Schlicht und ergreifend

KRANENBURG. Sagen wir‘s wie es ist: Dieser Pilatus – ein Weichei. Einer von der Sorte: jaklarabervielleichtdochbessernicht. Ein Duckmäuser. Ein irgendwie Meinungsloser. Und wer, bitte, war Pilatus …?

Berg-Erlebnis in Stadtnähe

Na, das war doch der, der diesen Jesus verurteilt hat: Ist schon ein paar Jahre her. Pilatus heute? Gleich mal googeln. Zum Beispiel: „Pilatus Aircraft LtD Aircraft Manufacturer“. Flugzeugbauer also. Oder: „Pilatus – Bergerlebnisse in Stadtnähe“. Um den „eigentlichen“ Pilatus zu finden, muss man Google schon mit einem Zweitbegriff füttern: Pilatus, Bibel. Oder: Pontius Pilatus. Na bitte: Pontius Pilatus – von 26 bis 36 nach Christus Präfekt des römischen Kaisers Tiberius in der Provinz Judäa. Pilatus gehört zum „Personal“ eines Kreuzweges. Kreuzwege hängen in Kirchen und zeichnen in 14 Stationen das Finale eines Lebens. Es ist das Leben Jesu und dessen Tod am Kreuz.

Einfach erzählen

Dirk Willemsen ist Kirchenmusiker im Ruhestand. Aber Willemsen ist vor allem auch einer, dem Zeichnen und Malen wichtig sind. Jetzt hängt in der Kranenburger Wallfahrtskirche ein neuer Kreuzweg. Willemsen hat ihn entworfen und gemalt. Sollte man, was er da geschaffen hat, in ein Wort fassen – es wäre „schlicht“. Willemsen ist keiner, der Sachen aufbauscht. „Du musst eine Geschichte einfach erzählen“, sagt er. Und: „Es geht um das Wesentliche.“ Willemsens Kreuzweg ist fern von barocker Oppulenz und Pausbäckigkeit. Sein Kreuzweg ist Reduktion auf das Wesentliche. Schlichte Farbigkeit, schlichte Ausstattung. Wenig Personal.

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Ein Handwerker

Der Mann, der bei der 11. Station Jesus ans Kreuz nagelt, ist ein Handwerker. Natürlich könnte man ihn als ein Werkzeug des Bösen darstellen. Willemsen aber beschränkt sich auf das Rudimentäre. Ein Bild mit zwei Menschen. Mehr braucht es nicht. „Da müssen jetzt nicht noch zehn Leute im Hintergrund stehen.“ Willemsen erzählt, was zu erzählen ist. Nicht mehr, nicht weniger. Man muss hinterherdenken. Sich einlassen.

… nach eurem Gesetz

Dass sich da einer auch mit dem Wesen der Karikatur auskennt, zeigt sich – siehe oben – im Pilatus des ersten Bildes. Zu sehen: ein Duett. Da ist der Mann mit Dornenkrone und daneben sein Richter: ein Weichei irgendwie. Nein, man steht nicht vor dieser ersten Station und lacht sich schlapp – aber man sieht einen Entscheider im Rückwärtsgang; einen, der lieber nicht täte, was er da tut; einen, der alles versucht hat, diesen Typen mit Namen Jesus vor dem Schicksal zu retten. Und doch folgt Pilatus am Ende dem Willen des Volkes: er lässt sich instrumentalisieren. „Nehmt ihn und richtet ihn nach eurem Gesetz. “

Symbol als Struktur

Willemsen hat lange nachgedacht über seinen Kreuzweg. Bilder sind das Ergebnis von Entscheidungen am Ende eines Prozesses. Willemsen zeigt Skizzen, die er im Vorhinein gefertigt hat. Schnell erkennt man im schwarzweißen Entwurfsmodus die Struktur. Jedes Bild spielt vor dem Hintergrund einer Kreuzfläche. Das Symbol also wird zum strukturierenden Element. All das fällt – sieht man sich die fertigen Stationen an – nicht unmittelbar ins Auge, aber es stellt den Stationen des Kreuzweg eine Grundstruktur zur Verfügung. Und noch etwas fällt auf: „Ich habe Jesus immer im Hellen gemalt“, sagt Willemsen. Und dann: die Römer. Sie kommen alle irgendwie ein bisschen tumb daher. Ein Unterton ist spürbar: eine Farbe in der Farbe. Da ahnt man den Kommentator – den, der am Ende nicht nur gestaltet sondern auch empfindet.

Kammerspiel

Willemsens Kreuzweg ist kein Blockbusterkino – zu sehen ist ein Kammerspiel: mehr Pasolini als Gibson. Der Vorteil der Gemälde gegenüber dem Film: Nichts muss realistisch sein. Gemälde: still gelegte Wirklichkeiten. Willemsen bleibt als Beobachter immer auf Abstand. Nichts ist „wie im Film“. Großaufnahmen finden nur im im Kopf des Betrachters statt. Die Geschichte wird mit ihren unverzichtbaren Elementen erzählt. „Watt mott, datt mott.“ Mehr Weglassung wäre nicht gegangen. Willemsens Kamera: immer in der Halbdistanz. Seine Erzählhaltung: aus der Mitte. Da kommt kein Neunmalkluger und erklärt den anderen die Welt. Willemsen lässt die Deutungshoheit beim Betrachter. Sein Kreuzweg: eine Art stilles Bekenntnis zum Eigentlichen.

Thomas Reiner beim Rahmen des Kreuzwegs. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Römische Zahlen

Ich treffe Willemsen in der Schreinerwerkstatt. Er sieht beim Rahmen der Bilder zu. Wieder wird ein Bekenntnis laut: „Mir war es wichtig, dass der Auftrag für die Rahmen in Kranenburg vergeben wird. Ich hätte allen anderem nicht zugestimmt. Thomas Reimer hat die Rahmen gefertigt. „Nichts Besonderes“, sagt der Mann, der seit 26 Jahren Tischler ist und bei van Wickeren gelernt hat – in dem Betrieb, wo er auch heute noch arbeitet. Nichts Besonderes – und trotzdem wird Reimer so bald nicht wieder einen Kreuzweg rahmen. Während er die Bilder in die schlichten Rahmen leimt, tönt aus dem Radio Chartmusik und erdet den Kreuzweg – holt ihn aus dem Entrücktsein. Einen winzigen Augenblick lang spukt der Gedanke durchs Hirn: Man sollte diesen Kreuzweg in eine Werkstatt hängen und also den Rückweg in die Wirklichkeit antreten lassen. Dinge verändern ihre Bedeutung mit der Umgebung, in der sie angetroffen werden. Das ist eine andere Geschichte.
Vierzehn Bilder: die Stationen – nummeriert mit römischen Zahlen. Der Anfang und das Ende: signiert: DW 2021. Mehr nicht. Der Autor tritt den Schritt zurück, den die Geschichte braucht, um ins Zentrum zu rücken.

Dirk Wilemsen mit einer seiner Skizzen. NN-Foto: Rüdiger Dehnen