WACHTENDONK. Spiel, Spaß und Geselligkeit: Dafür steht der Wachtendonker Theaterverein „Gesellschaft Harmonie 1872“ dieses Jahr seit 150 Jahren. Die Spielfreude hat sich auch über die Gemeindegrenzen hinaus herumgesprochen: Die Zuschauer kommen mittlerweile sogar aus Moers, Krefeld, Gelsenkirchen und Duisburg. Zeit für einen Blick zurück und in die Zukunft.

Der Ursprung des Vereins könnte ungewöhnlicher kaum sein: Als eine handvoll Wachtendonker aus dem Deutsch-Französischen Krieg zurückkehrte, hatten sie viele Erlebnisse im Gepäck und zumindest eine war gut: Das Fronttheater. Begeistert davon, wollten sie diesen Zeitvertreib auch in ihrer Heimat etablieren: So gründeten 14 Männer am 1. Dezember 1872 ihren Theaterverein. Heute gibt es rund 20 aktive Mitglieder und weitere passive Unterstützer.  „Zuerst spielten sie nur Ritterstücke und kleine Lustspiele“, sagt Franz-Josef Ruyters über die Zeit bis zum 1. Weltkrieg. Einen „sittlichen Nährwert“ sollten sie damals haben.

Auf und ab

Ein Merkmal der Vereinsgeschichte ist ein wechselndes Auf und Ab. „Aber wir haben uns immer angepasst“, sagt Präsidentin Brigitte Held. Eine erste Krise überkam den Verein und die Menschen, als 1890 die vorhandenen Hauswebereien durch einen Zusammenschluss von der mechanischen Weberei abgelöst wurden. Das wirkte sich negativ auf den Lebensstandard aus. In der Folge entstand allerdings eine neue Tradition, die der Verein bis heute aufrechterhält: Der Nikolausrundgang, bei dem er damals kleine Brote an Bedürftige verteilte. „Dafür spielen wir heute noch Theater“, erklärt Held zur Finanzierung. Seit 1907 stellt der Theaterverein übrigens auch den St. Martin, der seit 1996 im Folgejahr zudem den armen Mann mimt.

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Bis zur Jahrhundertwende verlief die Entwicklung für den Verein aufwärts, ehe eine Vereinsmüdigkeit eintrat, die 1897 sogar fast eine Auflösung nach sich gezogen hätte. Aber die Mitglieder rauften sich wieder zusammen und eine neue Blütezeit begann – mit neuen Mitgliedern und einem Spiel in jedem Januar.

Aus dem ersten Weltkrieg kehrten alle 13 eingezogenen Mitglieder unversehrt zurück, was die Unglückszahl in die Glückszahl des Vereins umkehrte und von einem weiteren Aufschwung begleitet wurde. Ab 1935 kam jeden Oktober ein zweites Spiel im Jahresplan hinzu. Diesen Rhythmus behielt man bis 1997 bei, ehe er wieder auf ein Spiel reduziert wurde. „Der Stamm der Schauspieler wurde kleiner“, erläutert Reuyters. Frank Ohnrich ergänzt: „Und die Proben sind ein wahnsinniger Zeitaufwand.“ Bis zu sieben Wochen lang drei Mal die Woche.

Der Ort des Geschehens wechselte über die Zeit: Zuerst gingen die Stücke im Saal „Hünnekens“ auf der Mühlenstraße über die Bühne, nach dem zweiten Weltkrieg bis 1997 dann im Saal der Gaststätte „Zu den vier Linden“ auf der Bergstraße. Diesen Saal verabschiedete man vor seinem Abriss mit einer großen Feier zum 125. Jubiläum. Trost spendete dann zumindest die unvergessene Tournee mit „Der Meisterboxer“ nach Wittenburg in Mecklenburg. Nach einem kurzen Stopp im Vereinslokal „Zum Schwan“ ging es nach dem Jahrtausendwechsel in den Bürgersaal.

(K)Eine reine Männersache

Der zweite Weltkrieg hatte die Leben von sechs Mitgliedern gefordert. Recht schnell gelang es jedoch, das Vereinsleben wieder auf Vordermann zu bringen und neue Mitglieder zu gewinnen. Gleichzeitig trat eine Veränderung in Kraft: Erstmals durften auch Frauen mitspielen. Mitglieder werden konnten sie jedoch erst 1965.

Einen Schlag versetzte den Besucherzahlen die Verbreitung des Fernsehers Ende der 1950er Jahre. Eine Entwicklung, die die Vereinsmitglieder auch heute wieder angesichts neuer digitaler Unterhaltungsmedien beobachten. Ab 1963 wuchs das Interesse am Laienspiel jedoch wieder merklich.

1972 feierte man das 100-jährige Bestehen inklusive einer ersten Chronik. Bis 1985 schwanden die Besucherzahlen allerdings wieder, bis diese Entwicklung mit neuen, auch jungen Mitgliedern gebrochen wurde. Im Gemeindegeschehen mischte der Verein beim Pfarrfest mit einem Einakter mit, ab 1994 auch mit der Teilnahme an der Ferienspaßaktion im Sommer.

Einen Neuzugang im Programm gab es dann 2012. Mit dem Krimi-Dinner vor Ostern ließ man die Besucher aktiv am Geschehen teilhaben, erhöhte gleichzeitig die Einnahmen und unterstützte die hiesige Gastronomie. Dabei gilt es aber, dass Besucher Stillschweigen über die Mörder bewahren, sonst droht eine Strafe: Wer etwas verrät, muss beim nächsten Mal mitspielen. „Das ist auch schon vorgekommen“, erzählt Reuyters mit einem Augenzwinkern.

2013 integrierte der Verein außerdem die Kinder- und Jugendtheatergruppe in den Verein. Zudem trat er der Gesellschaft der Vereine in Wachtendonk bei.

Das Coronavirus zwang das Leben schließlich zu einem Stillstand und ermöglichte Aufführungen nur unter Auflagen. 2021 musste der Verein zum Beispiel das Krimi-Dinner absagen. Das Hauptstück im März wurde durch eine Lücke ermöglicht, wenn auch mit verringerten Besucherzahlen. „Aber man hat gemerkt: Der Wille, den Corona-Fluch zu brechen, ist sehr groß“, sagt Ohnrich.

Viele Geburtstagspläne

Auch wenn die Möglichkeit besteht, dass Corona den diesjährigen Feierlichkeiten einen Strich durch die Rechnung macht, haben die Mitglieder viel angedacht für den großen Geburtstag. Diese Pläne sollen vor allem im Rahmen der Veranstaltungen der Gemeinde umgesetzt werden. Im Frühjahr sind einige Sketche geplant. Ein Theater-Flashmob steht ebenso auf der Liste. Fest steht bisher die Beteiligung am Frühlingsfest am Sonntag, 8. Mai, sowohl mit einem Infostand, als auch mit einigen Sketchen.

Die große Jubiläums-Feier soll wiederum in Zusammenarbeit mit dem Schwimmverein stattfinden. Hierfür ist eine kleine Ausstellung geplant sowie ein Sketch über die Gründung des Vereins, inklusive einer Verlesung der damaligen Satzung. „Das ist ein Stück Geschichte und typisch deutsch, was damals schon verlangt wurde“, sagt Ruyters mit einem Lachen. Möglich ist auch ein modernes Märchen mit Kindern. Das Hauptstück folgt nach derzeitigem Stand im Oktober, ein Kindertheater-Stück im November oder Dezember. „Ein Gruselstück“, verrät Ohnrich bereits.

Aber so schön die Traditionen auch sind: „Es wird nicht einfacher“, sagt Held über den aktuellen Stand. Ohnrich weiß: „Heute sind viele der Mitglieder zeitlich eingeschränkt. Das ist ein schweres Handicap.“ Aber es liege auch am Herzblut der Mitglieder, dass alles immer noch funktioniere.

Einige der Stücke stammen sogar aus  eigener Feder: egal ob Sketche oder für das Krimi-Dinner. Ansonsten muss der Verein die Stücke über Verlage kaufen, infolgedessen das Datum der Aufführung bekanntgeben, eine Genehmigung einholen und Teile der Einnahmen abgeben.

Auch wenn es zuletzt keinen Mitgliederschwund gab, freut sich der Verein weiterhin über jedes neue Mitglied. Ein Wunsch wäre es in dieser Hinsicht auch, eine Gruppe aufzustellen, die sich um die technischen Aspekte wie den Bühnenbau kümmert. Derzeit sind die Schauspieler nämlich auch dafür verantwortlich. Wer mitmachen möchte, kann sich über die Facebook-Seite des Vereins melden, in naher Zukunft über die Homepage oder bei Held unter Telefon 0152/37216431 sowie per Mail an anna500@me.com. Kinder bis 16 Jahre zahlen keinen Beitrag. „Wir wollen jedem Kind die Möglichkeit geben, zu spielen“, sagt Held.