Sofort – eilt sehr – eilt

KLEVE. Vielleicht nicht einfach einen Interviewtermin ansetzen und einen Richter nach dem Richten fragen. Vielleicht erst mal einen Tag in Verhandlungen sitzen, zuhören, einschätzen … Es geht um den Mikrokosmos dessen, was man besser nicht täte.
„Kommen Sie doch am 29. März. Es stehen fünf Verhandlungen an. Da bekommen Sie mal einen Eindruck“, sagt Thomas Staczan, Richter am Amtsgericht in Kleve.

Beschleunigte Frequenz

Ein Amtsgerichtsherz, das merke ich schnell, schlägt mit beschleunigter Frequenz: Fünf Verhandlungen an einem Tag – das ist nicht der Ausnahmezustand. Es ist normal. Justizarbeit – eng getaktet. Natürlich gilt – egal, wie viele Verhandlungen an einem Tag stattfinden: Die Quantität sollte besser keinen Einfluss auf die Qualität haben. Für jeden Angeklagten geht es in jedem Prozess irgendwie um alles – egal, ob am Ende einer Verhandlung ein Freispruch oder eine Verurteilung (Geld- oder Freiheitsstrafe) herauskommt.

Nicht weisungsgebunden

Thomas Staczans berufliche Laufbahn begann nicht juristisch. „Ich habe zunächst eine Ausbildung zum Diplomfinanzwirt absolviert.“ Wie das? Die Gene. „Mein Vater war Finanzbeamter. Wenn man als Sohn den Eindruck hat, das ist ein guter Beruf, den der Vater da ausübt, dann geht man erst einmal in dieselbe Richtung.“ Trotzdem: Irgendwann änderte Staczan das Ziel: Jura. Studium in Bochum und Düsseldorf. Seit einem halben Jahr ist Staczan jetzt am Amtsgericht Kleve. Was fasziniert einen wie ihn Amt Richterberuf? „Es ist zuerst einmal die Tatsache, das Richter unabhängig sind – nicht weisungsgebunden.“
In einer Kanzlei stünde er finanziell wahrscheinlich besser da. Staczan formuliert es so: „Weniger Geld – schönerer Beruf.“ All das ist natürlich subjektiv zu sehen. Auch Richter sein ist nicht jedermans Ding. Gut so – es muss schließlich in allen juristischen Disziplinen die geben, die nie etwas anderes wollten.

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Vorurteil

Staczan ist 41 – würde aber auch als Mittdreißiger durchgehen. Zeit, über Vorurteile zu sprechen: „Viele Menschen stellen sich unter einem Richter einen älteren Herrn mit schütterem Haar vor“, sagt Staczan. Ich denke an den Film „Eine Frage der Ehre“. Tom Cruise trifft als junger Anwalt die Tante seines Mandanten – man schätzt sie als Mittzwanzigerin. Cruise sieht die junge Frau an und sagt: “Ich hatte jemand älteren erwartet.” Die Tante antwortet: “Ich auch.” Das Klischee ‚älterer Herr mit schütterem Haar‘ kann Staczan nicht bedienen, aber wer ihn in an einem Verhandlungstag erlebt, merkt schnell, dass da einer genau weiß, was zu tun ist – was er zu tun hat. An zwei Tagen in der Woche hat Staczan Verhandlungen. „So ein Tag kann dann zwischen vier und acht Stunden dauern“, sagt er. Ich denke an den Vortag: Fünf Verhandlungen. Nach der vierten: Konditionsschwäche beim Schreiber. Timeout.

Unschuldsvermutung

Zugegeben – es gibt da einen nicht unwesentlichen Unterschied: Staczan weiß, was kommt. Bevor es in die Verhandlung geht, hat er die Fälle studiert. Das hilft. „Trotzdem muss man natürlich offen bleiben“, sagt er. „Jeder Prozess beginnt mit der Unschuldsvermutung.“ Erst mit einem rechtskräftigen Urteil sind die Verhältnisse geklärt. Natürlich kann es auch vorkommen, dass eine Verhandlung ganz anders läuft, als man es erwartet hätte.
Zwei Verhandlungstage pro Woche – zu sprechen wäre über das Eisberg-Syndrom: Zwei Tage – das macht circa 20 Prozent dessen aus, was zu tun ist. „Ich bin ja nicht nur Strafrichter, sondern auch Ermittlungsrichter*“, sagt er. In dieser Funktion ist er dann zuständig für Dinge wie Durchsuchungsbeschlüsse (das kennt man aus Krimis) oder die Anordnung einer TKÜ (das steht für Telekommunikationsüberwachung.) Bei Ermittlungen geht es häufig um tagesaktuelle Dinge. „Da habe ich dann drei Kategorien: Sofort – eilt sehr – eilt.“

Einzelkämpfer

Staczan ist in seinem Amt Einzelkämpfer. Kein zweiter Richter – keine Schöffen. In jeder Verhandlung dabei: Staatsanwaltschaft und Protokollführer. Und wie sieht es mit Verteidigern aus? Manchmal erscheinen die Angeklagten ohne Rechtsbeistand. Staczan: „Die Faustregel lautet: Ist eine Strafe von mehr als einem Jahr zu erwarten, sollte ein Verteidiger dabei sein.“

Empathie? Ja. Mitleid? Nein.

Wie sieht es eigentlich mit Empathie aus? Staczan: „Das ist für einen Richter sehr wichtig. Wir müssen uns einfühlen können.“ Zwischen Empathie und Mitleid verläuft aber eine unüberschreitbare Trennlinie. Für einen Richter gilt immer, dass er – ausgehend von den Gesetzen – Tat und Strafe synchronisieren muss. „Es kann nicht sein, dass mir ein Angeklagter leidtut und dann eine mildere Strafe bekommt.“

Teamspieler

Staczan ist – obwohl er als Strafrichter Einzelrichter ist – ein Teamspieler. Die Zusammenarbeit zwischen ihm, den Justizwachtmeistern und der Geschäftsstelle: kollegial. „Das war früher anders“, sagt er. „Ich habe das nicht erlebt, aber es wird erzählt.“ Der Richter: das Maß aller Dinge. Der Richter – Leitstern, alle anderen: Satelliten. „Ich sehe das anders. Es geht darum, dass wir alle zusammen die bestmögliche Arbeit machen. Das funktioniert meiner Ansicht nach am besten, wenn wir als Team funktionieren.“ Das ändert nichts daran, dass der Mann am Richtertisch im übertragenen und wörtlichen Sinn das letzte Wort hat.

Abschalten können

Nimmt man Dinge (im Kopf) mit nach Hause? „Das kommt vor – vor allem, wenn es um Kinder geht, aber manchmal auch bei Fällen von fahrlässiger Tötung. Das passiert nicht selten im Straßenverkehr. Das passiert Menschen, die in der Regel nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Das ist für Täter und Opferhinterbliebene schwer. Da kann es sein, dass man nach einem Verhandlungstag nicht einfach aus dem Büro geht. Da nimmt man etwas mit – ob man will oder nicht. „Ansonsten habe ich gelernt, dass es wichtig ist, abschalten zu können.“ In der Freizeit steht Sport auf dem Programm. „Früher habe ich sehr intensiv Badminton gespielt. Heute dient der Sport eher zum Aufhalten des körperlichen Verfalls.“ Sagt einer, der fit zu sein scheint wie ein Turnschuh.

Genau richtig

Staczans Büro: Ein Schrank älteren Datums – ein paar Bücher stehen drin. Ein Schreibtisch, eine Kaffeemaschine. Nichts wirklich Gemütliches. Im Fernsehen sind Richterbüros komfortabler ausgestattet. Abschlussfrage: Kann sich Staczan einen Wechsel ans Landgericht vorstellen? Kann er nicht. „Ich bin genau da, wo ich sein möchte“, sagt er.

*Als Ermittlungsrichter (§ 162 StPO) werden nach der deutschen Strafprozessordnung (StPO) Richter bezeichnet, die Entscheidungen treffen können, die einen so schweren Eingriff in die Grundrechte der Betroffenen umfassen, dass deren Anordnung von Verfassungs wegen Richtern vorbehalten bleibt. Dies umfasst zum Beispiel die Durchsuchung von Wohnräumen, die Anordnung von Telekommunikationsüberwachung oder den Erlass eines Haftbefehls. Ermittlungsrichter sind in der Regel Strafrichter des jeweiligen Gerichts. (Quelle: Wikipedia)