit 3-D-Scannern erfasst und so mit dem Tablet vor Ort ein digitales Feldbuch erstellt. Nun müssen diese beiden Apps verknüpft werden.“ Der Einsatz der modernen Technik ist zwar noch Neuland, aber nach Einschätzung von Prof. Heinzelmann wird die Archäologie davon profitieren „In fünf bis zehn Jahren wird das Standard werden“, ist seine Überzeugung. Die Fachfrau vor Ort Sabrina Geiermann ist ebenfalls davon überzeugt und sieht den besonderen Vorteil darin, dass die digitalen Daten weltweit zur Verfügung gestellt werden können.
Sehr zufrieden mit dem Fortschritt und dem Engagement „seiner“ Studenten ist auch Grabungsleiter Stefan Pircher, der wieder die Betreuung übernommen hat und vor Ort die Übersicht behält.