NIEDERRHEIN. Mit einer neuen Vorsitzenden startet Herzenswunsch Niederrhein ins Jahr 2022. Fast 18 Jahre lang stand Reinhold Kohls an der Spitze des gemeinnützigen Vereins. Nun übernimmt Bianca van Hardeveld – mit Fritz Kup und Eckart Liwerski bleiben aber zwei seit der ersten Stunde im Vorstand aktive „Herzenswünscher“ an ihrer Seite.

„Ich habe dabei ein sehr gutes Gefühl“, ist der 63-jährige Bedburg-Hauer Arzt davon überzeugt, mit van Hardeveld eine würdige Nachfolgerin gefunden zu haben. Kohls bleibt dem Verein erhalten und wirkt hinter den Kulissen weiter. „Ich möchte nur nicht mehr in der ersten Reihe stehen“, sagt er.

Von der Hospizarbeit zum Herzenswunsch

Menschen mit einer schweren Erkrankung oder Behinderung einen letzten Wunsch zu erfüllen war 2004 Grundgedanke der von Reinhold Kohls initiierten und zunächst als Hospizverein gegründeten Körperschaft. Weil im Laufe der Jahre immer häufiger das Anliegen an den Verein herangetragen wurde, auch den psychisch und physisch stark geforderten Angehörigen oder Hinterbliebenen einen besonderen Wunsch zu erfüllen, verlagerte sich der Schwerpunkt der Vereinsarbeit. Im Jahr 2010 erfolgte schließlich die Umbenennung in Herzenswunsch Niederrhein.

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„Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich an den kleinen Robin denke, der überglücklich gewesen ist, als er mit Fernsehkoch Björn Freytag in der Studioküche des WDR in Duisburg fachsimpeln durfte“, erinnert sich Kohls an eines von unzähligen schönen Erlebnissen. Der Sechsjährige, der an einem irreparablen schweren Herzfehler litt und drei Wochen nach dem Besuch verstarb, hatte damals alle Herzen im Sturm erobert. „Es war unglaublich rührend und alle haben sich so liebevoll um ihn gekümmert“, blickt Kohls dankbar zurück. „Man nimmt auch so viel für sich selber mit“, sagt er. Treffen mit berühmten Fußballspielern, Konzert- und Musical-Besuche und viele weitere ganz persönliche Herzenswünsche wurden im Laufe der Zeit erfüllt.

Trauerarbeit

Dabei stellten Kohls und seine Mitstreiter fest, dass es an einem Angebot für Kinder und Jugendliche fehlte, die mit einem schweren Verlust fertig werden müssen. Unentgeltlich und – wenn erforderlich – über einen langen Zeitraum. „Das gab es in unserer Region einfach nicht“, betont Kohls, dass ihm die Trauerarbeit sehr ans Herz gewachsen ist. Über Vereins-Mitglied und Trauerbegleiterin Bianca van Hardeveld rückte die Trauerarbeit im Verein zunehmend in den Fokus. Schließlich kam der Kontakt mit den Emmericher Johannitern zustande, die ebenfalls „Herzenswünsche“ erfüllen. „Es ist toll zu sehen, wie professionell die aufgestellt und ausgerüstet sind“, freut sich Kohls. Mittlerweile kooperieren die Herzenswünscher im Bereich der „Wunscherfüllung“ mit den Johannitern. Man hat ein weitreichendes Netzwerk aufgebaut, tauscht sich aus – und ergänzt sich. „Uns ging es nie darum, in Konkurrenz zu anderen zu stehen“, sagt Kohls. Und van Hardeveld ergänzt: „Es kommt nicht darauf an, wer hilft. Es kommt darauf an, dass geholfen wird!“

“Die Nachfrage ist groß”

Reinhold Kohls ist überzeugt davon, dass der Verein mit Bianca van Hardeveld als Vorsitzender wertvolle Hilfe leistet. Dabei ist der neue Schwerpunkt der Vereinsarbeit nicht der Grund für den Rückzug Kohls aus der Öffentlichkeit. Nach einem persönlichen Schicksalsschlag fehlt es ihm an der Energie, die seinem Anspruch nach erforderlich ist, um „in erster Reihe“ zu agieren. „Man muss für sich selbst gut aufgestellt sein“, sagt Kohls. Er sei ein Typ, der 100 Prozent gebe. „Und wenn ich das nicht kann, dann lasse ich es bleiben“, sagt er.
Mit Bianca van Hardeveld steht nun eine Frau an der Spitze, die eben diese 100 Prozent leisten kann und einiges vor hat. „Die Nachfrage ist groß“, weiß sie, wie dankbar die Angebote des Vereins angenommen werden. Auch über die Kreisgrenzen hinaus. Aktuell sind vier erfahrene Trauerbegleiter und einige weitere Helfer, etwa fürs Kochen oder den Fahrdienst, im Einsatz – es dürften aber noch viel mehr werden. Dabei geht es in erster Linie darum, verbindlich Zeit zu schenken. „Das ist für viele Leute schwer“, bedauert van Hardeveld. Abgesehen von den Fahrtkosten, die erstattet werden, arbeiten alle Helfer, auch die Trauerbegleiter, rein ehrenamtlich. „Kostenlos, aber nicht umsonst“, wie van Hardeveld weiß. Den Kindern und Jugendlichen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, ihnen Hoffnung zu geben, eine Stütze zu sein – unbezahlbar.

Anlaufstelle im Herzen der Stadt Kalkar

Mehr als gut aufgehoben fühlt man sich in den festen Räumlichkeiten an der Wallstraße 10 im Herzen der Stadt Kalkar. 2018 hat der Verein hier, nach langer Suche, sein Zuhause gefunden. Die zu einem „sehr fairen Preis“ angemieteten Gruppenräume, inklusive Küche und kleinem Innenhof, werden sowohl für die Gruppentermine als auch für Einzelgespräche genutzt. Natürlich hat die Pandemie auch bei Herzenswunsch Niederrhein für längere Unterbrechungen und abgesagte Aktionen gesorgt, doch im Moment trifft man sich wieder regelmäßig – natürlich unter strenger Einhaltung der Corona-Regeln. Zum Angebot zählen die Treffen der Kinder- (jeden zweiten Freitag im Monat, 16 bis 18 Uhr) und Jugendtrauergruppen (jeden zweiten Freitag, 17.30 bis 19.30 Uhr), ein Trommelworkshop (jeden vierten Freitag, 17 bis 18 Uhr), ein Anti-Aggressionstraining (jeden dritten Freitag, 17 bis 18 Uhr), ein Theaterworkshop (14-tägig sonntags), Ferienfreizeiten und Ausflüge sowie regelmäßige Treffen für Eltern der in den Trauergruppen begleiteten Kinder. Ein Tag der offenen Tür ist für Mai geplant. „Wir hoffen, dass wir in diesem Jahr wieder ein großes Fest feiern können“, stellt Bianca van Hardeveld ein „Jahresfest“ für den September in Aussicht – wenn es die Corona-Situation dann erlaubt. Eine Einzelbegleitung von Kindern und Jugendlichen ist nach Terminabsprache ebenfalls möglich.

Kontakt

Wer den Verein unterstützen oder sich selbst engagieren möchte, kann sich an die Vorsitzende wenden. Auf Wunsch – und bei zuverlässiger Mitarbeit – finanziert der Verein auch eine Ausbildung zum Trauerbegleiter. Kontakt unter Telefon 01516/ 5625815. Infos gibt es auch im Internet unter www.herzenswunsch-nrdh.de. Die Seite wird in Kürze überarbeitet.