Analyse auf höchstem Niveau

KREIS KLEVE. Tödliche Unfälle sind Tragödien. Sie hinterlassen nicht nur Todesopfer – da sind auch Verwandte, Freunde und Bekannte, die oft noch lange mit den Folgen zu kämpfen haben. Das ist die menschliche Seite. Aber es gibt noch eine andere: Sie hat damit zu tun, bestmögliche Aufklärung zu leisten und die Fragen nach dem „Wie“ und im besten Fall nach dem „Warum“ zu klären.

Zuständigkeiten

Achim Jaspers ist Polzeioberrat und Leiter der „Direktion Verkehr“ bei der Kreispolizeibehörde Kleve. Er weiß um die Bedeutung einer bestmöglichen Unfallaufnahme ist. „Die Verkehrsunfallaufnahme ist Aufgabe der einzelnen Polizeibehörden“, erklärt er. Klar, dass die Vorgehensweisen lange Zeit nicht standardisiert waren. Es gab keine eigens dafür zuständigen Teams.

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Die ersten Teams begannen vor einem Jahr

Das hat sich seit dem vergangenen Jahr geändert. Jaspers: „Im Januar 2022 gingen die ersten sechs Verkehrsunfallaufnahme-Teams [VU-Teams] an den Start. Seit Jahresbeginn sind acht weitere dazugekommen und zu Beginn des kommenden Jahres werden noch drei weitere Teams an den Start gehen. Dann ist das vom Land vorgegebene Ziel erreicht.“ Für die insgesamt 47 Polizeibehörden des Landes stehen dann 17 Unfallaufnahme-Teams bereit. Eines der Teams, die am 1. Januar 2023 ihren Dienst aufgenommen haben, gehört zur Kreispolizeibehörde (KPB) Kleve und arbeitet von Geldern aus. Die Teams haben zwei Größen. Sie bestehen entweder aus 13 oder aus zehn Mitgliedern.

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Expertise

Aufgabe der VU-Teams ist eine standardisierte Verkehrsunfallaufnahme. Das zehnköpfige Team der KPB Kleve besteht aus sieben Polizisten und drei Kfz-Meistern. Jaspers: „Es geht bei der Unfallaufnahme um Expertise auf höchstmögliche Niveau, denn von unserer Arbeit hängen wichtige Informationen ab.“ Statt „Verkehrsunfallaufnahme“ könnten man auch von Dokumentation sprechen, und eine perfekte Dokumentation ist Grundlage für jede (gegebenenfalls auch juristische) Aufarbeitung des Geschehens. Eines, so Jaspers, sei wichtig: „Die VU-Teams ersetzen nicht die Arbeit von Unfallsachverständigen.“

Technisch bestens ausgerüstet

Die VU-Teams sind technisch bestens ausgestattet. „Da wird zum einen mit Drohnen gearbeitet – dazu kommt dann ein 3D-Scanner, mit dem es möglich ist, einen Unfallort quasi millimetergenau zu erfassen.“ Und dann wäre da noch die Auswertung der digitalen Spuren. Jaspers: „Nehmen Sie beispielsweise Bremsspuren. Die waren lange Zeit integraler Bestandteil der Unfallaufnahme. In neueren Fahrzeugen sind mehr und mehr Antiblockiersysteme verbaut. Da gibt es dann keine Bremsspuren.“ Die anlogen Spuren weichen den digitalen.

Digitale Spuren

Neue Fahrzeuge verfügen, erfährt man, über Systeme, die einer Blackbox im Flugzeug vergleichbar sind. Diese Instrumente zeichnen Fahrdaten auf, die über weit mehr Auskunft geben als die Geschwindigkeit. „Die Crash-Data-Rekorder zeichnen permanent Fahrdaten auf. Kommt es nun zu einem Unfall, werden fünf Sekunden vor und drei Sekunden nach einem Unfall eingefroren‘‘. Aus denen lassen sich dann Rückschlüsse ziehen. Acht Sekunden, die für die Analyse eines Geschehens von immenser Bedeutung sind. Die VU-Teams sind geschult für die Aufnahme aller relevanten Daten, „und eben daher ergibt es Sinn, dass zu den einzelnen Teams auch Kfz-Meister gehören“, sagt Jaspers.

47 Behörden – 17 Teams

Wie löst sich das Problem der Verteilung von demnächst 17 Teams auf 47 Behörden? Jaspers: „Die Teams sind nicht nur für ihre hauseigene Behörde zuständig, sondern können von allen Behörden angefordert werden. Dabei geht es dann um die Klärung der Frage, wer schnellstmöglich am Einsatzort sein kann.“ Klar – eine Unfallaufnahme ist präziser, wenn sie zeitnah zum Geschehen stattfindet. „Es kann also durchaus sein, dass unser Team beispielsweise nach Essen geordert wird“, erklärt Jaspers. Verpflichtend ist der Einsatz eines VU-Teams bei tödlichen Unfällen und solchen, bei denen für die Opfer Lebensgefahr besteht. Einzige Aufgabe der Teams: die Verkehrsunfallaufnahme. Jaspers: „Allein von Januar bis Oktober 2022 gab es im Kreis Kleve 90 Unfälle, die für den Einsatz eines Teams in Frage kamen. Wenn Sie jetzt berücksichtigen, dass alle Teams auch anderswo eingesetzt werden, ist schnell klar: Die haben reichlich zu tun.“ Die ersten sechs Teams, die im Januar 2022 an den Start gingen, waren demnach extrem belastet. Mittlerweile sind acht weitere Teams im Einsatz und zu Beginn des kommenden Jahres sind dann alle installiert.

“Das macht etwas mit Ihnen”

Jaspers zur Arbeit der Teams: „Wir reden dabei ja nicht nur von der zeitlichen Belastung. Wenn Ihr Arbeitsalltag aus der Aufnahme tödlicher und sehr schwerer Unfälle besteht, dann macht das etwas mit Ihnen.“ Japsers weiter: „Wir haben hier ein schlagkräftiges Team zusammengestellt.“ Leiterin ist Christina Rabs. Heiner Frost

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