Barbara Nickesen, Regionaldirektorin, und Dr. Volquert Stoy, Referent für Gesundheitsökonomie bei der AOK Rheinland/Hamburg stellen den neuen Gesundheitsreport vor. NN-Foto: Dickel

Kreis Wesel. Einmal im Jahr veröffentlicht die AOK Rheinland/Hamburg einen Gesundheitsreport, in dem Fakten zur regionalen Gesundheits- und Versorgungssituation der Bürger erläutert werden. So offenbaren sich Versorgungslücken, aber auch positive Entwicklungen.

Gemeinsam mit einem Kollegen hat Dr. Volquart Stoy, Referent für Gesundheitsökonomie bei der AOK Rheinland/Hamburg, auch in diesem Jahr den Gesundheitsreport erstellt: „Wir verwenden für den Bericht unsere eigenen Daten, aber auch öffentliche Statistiken“, erläutert Stoy die Vorgehensweise. Im Gesundheitsreport werden jedes Jahr zu 80 Prozent wiederkehrende Themen besprochen, aber auch neue Themen beleuchtet: „In diesem Jahr haben wir uns, neben den wiederkehrenden Themen, auch die Themen Zahngesundheit und Sepsis angeschaut“, so Stoy.

Die aktuelle Lebenserwartung im Kreis Wesel liegt bei den Männern bei 78,2 Jahren. Im Gegensatz dazu haben die Frauen eine Lebenserwartung von 82,9 Jahren. Je 1.000 Einwohner gibt es im Kreis Wesel 12 Sterbefälle: „Im Vergleich zu den Vorjahren sind die Zahlen relativ stabil“, erläutert Barbara Nickesen, Regionaldirektorin der AOK Regionaldirektion Kreis Kleve – Kreis Wesel. Eine Verbesserung ist bei den Sterbefällen aufgrund einer Lungenkrebs-Erkrankung sichtbar: Sind im letzten Jahr noch 80 von 100.000 Einwohnern an Lungenkrebs im Kreis Wesel gestorben, liegt die Zahl in diesem Jahr nur noch bei 71,3 Sterbefällen: „Hier haben wir uns im Kreis Wesel verbessert, was mit Sicherheit auch an den guten Lungenzentren liegt“, so Nickesen.

Nur 13,7% Männer gehen zur Vorsorge

Neben dem Tod durch Lungenkrebs haben sich Stoy und sein Kollege auch die Todesfälle durch Brustkrebs und Prostatakrebs angeschaut. Hier sind die Zahlen im Kreis Wesel angestiegen. Die Sterberate wegen Brustkrebs liegt bei 55,6 Fällen auf 100.000 Einwohner, die aufgrund von Prostatakrebs bei 40,6 Fällen. Auffällig sei vor allem, so Nickesen, die geringe Nutzung von Vorsorgeangeboten bei Männern: „75 Prozent der Frauen nutzen die Vorsorgeuntersuchung in Mammografiezentren, wohingegen nur 13,7 Prozent der männlichen Einwohner zur urologischen Krebsfrüherkennungsuntersuchung gehen“, erläutert Nickesen.Hier wünscht sich die Regionaldirektorin ein Umdenken: „Ziel der Untersuchungen ist es, eine Erkrankung möglichst früh zu entdecken, weil sie im Anfangsstadium schonender und wirksamer behandelt werne können.“

Eine Zahl, die für Nickesen hingegen Fragen aufwirft, ist die Zahl der Sterbefälle aufgrund von Herzinfarkten. Hier liegt der Kreis Wesel bei 144,6 Sterbefälle pro 100.00 Einwohne relativ hoch über dem Kreis Kleve (93,7 Sterbefälle): „Wir haben eine gute Versorgung von Kardiologen im Kreis Wesel, deswegen müssen wir uns jetzt im Nachgang mit den Kardiologen anschauen, warum dieser Wert so hoch ist“, so Nickesen. Alle Ergebnisse des Gesundheitsreports bei einer Gesundheitskonferenz der Politik und den Ärzten vor Ort präsentiert. Positiv ist für Nickesen der Umgang mit der Zahnvorsorge im Kreis Wesel. Knapp die Hälfte der erwachsenen Kreisbewohner besucht einmal im Jahr den Zahnarzt zur Vorsorgeuntersuchung. Jede fünfte Person hat eine Zahnfüllung bekommen und jeder zehnten Person wurde eine Zahn gezogen.

Sorgen bereitet der Regionaldirektorin hingegen die Versorgung der Diabetes-Patienten. Im Kreis Wesel betrifft das 11,1 Prozent der AOK-Versicherten (von circa 80.000 Versicherte im Kreis Wesel): „Die Zahl der Fußamputationen ist mit 3,4 Prozent relativ hoch, was zum Beispiel am Hausärztemangel liegen könnte. Durch eine frühzeitige und intensivere Wundversorgung könnte eine Fußamputation vermieden werden.“

Sepsis-Erkrankungen mit Operationen: 1,3%

Dem Thema Sepsis hat sich Stoy angenommen: „Im Kreis Wesel liegt die Zahl an Sepsis-Erkrankungen mit Operationen mit 1,3 Prozent unter dem Durchschnittswert des Rheinlandes (1,6 Prozent). Die Anzahl der Todesfälle aufgrund einer Sepsis liegt im Kreis Wesel bei 30,2 Prozent. Hier wird aber schon aktiv an Änderungen gearbeitet“, so Stoy.

Positiv zu betrachten sei die hohe Zahl der Masernimpfungen der Kinder im Kreis Wesel: „Die erste Masernimpfung erhielten 97,2 Prozent und die zweite 91,8 Prozent, womit wir knapp am angestrebten Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 95 Prozent liegen“, so Nickesen. Ebenfalls erfreuliche Zahlen gebe es im Kreis Wesel bei den Erkrankungen mit Adipositas: „Der Kreis Wesel ist die Region mit der zweitniedrigsten Anzahl an übergewichtigen Kindern im gesamten Rheinland“, freut sich Nickesen.

Mangel an Hebammen

Der Mangel an Hebammen ist auch im Gesundheitsreport ersichtlich. Lediglich 48,8 Prozent aller Versicherten habe eine Wochenbettbetreuung durch eine Hebamme. Die Säuglingssterblichkeit im ersten Lebensjahr liegt bei 4,7 Prozent aller Versicherten.

Aufgrund einer Muskel-Skelett-Erkrankung fielen im letzten Jahr 36,6 Fälle pro 100 Versichertenjahre auf der Arbeit aus. Hier sei betriebliche Gesundheitsförderung eine Möglichkeit, für die Gesundheit der Mitarbeiter zu sorgen, so Nickesen. Auf Rang zwei der Fehltagestatistik liegen psychische Erkrankungen.

Die ärztliche Versorgung im Kreis Wesel sei ebenfalls ausbaufähig: „Vor allem die Städte Voerde und Xanten liegen beim Versorgungsgrad weit unter 100 Prozent“, erläutert Nickesen. Generell sei das Problem nicht unbedingt das Vorhandensein von Ärzten, sondern die Verteilung auf verschiedene Kreise.