Ein 400-Euro-Jobber

KLEVE/JI-PARANA. Norbert Foerster kommt mit dem Rad: Baseballkappe, Jeans, Sandalen. „Hallo, ich glaube, wir sind verabredet.“ „Genau. Lassen Sie uns gleich klären, wie ich Sie anspreche: Herr Foerster? Herr Dr. Foerster? Herr Bischof? Eminenz?“ „Norbert wäre schön.“

Ein Anruf

Dr. Norbert Foerster ist also Bischof – einer von über 400 in Brasilien. Seit dem 27. Februar 2021 ist er im Amt. Der Anruf des stellvertretenden Nuntius erfolgte Wochen vorher: „Wie geht es Ihnen? Sitzen Sie? Wenn nicht, dann setzen Sie sich jetzt vielleicht besser hin.“ Keine Filmszene – brasilianische Wirklichkeit: Vom Pfarrer zum Bischof. „Natürlich habe ich überlegt“, sagt Foerster. It‘s one small step for mankind, but it‘s a giant leap for man. [Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein riesiger Sprung für einen Mann…, dessen Leben sich geändert hat.] Ja – das Leben ändert sich, aber die Überzeugung bleibt. Darauf kommt es an. Handlung braucht Haltung.

Eifel, Kleve, Brasilien

Foerster ist Jahrgang 1960 und wurde in der Eifel geboren. Später zog die Familie nach Kleve: Marienschule, St. Anna, Freiherr vom Stein Gymnasium, Studium in Trier und Münster und zuletzt in St. Augustin. Einmal abgebogen: Foersters Studienjahre begannen mit Biologie. Genau genommen ist der Mann auch jetzt noch Biologe: Er hat sich der Biologie der Seele verschrieben.
1982 trat Foerster in Steyl in den Steyler Missionsorden ein. Ein großer Schritt. Es folgten zwei Probejahre in Brasilien, wo Foerster zum Priester geweiht wurde. Portugiesisch hatte er schon vorher ein bisschen gelernt. Der Feinschliff kam mit den Alltäglichkeiten. Heimatreisen? Alle fünf Jahre für drei Monate – anfangs. Dann alle vier Jahre für drei Monate, dann alle drei Jahre für zwei Monate.

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Auf dem Teppich

Foerster ist einer, der auf dem Teppich geblieben ist. Eigentlich ist Teppich das falsche Wort. Es ist der Boden, dessen Beläge unterschiedlich sein können im südlichen Amazonien. Foerster braucht keine Teppiche. Und auch die Insignien (Mitra, Hirtenstab) machen am Ende nicht den Bischof. Sie sind äußere Zeichen. Auf das Innere aber kommt es an. Foerster lebt in Ji-Parana, der zweitgrößten Stadt im Bundesstaat Rondonia. Seine Diözese umfasst 24 Pfarreien mit 1.090 Gemeinden. Wenn Foerster „auf Besuch“ geht, braucht er schweres Gerät: ein Allrader muss es sein, wenn der Bischof reist. „Mir ist der Kontakt zu den Gläubigen wichtig“, sagt er. „Wenn du den nicht hast, richtest du nichts aus.“

Das Wichtigste ist der Kontakt zur Basis.

Kontakt zum Eigentlichen

Da wird einer Chef und das Leben ist nicht mehr wie es vorher war. Bricht der Kontakt zur Basis, bricht der Kontakt zum Eigentlichen. „Brasilien macht schwere Zeiten durch“, sagt Foerster und irgendwie ist klar, dass er damit den Präsidenten der Foederativen Republik Brasilien meint: Jair Bolsonaro. Menschen wie Foerster sind für Bolsonaro und dessen Anhänger Kommunisten. Ein gefährlicher Stempel. „Einem Mitbruder ist es passiert, dass Plakate mit seinem Gesicht gedruckt wurden und darunter stand: Das ist ein Kommunist.“ Wie gut, denkt man, dass es die Kirche gibt und Foerster sagt: „Im brasilianischen Bischofskollegium sind nicht wenige Anhänger von Bolsonaro vertreten und auch viele junge Priester schlagen diese Richtung ein. Sie führen sich als Autoritäten auf. Sie versuchen für die Gottesdienste die Gläubigen aus den kleinen Gemeinden in die größeren Städte zu zwingen. Sie entlassen die Laien aus deren Ämtern.“ Das Kleine soll im Großen verschwinden, denkt man. Das macht weniger Mühe.

Zuhören vor allem

Sonnenkönige im Priestergewand, denke ich und frage: „Wie hält ein Bischof dagegen?“ „Kommunizieren. Reden. Aber vor allem Zuhören.“ Das Amt hat Foerster angetreten, weil ihn die „schöne Geschichte“ seiner Diözese fasziniert hat. „Wir reden hier hauptsächlich von Landbauern.“ Sie empfangen und empfinden ihn als einen von ihnen. „Gut, dass Sie einer von uns sind“, sagen sie und der Bischof spricht von Augenhöhe. Ihm ist wichtig, dass die Menschen des Bistums mit ihm reden: Für die ‚kleinen Leute‘ ist nicht wichtig, dass einer mit den Insignien kommt und den Bischof spielt. Es geht um den Kontakt. Um Gleichwertigkeit. „Längst geht es auch in der Kirche viel zu oft um Macht. Das gilt für die Geistlichen und leider auch für die Laien. Jemand bekommt ein Amt – danach geht es immer auch um Verteidigung.“ Strukturen, so Foerster, seien häufig entscheidend, wenn es um gezieltes Handeln gehe. „Die Kirche bietet solche Strukturen, aber sie dürfen nicht genutzt werden, um Macht auszuüben. Andererseits ist das mit der Macht eine ziemlich alte Geschichte. Als Jesus seinen Jüngern sagte, er werde gekreuzigt, war das Erste, worüber sie diskutieren, wer welchen Posten übernehmen würde.“

Bergpredigt als Zentrum

Wenn Foerster die Mächtigen besucht, wird das große Besteck erwartet. Ein Bischof muss aussehen wie ein Bischof. „Und von den Großgrundbesitzern werden wir auch kritisiert.“ Das leuchtet ein, wenn man sich Foerster vorstellt, für den das Zentrum der Verkündigung die Bergpredigt ist. Er ist ein Kämpfer für die Kleinen – die Unbedeutenden. Foersters Bischofsmotto stammt aus dem 23. Psalm: „Du bist bei mir.“ [Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. … Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.] In einem Interview auf Youtube erinnert sich Foerster: Er habe beim Zahnarzt gesessen und sei ohne Betäubung behandelt worden. Um nicht in Verzweiflung zu geraten, habe er an die Psalmworte gedacht. „Das hat mich auch in anderen schwierigen Situationen immer begleitet.“ Auch seine neue Mission könne nur funktionieren, „wenn Gott bei mir ist“. Und: „Ich denke, dass ich nur ein guter Bischof gewesen sein werde, wenn die Leute von mir sagen: ‚Der Bischof hier war bei uns.‘ Sonst hätte das Ganze keinen großen Sinn gehabt.“

Reichtum?

Wie geht einer wie er mit dem Reichtum um? „Welcher Reichtum ist gemeint?“ „Na – zum Beispiel der des Bischofs. Was verdient man so als Chef der Diözese?“ Die Antwort kugelt einem das Hirn aus: „Ich habe einen 400-Euro-Job“, sagt Foerster. Kost und Logis gehen aufs Haus – der Allrader auch. „Was dann bleibt, ist quasi mein Taschengeld“, sagt der Bischof.

Löhne

Kurz mal googeln: Durchschnittseinkommen Brasilien (lebenshaltungskostenin.com). Durchschnittsgehalt Brasilien: 252 Euro; Mindestlohn: 403,95 Euro; Gehalt eines Buchhalters Brasilien: 688,86 Euro; Gehalt eines Architekten: 820,58 Euro. Und was verdient ein deutscher Bischof? Google hat die Antwort: „Das Grundgehalt eines Bischofs in Deutschland wird an der Besoldungsgruppe B6 bemessen und liegt bei mindestens 8.000 Euro brutto im Monat. Es kann durch Zulagen und Prämien erhöht werden.“ Foersters Wunsch: Alle in der Diözese sollten das gleiche verdienen, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. „Da gibt es Leute, die das Doppelte haben.“ Logisch ist das nicht, „aber wenn ich das mit der Gleichheit beim Verdienst als Ziel ausgebe, ist das eine schlechte Idee. Ich wünsche mir, dass es sich durchsetzt.“ Ist das jetzt naiv? Wenn man es drauf anlegt? „Wir haben alle nur 24 Stunden für einen Tag“, sagt Foerster und spielt darauf an, dass manche meinen, sie arbeiteten mehr als die anderen. Ansichten wie diese machen es den Gegnern leicht, den Kommunismusstempel zum Einsatz zu bringen. „Wir leben in Zeiten, in denen Individualismus das goldene Kalb ist. Ein Individualismus, der – genau besehen – keiner ist. Es hilft nicht, dass jeder seine Individualreligion ausruft. Wir brauchen etwas Großes, Gemeinsames.“ Für Foerster ist es die Kirche, in der und die er lebt.

Glauben teilen

Bis Juli ist er in Deutschland. „Im Mai ist mein Vater 95 Jahre alt geworden. Das war ein guter Grund für einen Besuch.“ Urlaub, sagt Foerster, sei für ihn nicht das Reisen. „Urlaub – das sind die Menschen, die ich treffe und mit denen ich rede.“ Natürlich feiert Foerster auch Gottesdienste, „aber manchmal fehlt mir dabei ein wichtiger Aspekt: Wenn ich mit den Gläubigen Gottesdienste feiere, dann möchte ich meinen Glauben mit ihnen teilen. Dafür ist die Predigt ein zentraler Punkt.“ Nicht selten aber passiert es, dass der Bischof „Master of Ceremony“ ist und nicht predigt. „Das finde ich dann schade.“ Das kann man nachvollziehen, Foerster ist ein Durchunddurchmissionar. Er ist eine der Persönlichkeiten, die es braucht – einer von denen, auf die man sich verlassen würde, wenn es hart auf hart käme. Dann zeigt ein Blick in und auf die Welt, dass es längst hart auf hart gekommen ist – dass längst Spitz auf Knopf steht.
Am Ende, denkt man, geht es nicht um Gefolgschaft – es geht um die eigene Haltung. Einer wie Foerster könnte als Vorbild dienen. Er weiß, dass auch in der Kirche nicht alles glänzt, was Gold ist. Aber Abschaffen ist auch keine Lösung. Die Kirche muss den Menschen dienen. Es ist lange genug andersherum gelaufen.
„Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich …“