Liebesleben im Tiergarten

Hier und jetzt also geht es ans Eingemachte. 26 Führungsteilnehmer stehen – im wahrsten Sinne des Wortes – im Regen. Sie wollen wissen, was es auf sich hat mit der Homosexualität im Tierreich. Martin Polotzek wird es ihnen erklären. Na denn.

Erholung, Bildung, Forschung, Erhaltung

Zu den Aufgaben eines Zoos gehört neben Artenschutz und -erhaltung, Forschung und Erholung auch die Bildung. Eine Führung, die sich mit dem Thema Homosexualität im Tierreich beschäftigt, vereint Bildung und Forschung, denn wer seinen Gästen etwas zum Thema bieten möchte, muss sich einarbeiten – so viel ist sicher.
Der Chef des Klever Tiergarten, Martin Polotzek hat den Versuchsballon aufsteigen lassen und – siehe da: Die Führung zum Thema Homosexualität im Tierreich darf als geglücktes Experiment betrachtet werden.
Polotzek: „Wir sind nicht der einzige Zoo, der dieses Führungsthema anbietet, aber es ist schon eher selten.“
Polotzek, der vorher im Tierpark Schönbrunn in Wien arbeitete, konnte dort mit einer solchen Idee nicht durchdringen. „Die sagten dann, dass Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis stehen.“ Rund 100 Stunden Forschung haben Polotzek und Kollegen in die Vorbereitung der Themenführung gesteckt. Schon zum ersten Termin musste dann „angebaut“ werden. „Wir hatten eine Führung mit 20 Personen geplant. Es hat sich dann sehr schnell gezeigt: Das Interesse war weitaus größer als wir vermutet hatten. So haben wir uns entschlossen, zwei Führungen zu machen und das Führungsthema für die Zukunft fest zu etablieren.“

Ein eher seltenes Angebot

Homosexualität werde, erklärt Polotzek zu Beginn der Führung, werde ja immer noch hier und da als unnatürlich bezeichnet. „Aber sehen Sie es mal so: Wenn für über 1.500 Tierarten ein solches Verhalten nachgewiesen ist, kann man wohl kaum von unnatürlich sprechen.“
Homosexuelles Verhalten sei, so Polotzek, vor allem bei Tieren in freier Wildbahn allerdings schwer nachzuweisen. „Da fehlt es in der Regel an Kontrollmechanismen.“
Im Rahmen der Themenführung (Mindestteilnahmealter: 18 Jahre) wurden dann tierische Verhaltensweisen offenbart, die das gesamte Spektrum abbilden. Polotzek: „Es gibt schwule und lesbische Partnerschaften, es gibt Tiere, die ihr Geschlecht wechseln – es kommt eigentlich alles vor.“ Kaninchen in schwuler Partnerschaft? Aber sicher doch. Meerschweinchen? Ja klar. Auch die Delfine pflegen homoerotische Beziehungen. Im Klever Tiergarten findet sich eine homosexuelle Mara-Gruppe. Polotzek: „Homosexuell bedeutet ja zunächst einmal nur eingeschlechtlich. Wenn wir drei männliche Tiere in einer Gruppe halten, dann ist das eben eine homosexuelle Gruppe. Das ist zunächst einmal nicht mehr als eine Bezeichnung.“ Schwule und lesbische Paare sind – siehe oben – bei mehr als 1.500 Tierarten nachgewiesen.

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Forschungsergebnisse

Polotzek: „Wir reden da nicht von Vermutungen – das sind Forschungsergebnisse.“ Bei den Bentheimer Schafen beispielsweise sind acht bis zehn Prozent der Böcke schwul. Polotzek: „Das sind ähnliche Zahlen wie bei uns Menschen.“ Und was sagt die Forschung: „In der Forschung geht man davon aus, dass Homosexualität teils genetisch bedingt ist.“
Der Anemonenfisch, lernt man, ist transsexuell: „Anemonenfische sind nach Erreichen der Geschlechtsreife zunächst männlich. Sie leben in Polyandrie – ein Weibchen mit mehreren Männchen – in einer (kleinen) Gruppe von Anemonen. Das dominierende, größte Tier in einer Anemonengruppe ist immer das einzige Weibchen. Stirbt das Weibchen, wandelt sich das stärkste Männchen in ein Weibchen um. Der Umwandlungsprozess beginnt sofort, dauert aber bis zur Vollendung insgesamt ein Jahr und mehr. Nach neueren Forschungsergebnissen sind Anemonenfische das erste Tier-Beispiel, bei dem die Umwandlung zuerst im Gehirn und danach in den Geschlechtsorganen stattfindet.“ [Quelle: Wikipedia] Manche Schneckenarten sind bisexuell und Stabschrecken brauchen zur Fortpflanzung nicht mal einen Partner. Der Paarungsakt bei Nashörnern dauert bis zu 45 Minuten. Die Damen sind, was ihre Partner angeht, äußerst wählerisch. Lamas und Alpakas haben Sex im Liegen und bei den Straußen dauert der homoerotische Akt bis zu zehn Mal so lange wie der Hetero-Akt. „Derzeit bauen zwei unserer Nachtreiher – ein schwules Pärchen – das schönste Nest unserer Kolonie“, erzählt Polotzek.

Untergeschoben

Und in einem Zoo im deutschen Norden wurden, erzählt der Chef, den schwulen Pinguinen befruchtete Eier ins Nest gelegt. Später dann ging die Sache eher traurig zu Ende, denn nachdem man zusätzliche Pinguinweibchen in den Zoo holte, trennte sich ein schwules Paar, weil einer von beiden offenbar den weiblichen Reizen einer Zugezogenen erlag.
Polotzeks Führung: unterhaltsam und lehrreich. Endlich weiß man nun auch, dass Gürteltiere – bezogen auf die Körpergröße – „den Längsten“ haben (ein Drittel bis 50 Prozent der Körpergröße) und dass mancher Nashornbulle nach einem erschöpfenden Beischlaf manches Mal nicht achtsam genug ist und – wie soll man es sagen? – dann quasi „auf dem Schlauch“ steht: dem eigenen. Das muss schmerzhaft sein.

Eisprung auf Bestellung

Die Lisztaffen leben teils in weiblich-homosexuellen Partnerschaften und bei den Bonobos (in Kleve gibt es keine) spielt das Geschlecht (abseits der Fortpflanzung) nicht wirklich eine Rolle, denn der Verkehr dient dem Stressabbau. Löwinnen – auch das wusste man nicht – bekommen ihren Eisprung quasi „auf Bestellung“. „Die Produktion von Eizellen verschlingt sehr viel Energie“, erklärt Polotzek. Daher habe es die Natur eingerichtet, dass die Löwenkatzen – siehe oben – erst beim Liebesspiel einen Eisprung haben.
Die Führung zum Thema Homosexualität wird jedenfalls fester Bestandteil der buchbaren Themenführungen im Klever Tiergarten. „Erzählen Sie es ruhig weiter“, sagt der Chef am Ende. Wird gemacht. Und demnächst weht dann vielleicht eine Regenbogenfahne am Eingang des Klever Tiergartens.

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