GOCH. Erstmals erwähnt wird das Gocher Kastell um 1232 und diente wohl als Residenz des Herzogs zu Kleve. Genutzt wurde es in den folgenden Jahrhunderten unter anderem für Verwaltungsangelegenheiten, als Gefängnis und in der Neuzeit als Amtsgericht. Eine Demonstration der Macht, gerichtet gegen die Gocher Bürger, war der große Turm („Zwinggoch“), den Herzog Johann von Kleve 1477 errichten ließ.

Vom mächtigen Kastell blieb nicht mehr viel übrig. Heute befindet sich an diesem Platz das Kultur- und Kongresszentrum Kastell, das 1991 eingeweiht wurde. Doch vor Kurzem gab der Boden dort ein paar seiner Geheimnisse preis. Im Zuge der Kanalbauarbeiten am Kastell (die NN berichteten) wurden nicht nur Reste der Gocher Stadtmauer, sondern auch eben jenes Befestigungsturms aus dem 15. Jahrhundert gefunden. Dies machte denkmalpflegerische Arbeiten notwendig. Dafür wurde zusätzlich die Expertise von Dr. Joachim Zeune eingeholt, einer der renommiertesten Burgenforscher Europas. „Normalerweise sind solche Türme im Durchmesser acht bis zwölf Meter groß“, erklärt er, „das ist der Klassiker.“ Doch hier seien die Dimensionen außergewöhnlich: „Der Durchmesser beträgt 15 Meter, die Mauerstärke vier Meter und er ist massiv gemauert. Das kennen wir sonst nur von großen Artillerietürmen.“ Ganz zu schweigen, dass die Baukosten immens gewesen sein dürften und eine ausgeklügelte Logistik zum Ziegelbrennen gebraucht worden sei. Nur von 20 solcher mächtigen Türme in ganz Deutschland wisse man. „Der Turm stand voll flankierend im Eck, also mit einem großen Teil vor der Stadtmauer“, so Dr. Zeune. Irgendwann habe er dann seine vollrunde Form verloren, was Spuren an den Steinen belegen. In seinem Inneren sei er sehr gut erhalten. Vom heutigen Bodenniveau ausgehend, liegt der Turm in etwa drei Metern Tiefe; im Mittelalter muss seine Seite über der Grasnarbe gelegen haben. „Wir wussten, dass es dort eine alte Burg gab, aber es war nur wenig darüber bekannt, die Unterlagen sind rudimentär“, ergänzt Archäologe Jens-Holger Wroblewski aus Kleve, „das war eine unglaubliche Überraschung und wir haben uns gefragt, womit wir es zu tun haben.“

Auf diesem alten Kartenausschnitt ist das Gocher Kastell zu sehen. Bei den gefundenen Resten handelt es sich um den Turm unten links, der an der Nord-Ost-Ecke, nahe der Niers, gelegen war.

Allein die Dimensionen, die sich bei dem Bodenfund angedeutet hätten, seien für das Mittelalter ungewöhnlich gewesen. Zwar hätten vor Beginn der Kanalarbeiten Sondierungen stattgefunden, aber an anderer Stelle, nicht in der Richtung, in der die Turmreste nun gefunden wurden. „Man schaut im Vorfeld, aber oft ergibt sich im laufenden Prozess dann etwas Neues“, weiß Martin Vollmer-König vom LVR Amt für Bodendenkmalpflege, der den guten Austausch mit der Stadt, auch bei anderen archäologischen Funden, unterstreicht. „Wir haben flächendeckend ein archäologisches Archiv unter der Erde, das man nur nicht sieht“, sagt er, „erst wenn man für moderne Bauten etwas ausschachten muss, tritt es zutage.“ Und hier liegt auch das große Problem des Gocher Fundes: Die Reste können leider nicht erhalten werden, sie müssen nach der genauen Erfassung und Katalogisierung für die analogen und digitalen Archive zurückgebaut – sprich zerstört werden.

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Rückbau

„Wo es eben geht, bemühen wir uns um den Erhalt, aber das Bauvorhaben hat sich hier schon so weitgehend bewegt, dass es nicht mehr geht“, bedauert Martin Vollmer-König. Das Team um Jens-Holger Wroblewski arbeitet momentan weiter an den Turmresten; der Rückbau wird dann auch noch einige Zeit in Anspruch nehmen. „Ein paar Steine werden wir wahrscheinlich aufheben können“, so der Archäologe. „Wir sehen hier die Abfolge vergangener Zeiten, das kann man als Buch verstehen; es geht zeitlich und wortwörtlich in die Tiefe“, ergänzt Martin Vollmer-König. Vielleicht, so Stadtpressesprecher Torsten Matenaers, gebe es später im „Haus zu den fünf Ringen“ die Möglichkeit, den Fund in einer Ausstellung aufzugreifen. Denkbar sei auch, die Umrisse des mittelalterlichen Bauwerks nach Abschluss der Kanalarbeiten auf der Oberfläche nachzubilden.

Großes Bild: Sie stehen auf den Resten des mittelalterlichen Befestigungsturms aus dem 15. Jahrhundert (vl): Martin Vollmer-König (LVR Amt für Bodendenkmalpflege), Dr. Joachim Zeune (Mittelalter-Archäologe, Historiker und Burgenforscher) und Jens-Holger Wroblewski (Archäologe). NN-Fotos (2): CDS