Reisende Geister oder: die Stimmen der anderen

BEDBURG-HAU. Es soll, sagt man, Menschen geben, die annehmen, dass Eier aus einer Pappschachtel kommen und die Milch aus der Kühltheke. Andere gehen davon aus, dass Ausstellungen irgendwann einfach an der Wand hängen. Die Wirklichkeit ist anders. Auch Schreiben ist ja höchst einfach: Man muss nur die richtigen Worte weglassen.

Sonderausstellung

Im Museum Schloss Moyland ist (noch bis zum 29. August) die Ausstellung „Beuys und die Schamanen“ zu sehen. „In der Sonderausstellung Beuys und die Schamanen werden erstmalig Werke von Joseph Beuys zusammen mit ethnologischen Objekten schamanischer Lebenswelten […] präsentiert“, heißt es im Pressetext. Und weiter: „Ein Teil der Ausstellung ist unterschiedlichen Positionen heutiger Künstler gewidmet, die in ihrem Werk Impulsen schamanischen Denkens und Handelns nachgehen.“

Folkloristisch?

Also: Hingeschaut. Mit dabei sind Melanie Bonajo (*1978), Marcus Coates (*1968), Anatol Donkan (*1955), Unen Enkh (*1958), Lili Fischer (*1947), Igor Sacharow-Ross (*1947) und Stanislav Kupar (*1972).
Man fragt sich, ob Kunst, die Impulsen schamanischen Denkens und Handelns nachgeht, folkloristisch ist? – ob sie von einer anderen Welt aus startet? – und betritt die heiligen Hallen. Schnaken tauchen auf: Gezeichnet, ausgeformt – in vielerlei Form. Da entsteht eine Schwebung aus biologischem Exkurs und wunderbar künstlerischer Umdeutung und Kuratorin Barbara Strieder erklärt, dass Schnaken auch eine Rolle als „Geister in schamanischen Praktiken“ spielen. Das wusste man erst mal nicht.

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O-Töne

Langsam aber sicher – auch das erfährt man – ist die Kunst an einem Punkt angekommen, von dem aus das Ursprüngliche, das Ethnische nicht mehr nur als Objekt westlich gesteuerter Inspirationssuche gesehen wird, sondern sich quasi den O-Tönen zugewandt hat. Da erklären nicht wir den anderen ihre Welt – wir haben die Stimmen der anderen entdeckt, die weit mehr sind als das Echo unserer Wahrnehmung. Die anderen artikulieren sich selbst. Da entsteht eine Mischung aus gleichwertigen Standpunkten. Da wird nicht die Welt der anderen aufgespießt wie ein Schmetterling unter Glas. Es entstehen Gleichgewichte. Unen Enkh beispielsweise stammt aus der Mongolei und hat in Ulaanbataar studiert. Weiß man‘s, glaubt man, das Originale wahrzunehmen – die Kunst scheint anders zu atmen. Einbildung? Das tut nichts zur Sache. Natürlich denkt man, wenn man Marcus Coates in einem Video einen toten Hasen tragen sieht, an Beuys – trotzdem ist irgendwie nichts angenagelt. Trotzdem ist da ein Abstand.

Erweiterungen

Man erfährt, während man durch die Räume streift, eine Blickwinkelerweiterung und glaubt zu spüren, dass da eine Symbiose stattfindet – das „Zusammenleben von Lebewesen verschiedener Arten zu gegenseitigem Nutzen“. Es ist wie so oft in der Kunst: Die einen hätten‘s gern erklärt, die anderen nicht.
Wunderbare Ruhe

„Beuys und die Schamanen“ ist eine stilleindringliche Ausstellung – still auch, weil, was zu hören wäre und ist, in Kopfhörer übertragen wird und nicht wie sonst vielerorts als Klangdiktat durch die Räume wabert. Das allein erzählt vom gesunden Maß der Dinge.

Goldadern

So werden die Filme, die an einigen Stellen auf Monitoren locken, zu stummen Aufforderungen, denen aber niemand Folge zu leisten hat. Die Ausstellung pendeltschwebt irgendwie zwischen dem Wunderbarsachlichen und dem Sachlichwunderbaren. Was man empfindet, welches Gold man aus der Ader der Kunst schürft, ist ans eigene Empfinden gekoppelt.

Spiel-Räume

Wer Schamanismus als eine Art Homöopathie auf künstlerischer Ebene sehen will, wird vielleicht nicht glücklich werden, aber die Ausstellung – hier sei der Bogen zum Anfang geschlagen – lässt genügend Spiel-Raum für Aus- und Ansichten. Barbara Strieder sagt, die Auswahl der Positionen habe nichts mit den Beziehungen der Künstler zu Beuys zu tun gehabt – sei nicht Voraussetzung gewesen. Gut so.

Der Ort als Beziehung

Das ist auch nicht nötig, weil schon der Ort allein eine Beziehung herstellt. Natürlich bildet die Ausstellung nicht das Who is Who oder What is What von Künstlern ab, die dem schamanischen Denken und Handeln nachgehen, aber sie ist in ihrer Gesamtheit schlüssig, was nicht zuletzt daran zu merken ist, dass man denken könnte, was da zu sehen ist, sei irgendwie von Anfang an fertig gewesen und hätte nicht ausgesucht werden müssen. Alles wirkt schlüssig. Kompliment.

Anatol Donkan: Kori. Fischlederinstallation. Lachslederstücke, Hexagongitter. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Beuys und die Schamanen auf der Museumsseite