GOCH. Wer sich auf das Werk von Donatella Landi einlassen will, der sollte Muße mitbringen, um die Vielschichtigkeit ihres Schaffens zu entdecken. Die italienische Film- und Videokünstlerin ist zum zweiten Mal nach 2009 mit einer Ausstellung im Museum Goch vertreten. „Scusi, ma lei è felice?“ lautet der Titel; zu sehen ist die Ausstellung ab kommenden Sonntag, 24. April.

Mittelpunkt ist die Videoarbeit „Wacht am Rhein“, die in den Jahren 2013 bis 2021 entstanden ist. Begonnen hat Donatella Landi damit bereits während eines Künstleraufenthaltes auf der Raketeninsel Hombroich, in der Nähe von Holzheim bei Neuss, und fertiggestellt hat sie den rund einstündigen Film eigens für die neue Ausstellung in Goch. „Wacht am Rhein“ – dieser Titel lässt aufhorchen; eine Remineszenz an das 19. Jahrhundert, in dem ein Romantikbild geprägt wurde, das sich eben nicht auf die Lyrik, sondern auf das wachsende Nationalitätsgefühl, auf einen neuartigen Begriff von Heimat gründete. Donatella Landi bleibt bei diesem Titel und gleichzeitig bietet sie dem Betrachter mit ihrem Film einen ganz anderen Interpretationsspielraum. „Es geht bei ihr um das Thema Zeit; um Dinge, die in Gefahr sind, auf die eine oder andere Seite zu kippen“, erläutert Museumsdirektor Dr. Stephan Mann, „schön wird zu hässlich, Glück wird zu Unglück.“

Der mächtige Strom, heute ein Sinnbild für das neue, vereinte Europa ohne Grenzen, sprudelt auf Augenhöhe vorbei. Die frühe Morgenstunde bietet eine scheinbare Idylle mit Vogelgesang und plätschernden Wellen. Plötzlich queren riesige, dunkle Schatten, die Monstern gleichen, in aller Ruhe – in Echtzeit – das Bild und verschwinden wieder; Schiffe, die den Fluss befahren auf ihrem Weg zu den Häfen. Begleitet wird das alles vom beinahe ohrenbetäubenden „Sound“ rund um das Wasser. „Am wichtigsten war mir die Beoabachtung des Wunders vor meinen Augen“, schildert Donatella Landi den Entstehungsprozess, „der Rhein ist unglaublich schön, aber auch erschreckend.“ Von größter Wichtigkeit sei die äußere Geräuschkulisse, sie unterstreiche die Präsenz der Schatten, forme gleichsam ein Abbild der Unruhe, die der Fluss direkt unter der Oberfläche in sich trage.

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Raus aus der „Komfortzone“

Donatella Landi, gebürtig aus Neapel, lebt in Rom und lehrt dort an der Kunstakademie. Sie hat inzwischen aber auch ein Atelier in Berlin, einfach um noch einmal einen anderen Zugang zur Wirklichkeit zu bekommen. „Rom, mit der Wucht seiner Geschichte, kann für einen Künstler extrem belastend werden und prägt sehr“, so Dr. Mann. Und Donatella Landi ergänzt: „Ich kann künstlerisch nicht in der ,Komfortzone‘ arbeiten.“ Zwei weitere Videoarbeiten begleiten die Ausstellung. In „7 Conversations“ (2016-2019) und „Europareise“ befragt Landi animierte Kunstfiguren, die sich auf einer fiktiven Reise durch Europa bewegen. In unverständlichen Dialogen, die man nur mittels Untertiteln versteht, diskutieren sie über Themen wie Kunst, Kino, Musik, europäische Grenzen, Migration und – beim Besuch archäologischer Stätten – über die Ursprünge der griechischen Kultur.

Diese Skulpturen hat Donatella Landi in ihrem Berliner Atelier geschaffen. NN-Fotos (2): Theo Leie

Ein haptisches Gegengewicht zur technisch geprägten Videokunst, die eine gewisse Distanz zum Betrachter aufbaut, sind Landis Terrakotta-Skulpturen, die ebenfalls in Goch gezeigt werden. Die Installationen „Die richtige Höhe zu finden, um sich direkt in die Augen zu schauen“ und „Die Totenmasken“ bieten wieder einen ganz anderen Blickwinkel. „Sie haben einen inneren Charakter, sie sehen dich an, es ist ein direkter Dialog“, beschreibt die Künstlerin den Ansatz für die Skulpturengruppe im großen Erdgeschossraum. Jede habe ihren eigenen Raum – „isoliert, aber zusammen.“ Die richtige Höhe finden – dabei geht es nicht nur um die Platzierung, sondern auch darum, die richtige Höhe im Dialog, mithin im Intellekt zu finden. Wirken die Skulpturen auf den ersten Blick roh und unbehauen, so entfaltet sich beim genaueren Hinsehen die Persönlichkeit, Gesichter werden erkannbar und scheinen den Betrachter direkt anzusehen. Mit der uralten Tradition der Totenmasken will Donatella Landi den Moment einfangen, in dem die Seele den Körper verlässt. Ein Moment, der sie fasziniert. „Angesichts der Vergänglichkeit um Worte ringen – dabei hilft die Kunst“, so Dr. Mann. Donatella Landi geht es überhaupt nicht darum, eine fertige Geschichte zu erzählen; der Dialog, die Auseinandersetzung mit ihrer Arbeit ist die Geschichte, die für jeden einzelnen Menschen eine ganz andere ist.

Kids Opening

Eröffnet wird die Ausstellung am kommenden Sonntag, 24. April, um 11.30 Uhr; zu sehen ist sie dann bis zum 24. Juli. Zeitgleich findet wieder das „Kids Opening“ statt. Hier werden die jungen Besucher von Museumspädagogin Jasmin Schöne in einem zweiten Ausstellunsgraum betreut, während nebenan die Eröffnung für die Erwachsenen stattfindet. Die Kinder und Jugendlichen erfahren viel über Donatella Landi und ihre Kunstwerke.Weitere Infos gibt es auch unter www.museum-goch.de