Sprache jenseits der Sprache

KALKAR. Den Kochwettbewerb würde Anna jederzeit gewinnen. Da ist Maren ganz sicher. Annas Eintopf: ukrainische Basispoesie. Irgendwie passt das zum Ort, an dem Anna und ihr Sohn Micha jetzt leben. Kehrum als Metropole zu bezeichnen, wäre überambitioniert. Dass jemand, der vor dem Krieg flieht, in Kehrum ankommt, hat auch etwas Poetisches …
Unbefristet

Unbefristet

Seit vier Wochen sind Anna (Krawitz) ihr dreijähriger Sohn Micha zu Gast bei Maren Evers, und das kam so: „Ich habe bei der Stadt Kalkar gesagt, dass ich bereit bin, Menschen aufzunehmen – unbefristet“, erinnert sich Maren. Irgendwann hielt dann ein Auto auf dem Hof: Ankunft der Gäste. Mutter und Sohn – der Vater, Sergej: noch nicht da. Auf Marens Hof ist reichlich Platz und wenn man an Micha denkt, könnte es kaum einen schöneren Ort geben: Hühner, Katze, Esel, Obstwiese hinterm Haus. Alles hier atmet – außer der Landluft – auch einen Hauch 70-er. „Auf der Arbeit nennen sie mich auch Hippie“, sagt Maren und irgendwie klingt es, als sei sie stolz darauf. Kämen Peter Fonda und Dennis Hopper auf der Harley vorbei – sie würden sich wohlfühlen. Aber das ist ein anderes Thema. Maren Evers arbeitet – wenn man sie trifft, wäre es der letzte Gedanken – bei der Bundespolizei: Opferschutz und Prävention. Evers ist eine, die anpackt. Als die Flut ins Ahrtal kam, war Evers Tage später dort: half beim Aufräumen. Nahm Urlaub dafür.

Unterhaltung über Bande.

Übersetzungen

Dass jetzt Anna und Micha bei ihr wohnen, fühlt sich an wie das Normalste von der Welt. Wichtigstes Instrument gegen sprachliche Widrigkeiten: das Smartphone. Anna spricht Ukrainisch und Russisch. Kein Englisch. Kein Deutsch. Und (natürlich) spricht Maren Deutsch und Englisch. Kein Wort Ukrainisch. Kein Wort Russisch. Wie kann das gehen? Google hilft. Die Übersetzungssoftware auf den Smartphones wird zum täglichen Begleiter.
„Hat Anna Geschwister?“, frage ich und Maren spricht die Frage in ihr Smartphone. Das Ganze muss ja nicht nur in eine andere Sprache übersetzt werden – auch ein anderes Schriftsystem (Kyrillisch) wird gebraucht. Maren kann also nicht kontrollieren, wie gut die Übersetzung funktioniert. Ein Doppelblindflug. Die Software meldet: „Eine ältere Schwester, sie ist verheiratet, sie hat zwei Kinder, dann bin ich auch verheiratet, die dritte Schwester ist auch verheiratet, sie hat ein Kind, sie sind in der Ukraine geblieben und die Vierte ist die Beste, aber sie ist nicht verheiratet.“ Marens Verständigung mit Anna: notwendigerweise internetbasiert.

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Das Zentrum der Ukraine

Maren erklärt, dass sie nicht zu oft nach Zuhause fragt. „Es ist auch nicht immer der richtige Zeitpunkt für diese Fragen, weil die Antworten etwas mit Trauer zu tun haben.“
Frage an Marens Software: „Wo in der Ukraine hat Anna mit Micha und ihrem Mann gelebt?“ Antwort: „Ukraine. Die Stadt Winniza ist das Zentrum der Ukraine.“ (Zuhause googele ich Winnyzja. Okay – ein bisschen größer als Kehrum, auch wenn man Kalkar dazu nimmt.)
Anna und Micha haben bei Maren (natürlich) ihr eigenes Reich: Im ausgebauten Dachgeschoss ist reichlich Platz. Aber Platz allein ist es nicht. Maren erklärt: „Was fehlt, ist ein Treffpunkt. Das würde ich mir für Anna und die anderen wünschen. Auch professionelle Dolmetscher wären gut.“ Momentan ist viel „Handarbeit“ gefragt. Maren hilft bei den Behördergängen. Ein Konto konnte Anna noch nicht eröffnen. Derzeit hat sie lediglich einen ukrainischen Bürgerpass. Maren: „Alles darin ist übersetzungslos in Kyrillisch geschrieben. Damit kann man dann bei behördlichen Dingen zum Teil wenig anfangen.“

Landleben mit Eseln, Ponys, Hühnern und Katze.

Kindergarten

Für Micha wird es nach den Osterferien in den Kindergarten gehen. Das klingt gut. Er wird wahrscheinlich schneller Deutsch lernen als seine Mutter. Sprachen lernen ist eine Frage des Kontaktes. Noch eine Trauerfrage an die Software: „Welche Erwartungen hat Anna an die Zukunft? Möchte sie zurück in die Heimat?“ „Solange ich hier bleiben will, bis der Krieg in der Ukraine aufhört, weil du nicht weißt, wohin die Rakete fallen wird, oder in deiner Nähe oder irgendwo weiter, wurdest du getäuscht.“

Hilfe und Kerker

Man spürt, dass Sprache zweierlei sein kann: Hilfe und Kerker. Ist das nicht frustrierend? Maren sieht es positiv. „Es findet ganz viel Kommunikation jenseits der Worte statt. Wir haben festgestellt, dass wir den gleichen Musikgeschmack haben: Rammstein.“ Mann denkt an Hühner, Katz‘ und Esel, die abends, wenn die Hausbewohner auf der Terrasse sitzen, gerammsteint werden. Man sieht Maren, ihre Kinder, Anna und Micha vor einem ukrainischen Eintopf sitzen und Gemeinschaft werden. Sie fühlt sich gut an – diese Vorstellung.

Jede Menge Hilfe

Man empfindet Hochachtung für die Menschen, die sich kümmern. Worauf kommt es an? Maren sagt: „Netzwerkarbeit ist wichtig – zum Beispiel über Whatsapp-Gruppen. Viele Freunde und Kollegen haben uns sehr geholfen. Anna und Micha haben nun ein Fahrrad. Auch ein Fahrradanhänger wurde uns gebracht, Spielzeug und Kleidung für Anna und Micha. Die kamen ja mit nur einem Koffer hier an. Durch Spenden konnten wir für die beiden ein Tablet kaufen. Das ist sehr hilfreich für Lernspiele und Informationsgewinnung. Anna kann sich auf dem Laufenden halten. Was fehlt, sind Möglichkeiten, sich mit anderen Geflüchteten zu treffen und auszutauschen.“

Alles passt

Annas Mann Sergej ist Kranführer. Derzeit ist er in Hannover. Auf Arbeit. Noch ist nicht klar, wie es für die kleine Familie weitergehen wird. Für Maren steht fest: Dass Anna und Micha bei ihr wohnen – nein, dass sie alle zusammen hier leben, ist an keine Frist gebunden. „Für mich zählt nur Offenheit im Umgang und Anna ist ein warmherziger Mensch.“ Mit anderen Worten: Alles passt.