Stillstand, aber keine Funkstille

In Zeiten der sozialen Isolation ist das Kontakthalten über Telefon und soziale Medien wichtig

ALPEN. Die Kontaktsperre belastet immer mehr Menschen, vermissen sie doch das ungezwungene Miteinander. Wohl dem, der Haus und Garten hat! Anders ist es in den Flüchtlingsunterkünften, in denen Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und Kulturen eher beengt miteinander leben. Alpens Flüchtlingsberaterin Astrid Kummer beschreibt die Situation so: „Glücklicherweise haben wir in Alpen die allermeisten Familien in eigenen Wohnungen untergebracht. Natürlich sind die Begegnungsräume in der Flüchtlingsunterkunft geschlossen. Wir haben an alle Flyer in allen möglichen Sprachen verteilt, damit die Menschen wissen, was sie dürfen und was nicht.“

Auch im Flüchtlingsheim am Passweg in Alpen bleiben die Bewohner momentan überwiegend drinnen. Die Kontaktsperre wird zwar eingehalten, aber ist für alle eine zusätzliche Belastung. NN-Foto: T. Leie

Bei vielen weckt die derzeitige Situation Erinnerungen an die Heimat. „Man merkt, dass viele noch traumatisiert sind. Sie können die drastischen Maßnahmen nicht wirklich verstehen, glaubten sie doch in einem frei lebenden Land angekommen zu sein“, berichtet Astrid Kummer und ergänzt: „Vor allem die Hamsterkäufe haben unsere Leute irritiert. Leere Regale – das kennen sie noch aus ihrer Heimat.“ Trotz allem verhalten sich die Bewohner sehr diszipliniert. Gehen nur zu Zweit raus oder mit der Familie. Den Kontakt halten sie per Handy mit ihren Heimatfamilien – so wie bisher auch.

Wichtig ist auch der Kontakt zur Flüchtlingsberaterin und zu den Paten. Astrid Kummer berichtet: „Ich merke, dass viele Redebedarf haben. Viel mehr als sonst spreche ich mit ihnen am Telefon. Jetzt reicht nicht mehr nur eine Nachricht per Whats App. Der Austausch ist wichtiger als je zuvor, um Ängste zu nehmen, zu zeigen, dass wir für sie da sind. Auch unsere Paten kümmern sich vorbildlich um ihre Schützlinge. Der Deutschunterricht fällt ja aus. Für viele hängt von den Prüfungen ab, dass sie einen Praxisplatz oder eine Ausbildungsstelle bekommen. Keiner kann im Moment sagen, wie das weitergeht. Beruhigende Worte sind jetzt äußert wichtig.“

Kinder sollten zuhause beschult werden. Schon einige deutsche Eltern sind damit überfordert. Wer der deutschen Sprache nicht so mächtig ist, hat noch mehr Schwierigkeiten mit der Beaufsichtigung und dem Unterricht der Kinder. Auch hier leisten die Paten sehr gute Arbeit, auch wenn sie den persönlichen Kontakt meiden müssen.

Viele Erziehungsberechtigte sind auch gar nicht gewohnt, sich so ausgiebig mit ihren Kindern zu beschäftigen, wie es jetzt der Fall ist. „Unsere Helfer geben Anregungen für Spiel- und Bastelangebote“, weiß Astrid Kummer.

Einige haben das „Glück“ und gehen weiter ihrer Arbeit nach. Sie gehören zu den Helden des Alltags. Sechs unterstützen die Pflegearbeit im Marienstift Alpen und einige arbeiten in Supermärkten. Mehrere haben ihre Dienste bei der CDU-Aktion „Einkaufshelden“ angeboten und gehen für Menschen, die jetzt nicht raus sollen, einkaufen und stellen die Sachen vor die Türe. Als erster kam Serif Assan auf diese Idee. Lob vom stellvertretenden Vorsitzender der Flüchtlingshilfe, Patrick Depuhl: „Serif lebt seit weniger als einem Jahr hier und spricht erstaunlich gut Deutsch. Dass einige seinem Beispiel gefolgt sind, finden wir wirklich ermutigend und schön!“ Depuhl sieht es so: „Tatsächlich ist ja aktuell jede/r relativ isoliert. Und je beengter der Wohnraum desto herausfordernder… Außerdem leben viele Kulturen stärker als die deutsche von Nähe. Viele Deutsche können meiner Ansicht nach, oft auch ganz gut mal alleine sein und lesen, gehen in den Garten oder gucken TV oder Netflix usw. – das ist unsere Kultur. Andere Kulturen sind noch stärker auf Sozialkontakte und direkten Austausch aufgebaut. Außerdem sind die Lebenssituationen vieler Geflüchteter natürlich wesentlich ungewisser was ihre eigene Situation oder die ihrer Familien angeht. Das sind Treffen mit Deutschen, Ausbildung, Arbeit etc. wichtig und hilfreich.“