“Ich dachte, es wird schon nichts passiert sein.”

GOCH. Bianca de Kluis sitzt im Rollstuhl – seit dem 17. Oktober. Das wird hoffentlich nicht so bleiben. Die Chancen stehen gut.
Bianca und ihr Mann Roland sind Hundebesitzer. Sie haben drei Irische Wolfshunde – drei friedliche Riesen. Das Trio braucht Auslauf. Am 16. Oktober gingen Bianca, Roland und „das Trio“ zum „Hundezentrum Hülm“. Bianca: „Unsere Nachbarn, die selber Hunde haben, hatten uns gefragt, ob wir nicht mal mitgehen.“ Eine gute Gelegenheit, dachten Bianca und Roland. „Die Hunde können da frei herumlaufen.“ Pro Hund zahlen Herrchen oder Frauchen drei Euro. Das Gelände ist eingezäunt – ein idealer Spielplatz.

Anmeldung erforderlich

Auf der Internetseite des Hundezentrums findet sich folgender Eintrag: Auf unserem 20.000 Quadratmeter parkähnlichem Gelände bieten wir für sozialverträgliche Hunde jeden Samstag und Sonntag einen Hundeauslauf an. Im Auslauf sind die Hunde nicht sich selbst überlassen. Unser Team kümmert sich darum, dass der Auslauf harmonisch abläuft. Vor dem ersten Besuch ist eine telefonische Anmeldung bis 12 Uhr zwingend erforderlich! Nicht angemeldete Mensch-Hunde-Teams können NICHT am Auslauf teilnehmen! Dieser Text findet sich unter der Rubrik „Rechtliches“ auf www.hundezentrum-huelm.de. Das wird noch von Bedeutung sein.

Wird schon gut gehen

Bianca und Roland sind zum ersten Mal (unangemeldet) angereist. An der Kasse zahlen sie 9 Euro (drei Euro pro Hund) und können ohne weitere Nachfragen das Gelände betreten.
Zunächst geht alles gut. Irgendwann sieht Bianca eine Gruppe Hunde auf sich zu stürmen. Kein Problem, denkt sie. Wird schon gut gehen. Alle Hunde bis auf einen weichen aus. „Das war ein American Bulldog. Gar nicht mal so groß, aber ziemlich massig.“ Der Hund prallt mit Bianca zusammen und sofort spürt sie einen unglaublichen Schmerz im rechten Bein. „Ich lag am Boden. Roland hat mit dann aufgeholfen und mich zu unserem Auto getragen. Es kam noch die Tochter der Besitzerin des Platzes. Die brachte ein paar Krücken.“

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Viel schlimmer als gedacht

Bianca und Roland fahren nach Hause. Wieso nicht ins Krankenhaus? „Das tat zwar unheimlich weh, aber ich dachte: Es wird schon nichts passiert sein“, erinnert sich Bianca. Nachts kann sie vor Schmerzen kaum einschlafen. „Am nächsten Tag sind wir dann zum Krankenhaus nach Goch. Die sagten allerdings, sie könnten nichts tun. Ich müsste nach Kleve oder Kevelaer.“ Bianca und Roland entscheiden sich für Kevelaer. Dort stellt sich heraus: Ein Stück vom Schienbeinknochen ist abgesprengt – dazu kommt ein Knorpelschaden im Kniegelenk. (Bianca zeigt Röntgenaufnahmen.)

“Geholfen hat niemand.”

Foto: privat

Am 21. Okober wird Bianca operiert. Bianca zeigt auch ein Foto der Operationsnarbe. „Mein Mann ist dann am 23. Oktober noch mal zum Hundezentrum gefahren und hat unsere Daten dagelassen – für den Fall, dass die Leute mit dem American Bulldog sich noch mal melden.“
Es waren, erinnert sich Bianca, einige Leute auf dem Gelände, als der Unfall passierte. „Geholfen hat niemand. Aber vielleicht gibt es ja jemanden, der die Hundebesitzer kennt.“ Im Hundezentrum jedenfalls ist zu den Besitzern nichts bekannt. Das mutet, wenn man sich an den Text auf der Homepage erinnert, eigenartig an. Bianca: „Aber uns hat ja auch niemand gefragt, obwohl wir zum ersten Mal da gewesen sind. Wir haben den Eintritt gezahlt und sind aufs Gelände gegangen. Das war‘s.“

“Wir müssen unbedingt einen Krankenwagen rufen.”

Anruf bei Janine Leibrock. Sie hat vor einem Jahr das Hundezentrum übernommen.
Wie kann es sein, dass Menschen mit ihrem Hund auf dem Gelände waren, deren Daten nicht aufgenommen wurden? „Das ist vorher nie passiert. Das war eine Leichtgläubigkeit von mir, dass ich die aufs Gelände gelassen habe. Mir tut diese Sache unglaublich leid. Ich habe, als der Unfall passiert ist, gleich zu Frau de Kluis gesagt ‚Wir müssen unbedingt einen Krankenwagen rufen‘, aber das wollte sie nicht. Ich denke, das wird sie Ihnen auch gesagt haben. Meine Tochter hat Frau Kluis noch zwei Krücken gebracht. Die konnte ja nicht mehr laufen. Dann waren die Leute mit dem American Bulldog verschwunden. Ich verstehe das nicht, wie man sich so verhalten kann. Wenn ich mit einem Hund unterwegs bin und irgend etwas passiert, dann ist doch das Erste, was ich tue: Nachfragen, ob alles in Ordnung ist. Zu uns kommen Leute auch von weit außerhalb. Wenn die sich nicht vorher angemeldet haben, werden wir da keine Ausnahmen mehr machen. Die müssen dann halt nach Hause fahren. Noch mal: Mir tut die Sache unglaublich leid.“ Betritt man das Auslaufgelände auf eigene Gefahr? „Ja. Das ist so. Wir stellen den Platz zur Verfügung. Das Gelände ist aber immer beaufsichtigt.“

Ein unglücklicher Zufall

Bianca und Roland sind nicht „auf Krawall gebürstet“. „Das Ganze war ein unglücklicher Zufall. Wir waren wohl zur falschen Zeit am falschen Ort“, sagt Bianca, aber sie sagt auch: „Ich weiß, dass an dem Tag, an dem das passiert ist, eine Dame dort war, die Fotos gemacht hat. Also sind mein Mann und ich am 30. Oktober noch mal nach Hülm gefahren. Ich wollte noch mal zum Gelände in der Hoffnung, dort vielleicht die Frau zu treffen, die am 16. Oktober Fotos gemacht hat. Wir kamen an und es war schon irgendwie komisch. Ich hatte den Eindruck, die Leute waren überrascht, dass Roland und ich da waren. Im merhin haben wir erfahren, dass die Eigentümerin, die wir an diesem Tag nicht gesehen haben, einiges verändert habe. Angeblich darf jetzt niemand mehr aufs Gelände, wenn er nicht vorher Namen und Telefonnummer angegeben hat. Der Hund konnte nichts dafür“, sagt Bianca, „aber niemand hat mir geholfen.“

Das Gesetz

Paragraph 833, Bürgerliches Gesetzbuch: Wird durch ein Tier ein Mensch getötet oder der Körper oder die Gesundheit eines Menschen verletzt oder eine Sache beschädigt, so ist derjenige, welcher das Tier hält, verpflichtet, dem Verletzten den daraus entstehenden Schaden zu ersetzen. Die Ersatzpflicht tritt nicht ein, wenn der Schaden durch ein Haustier verursacht wird, das dem Beruf, der Erwerbstätigkeit oder dem Unterhalt des Tierhalters zu dienen bestimmt ist, und entweder der Tierhalter bei der Beaufsichtigung des Tieres die im Verkehr erforderliche Sorgfalt beobachtet oder der Schaden auch bei Anwendung dieser Sorgfalt entstanden sein würde.

Fragen

Bianca schreibt ans Gocher Ordnungsamt. „Ich möchte Ihnen gern schildern, was mir passiert ist, damit fest steht, dass ich es irgendwo gemeldet habe. Ich war vorgestern bei der Polizei, um eine Anzeige gegen Unbekannt zu machen, aber die Polizei sagte mir, sie ist dafür nicht zuständig.“ [Anruf bei der Pressestelle der Kreispolizeibehörde. Corinna Saccaro, stellvertretende Leiterin der Pressestelle, wird Kontakt zu Bianca de Kluis aufnehmen und den Kontakt zum zuständigen Kriminalkommissariat in Goch vermittelt. “Frau de Kluis kann ihren Sachverhalt dort vortragen, damit alles Weitere in die Wege geleitet wird und geprüft werden kann, ob gegebenenfalls. eine Straftat vorliegt.”]

Dann schildert Bianca, was passiert ist. Das Ende des Schreibens: „Was ich mich noch frage: Man geht zu einem Hundetreff auf eigenes Risiko, aber es ist ein geschlossenes Gelände. Man ist nicht im öffentlichem Park. Gibt es für so einen Hundetreff keine besonderen Auflagen? Man zahlt Eintritt, aber nichts wird gefragt und notiert. Sollten die sich nicht absichern und dafür sorgen, dass nur ‚versicherte‘ Hunde Eintritt haben? Mit freundlichen Grüßen.“

Leider …

Die Antwort lautet wie folgt: „Sehr geehrte Frau de Kluis, leider muss ich Ihnen mitteilen, dass das Ordnungsamt in dieser Sache nicht tätig werden kann. Bezüglich des Unfalls haben Sie geschildert, dass Sie durch einen umherrennenden Hund auf dem Hundeplatz umgeworfen wurden. Da es sich hierbei nicht um einen gezielten, aggressiven Angriff (zum Beispiel gezieltes Anspringen, Beißen) des Hundes handelt, ergibt sich hieraus für uns keine Zuständigkeit gemäß Paragraph 13 i.V.m. [in Verbindung mit; Anm. d. Red.] 3 Abs. 3 Ziffer 3 und 4 Landeshundegesetz NRW (LHundG NRW).
Sie teilten mit, dass es sich bei dem Hund um einen „American Bulldog“ und damit einen gefährlichen Hund gemäß § 3 Abs. 2 LHundG NRW handeln könnte. Leider sind in unserer Datenbank zu viele Hunde dieser Rasse gelistet und es ist nicht klar, ob die Halter des Hundes in Goch wohnhaft sind. Somit kann leider keine genaue Halterabgrenzung erfolgen und wir können nicht tätig werden.
Es tut mir leid, dass ich Ihnen keine positivere Meldung geben kann. Sollten Sie allerdings doch noch den Halter des Hundes ermitteln können, würde ich mich über eine kurze Meldung freuen, damit auch von uns aus die nächten Schritte eingeleitet werden können.“
Bianca und Roland sind nach wie vor auf der Suche nach Zeugen. „Ich finde es traurig, dass die Besitzer des Hundes sich nicht gemeldet und ihre Daten abgegeben haben. Alle Anwesenden am Unfalltag haben keinerlei Hilfe geleistet.“

Weißer Kopf, schwarze Flecken

In zwei Wochen hat Bianca ihren nächsten Arzttermin. „Das ist dann sechs Wochen nach der OP. Ob ich mit Folgeschäden zu rechnen habe, wird sich dann klären.“ Den Hund beschreiben Bianca und Roland so: „Er hatte einen weißen Kopf mit schwarzen Flecken am Körper. Ein ‚Brecher‘. Dieser Hund müsste doch gemeldet sein.“