GELDERLAND. Gemeinsam lässt sich viel mehr erreichen: In diesem Sinne haben sich die Kommunen Wachtendonk, Issum, Kerken, Rheurdt, Grefrath und Kempen zusammengeschlossen, um sich gemeinsam als „Leader-Region“ für die Förderperiode 2023 bis 2027 zu bewerben. Dafür haben sie am 4. März eine 90-seitige Regionale Entwicklungsstrategie (RES) eingereicht.

Beim Leader-Programm handelt es sich um ein Förderinstrument der EU und des Landes NRW, das der Entwicklung des ländlichen Raumes dient. Den Motor für die Entwicklung vor Ort stellt eine Lokale Aktionsgruppe (LAG) dar, die im Rahmen der Förderung von einem hauptamtlichen Regionalmanagement begleitet wird, das mindestens 1,5 Vollzeitstellen umfasst. Gewählt wird die LAG von einer Mitgliederversammlung des für alle offenstehenden Vereins LAG Mittlerer Niederrhein.

Großer Anklang

Die Idee, als Leader-Region Mittlerer Niederrhein ins Programm aufgenommen zu werden, kam in Wachtendonk auf. Zu diesem Gedanken angestoßen wurde Bürgermeister Paul Hoene, als er ein Informationsschreiben über den Bewerbungsstart bekam. Bald schon fragte er im benachbarten Grefrath nach einer Kooperation. Nach der sofortigen Zusage ließen sich auch die übrigen Partner nicht lange bitten. Gemäß den zwei gemeinsamen Triebfedern stand der Leitsatz der Kommunen bald fest: „Kreise verbinden – Menschen bewegen“.

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Die RES ist nicht nur ein Handlungsleitfaden für alle Bewerber, sondern auch eine notwendige Grundlage für die Bewerbung selbst und funktioniert nach dem Bottom-Up-Prinzip. Das heißt, die Einbeziehung der Bürger und lokalen Akteure ist ein wesentliches, allgegenwärtiges Merkmal. Begleitet wurden die Kommunen bei der Erstellung vom Beratungsunternehmen „Cima“ aus Köln.

Als Grundlage für die RES veranstaltete man von Dezember bis Januar diesen Jahres zunächst eine Onlineumfrage unter den Einwohnern, um den Ist-Zustand zu bewerten. „Die Bewertungen zeigen, dass die Identifikation mit der Region sehr hoch ist“, sagt Projektleiterin Gudula Böckenholt von der Cima. Weiter würden die Rad- und Wanderwege und die Naherholungsangebote positiv beurteilt. Auch das Vereinsangebot und -leben sei eine Stärke. Weniger gut davon kommen hingegen die Anbindung an den ÖPNV und die seniorenübergreifenden und Jugendangebote. In diesem Sinne sollen in Zukunft die Schwächen abgebaut und die Stärken hervorgehoben werden. Weitere Veranstaltungen, wie regelmäßige Absprachen der Steuerungsgruppe bestehend aus Vertretern der Kommunen, das öffentliche Regionalforum im Januar und themenbezogene Gespräche mit Experten und Akteuren aus der Region erweiterten die Grundlage für die RES. Der generelle Fokus lag bei allen Terminen auf den vier Themen Mobilität und Verbindungen, Regionalität und Nachhaltigkeit, Lebenswerter Niederrhein und Tourismus, Freizeit, Kultur.

Stärken und Schwächen

Diese Ergebnisse gingen schließlich in eine SWOT-Analyse ein, um die Stärken und Schwächen wie auch Chancen und Risiken in der Region auszuarbeiten. Zu den Stärken zählen zum Beispiel der attraktive Naturraum und Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten. Zu den Schwächen zählen die geringe Vernetzung kommunaler Angebote und unzureichende ÖPNV-Angebote. Chancen sehen die Verantwortlichen im ländlichen Wohnort mit guter Anbindung an die Großstädte oder im Ausbau des sanften Tourismus. Risiken seien hingegen hohe Auspendlerquoten und ein hohes Verkehrssaufkommen sowie das begrenzte Zeit- und Arbeitspotenzial der Landwirtschaft. „Daraus haben wir die Handlungsbedarfe und Ziele für das Projekt abgeleitet“, sagt Böckenholt.

Die daraus abgeleiteten übergeordneten Ziele: Kreisgrenzen überwinden und Transparenz schaffen sowie Menschen aller Altersklassen vernetzen und regionale Identität stärken. Diese wurden zudem noch individuell auf die vier Themenbereiche angewendet und ausformuliert. Im Rahmen der Mobilität etwa sollen im Sinne der Zugänglichkeit die Verbindungen zwischen den Angeboten in der Region ausgebaut werden, ebenso wie der Umweltverbund durch verbesserte Radwege und den Ausbau von Elektromobilität gestärkt werden soll.

Im Rahmen von Tourismus, Freizeit und Kultur sollen vor allem für Jugendliche vielseitige Angebote entstehen. Für den Erhalt und die Stärkung der Region als „lebenswerter Niederrhein“ sollen die vielen Vorteile als Wohn- und Lebensraum bewahrt und gestärkt werden. Ziel ist hier außerdem, die jungen Menschen in der Region zu halten. Um Regionalität und Nachhaltigkeit zu stärken, soll die Region nachhaltiger und ökologischer aufgestellt und dabei – wie auch sonst im gesamten Projekt – die Bürger und Besucher aktiv eingebunden werden.

Hinzu kommen noch Querschnittsthemen, die sich durch alle Bereiche ziehen. Kommunikation und Kooperation, Wirtschaft und Digitalisierung sind hier zu nennen.

Ideen für erste Projekte

Neben einem Kriterienkatalog für die Zulassung und Priorisierung künftiger Projekte stellte Böckenholt auch mögliche Pilotprojekte in den vier Themenbereichen vor. Darunter ein Mobilitäts-Workshop, die Entwicklung touristischer Routen, die sich Interessenten selbst zusammenstellen können, ein Jugendworkshop und die Planung und Organisation eines Blühstreifenmanagements. Aber nicht nur innerhalb der eigenen Leader-Region soll Zusammenarbeit großgeschrieben werden, sondern auch mit anderen Regionen: egal ob im Sinne von Austausch oder gemeinsamen Projekten.

Konkrete Bewerber- oder Fördergelder-Grenzen sind Böckenholt nicht bekannt, daher sieht sie gute Chancen für den Antrag der Kommunen. Auch Kerkens Bürgermeister Dirk Möcking zeigt sich optimistisch: „Wir sind alle sehr zuversichtlich, dass es zustande kommt. Es ist eine große Hausnummer und mit viel Arbeit verbunden, aber auch mit vielen Chancen. Und die wollen wir wahrnehmen.“ Laut Hoene sei die Krux bei Förderprogrammen oft, dass eine Kommune solche Programme selbst abrufen und durchführen müsse. „Der Charme dieses Programms ist jedoch, dass das nötige Personal gleich mitfinanziert wird.“

Mit dem EU-Förderprogramm wurden seit Anfang der 1990er Jahre bereits rund 1.500 Projekte gefördert.