Charlottes Lächeln

KRANENBURG. Um zu sehen, wie Charlotte sich freut, geht es nach draußen vor die Schule. Maske ab zum Foto: ein Preisträgerinnenstrahlen. Und während man Charlotte ansieht, fragt man sich: Gibt es da vielleicht eine Ähnlichkeit? Haltstop: Niemand weiß, worum es geht. Also: der Reihe nach.

Rollentausch

Alle zwei Jahre veranstaltet die Stadt Rees einen bundesweiten Schreibwettbewerb für Schüler der Klassen 5 bis 12 (beziehungsweise 13). Das Thema in diesem Jahr: „Rollentausch“. (Die NN berichteten.) Charlotte Büchsenschütz-Nothdurft geht in Kranenburg zur Euregio-Realschuleschule. Vom „Tom Sawyer Wettbewerb“ erfuhr sie durch ihre Lehrerin Sharon Ebbers.

Besuch im Louvre

„Zuerst habe ich bei dem Thema überlegt, was das bedeutet“, erinnert sich Charlotte, „aber dann sind mir eine Menge Ideen durch den Kopf gegangen.“ Und eine davon hatte mit der vielleicht bekanntesten Frau der Welt zu tun. Nein – hier ist nicht die Rede von einer Pop-Größe unserer Tage. Die Dame, an die Charlotte denken musste, ist vielleicht nicht einmal eine Schönheit. Die Meinungen gehen auseinander. Die Dame hat auch bereits ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel und trotzdem das Haltbarkeitsdatum noch nicht überschritten. Man hat sie besungen, Gedichte auf und über sie geschrieben und wenn man sie im Louvre besuchen möchte, bleibt nicht viel Zeit, denn: alle wollen sie sehen. Klar, dass es die Mona Lisa ist.

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Schon immer

„Ich habe mich schon immer für die Mona Lisa interessiert“, und irgendwie klingt das nach jemandem, der im vorgerückten Alter in den Rückspiegel schaut. Von wegen: Charlotte ist Jahrgang 2008. „Ich wusste schon etwas über die Mona Lisa, aber ich habe, bevor ich mit dem Schreiben angefangen habe, erst mal recherchiert. Zum Beispiel weiß ich, dass die Mona Lisa keine Augenbrauen hat.“ (Schau an: Ist einem das schon aufgefallen?)

Lieber zum Reiterhof

Wie schreibt man über die Mona Lisa, wenn das Thema „Rollentausch“ heißt? Charlottes Geschichte beginnt im Auto: Die Familie reist nach Paris und die Ich-Erzählerin ist irgendwie nur ansatzweise begeistert, denn sie hätte die Ferien lieber auf einem Reiterhof verbracht. Jetzt aber: Paris, „ohne dass ich ein Wort Französisch verstehe“. So kann‘s kommen. Und dann auch noch das: Gleich am ersten Tag: Regen. Der Beschluss lautet: Wir gehen ins Museum. (Auch das noch, denkt man.) Vor dem „wohl bekanntesten Museum der Welt“: eine ziemlich lange Schlange. „Oh nein, müssen wir da jetzt etwa anstehen? Bis wir an die Reihe kommen, schließt das [Museum] doch schon wieder!“ Ausrufzeichen. „Aber Papa grinst nur, er zieht drei Eintrittskarten aus der Hosentasche.“ Na bitte – geht doch.

Zugeblinzelt

Dann die Begegnung mit ML. „Jetzt gucke ich ihr direkt in die Augen. […] Auf einmal blinzelt sie mir zu. Ja, die Mona Lisa hat mir zugeblinzelt. Das kann doch nicht sein. Bestimmt war das eine Spiegelung im Glas, oder?“
Es war, erfährt man – längst bis zum Äußersten gespannt, keine Spiegelung. ML wünscht – wettbewerbstitelgemäß einen Rollentausch. Charlotte soll ins Bild – für einen Tag nur – und ML ins Wirkliche. ML wird aussehen wie Charlotte und – natürlich – wird Charlotte, sobald sie ins Bild huscht, zur Mona Lisa. (Soll ja schließlich niemand was merken.) Charlotte muss nur einmal ins Bild pusten, dann wird es geschehen. Und natürlich pustet sie: der Rollentausch beginnt.

Kein schönes Gefühl

Jetzt muss Charlotte sich anstarren lassen von all den Leuten: „ … ich werde fotografiert, bis mir die Augen wehtun, und keiner darf mir zu nahe kommen. Von so vielen Menschen betrachtet zu werden, ohne wirklich ein Teil der Gruppe zu sein, ist kein schönes Gefühl.“ Erstaunliche Einsicht durch veränderte Aussichten.
Und nachts erst …

Zweitleben

… plötzlich sind alle Bilderrahmen leer und das „Personal“ lebt ein Zweitleben: „Überall stehen Figuren aus den Bildern und unterhalten sich. […] Ein Mann und eine Frau tanzen. […] Es ist sehr lustig, und ich darf mir sogar einige Bilder von innen angucken.“
Das ist irgendwie ganz großes Kopfkino und am Schluss lässt die Autorin die Leser im Halbdunkel: „War das alles nur ein Traum?“ Da erzählt eine, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Gut, denkt man: Sie war ja mit den Eltern in Paris. Sie ist ja im Louvre gewesen. Kann ja so schwer nicht sein. „Wann warst du in Paris?“, fragt man und Charlotte sagt: „Noch nie.“ Alles nur ausgedacht. Hut ab, denkt man.

Schade

Wie war denn der Augenblick, als sie wusste, dass sie gewonnen hat? „Ich bekam einen Brief aus Rees. Da stand dann etwas von einem Festakt. Und dann stand da noch, dass ich in meiner Altersgruppe gewonnen habe. Ich bin dann auf die Straße und habe laut geschrien.“ Ein paar Tage später dann die Enttäuschung: Wegen Corona wird es den Festakt in diesem Jahr nur im Internet geben. „Das finde ich schade“, sagt Charlotte und man kann es so gut nachvollziehen. Statt dem großen Bahnhof jetzt eine virtuelle Gala.
Aber zwei Sachen sind schon jetzt sicher: Charlotte wird begeistert sein, wenn der Kölner Schauspieler Michael Dick ihre Geschichte „Ein geheimnisvolles Lächeln“ vorlesen wird. Und: Charlotte wird beim nächsten Mal wieder mitschreiben. Bei ihrem Talent hat sie beste Aussichten, es wieder ins Finale zu schaffen und dann zur Gala nach Rees zu fahren.
Hat denn die Schule schon das Buch mit den Siegergeschichten für die Bibliothek bestellt? „Das weiß ich nicht“, sagt Charlotte. Immerhin: Das wirkliche Buch hat sie jetzt zum ersten Mal in der Hand gehabt. Demnächst wird sie wieder Post aus Rees bekommen: Dann hat sie es auch. Herzlichen Glückwunsch.HFrost