Warten auf die Grippeimpfung

Die Nachfrage steigt, doch Lieferengpässe bei Impfstoffen bereiten Apothekern und Ärzten Probleme

KREIS KLEVE. (SP/MB) Die Nachfrage nach Grippeimpfstoffen ist so hoch wie noch nie. Ausgelöst durch die Corona-Pandemie ist die Bereitschaft, sich gegen das Grippevirus impfen zu lassen, augenscheinlich gestiegen. Wie der Apothekerverband Nieder­rhein mitteilt, vermelden Apotheker in Nordrhein-Westfalen jedoch aktuell sehr große Engpässe zur Verfügbarkeit von Impfstoffen. In einer Umfrage gaben Apotheker an, dass die Verfügbarkeit „schlecht“ oder „sehr schlecht“ sei, wohingegen die Nachfrage „sehr viel höher“ als im vergangenen Jahr sei.

Ulrich Schlotmann aus Goch, Sprecher der Apotheker im Kreis Kleve, kann dies nur bestätigen. „Die Apotheker hatten sich vorbereitet, den Impfstoff vorbestellt und ihn den Doktoren zur Verfügung gestellt. Diese haben aber bereits keine Grippe-Impfstoffe mehr“, sagt Schlotmann. Dabei seien 2020 bereits doppelt so viele Impfdosen – zirka 26 Millionen – im Vergleich zu den Vorjahren angeschafft worden. „Doch die kommen aktuell nicht bei uns an“, sagt Schlotmann. Temporäre Lieferengpässe seien daran schuld.

Lieferungen stehen aus: Logistisches Problem bei Herstellern

Peter Moser, Apotheker aus Rees, bestätigt: „Wir haben noch eine Lieferung ausstehen, die auch kommt – wir wissen nur nicht wann.“ Aus seiner Sicht sei es ein „logistisches Problem bei den Herstellern“. Zudem verhindere der zeitaufwändige Zulassungsprozess der einzelnen Chargen eine zügige Lieferung. Mit Blick auf die „diversen Bestellungen mit zig Impfdosen“, die noch ausstehen, sagt Moser: „Wenn die ankommen, können die Ärzte durchimpfen.“ Bleibt nur die Frage, wann es soweit ist. Allerdings: „Fast jedes Jahr treffen Bestellungen nicht dann ein, wenn wir sie benötigen.“

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Ulrich Schlotmann merkt in diesem Jahr deutlich, dass die Nachfrage nach einer Grippeschutzimpfung gestiegen ist – was er selbst sehr befürwortet. „Ich habe schon in den vergangenen Jahren immer wieder gesagt, dass eine Grippeimpfung wichtig ist und sich viel mehr Menschen impfen lassen sollten. In diesem Jahr ist es sicherlich noch wichtiger, dass gegen die Grippe geimpft wird. Denn eine gleichzeitige Grippe- und Coronawelle wäre schon arg problematisch“, meint Schlotmann. Man müsse jetzt besonders darauf achten, dass die Grippewelle sehr flach verlaufe.

Herbst ist die richtige Zeit für die Grippeimpfung

Um dieses Ziel zu erreichen, müsse nun mit den Impfungen angefangen werden. „Jetzt ist die richtige Impfzeit. Die Grippewelle erreicht etwa im Januar und Februar ihren Höhepunkt. Der Oktober und November sind deshalb die beste Zeit für die Impfung“, sagt Schlotmann. Bis der Impfstoff vollständig im Körper aufgebaut sei, dauere es schließlich auch noch zehn bis 14 Tage. Einen generellen Anspruch auf die Grippeimpfung hätten Versicherte ab 60 Jahren, Menschen mit bestimmten Grunderkrankungen sowie Schwangere ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel. Ihnen rät auch Schlotmann in erster Linie zur Impfung.

Dem gegenüber stehen allerdings die Aufrufe aus der Politik. Nicht nur Bundesgesundheitsminister Jens Spahn warb zuletzt verstärkt für die Grippeimpfung – das führte zu den Lieferengpässen beim Impfstoff. Ärzte müssen sich allerdings auch einer weiteren Hürde bewusst sein: den Impfregeln der KV. So hatte Dr. Detlev Kiss, Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin aus Wachtendonk, bei der KV Nord­rhein angefragt, ob eine Nachbestellung von Impfdosen angesichts der gestiegenen Nachfrage und des höheren Bedarfs möglich sei, damit er seine Patienten gegen die Grippe impfen könne. „Die Antwort der KV war: Die Impfregeln bleiben bestehen“, berichtet Kiss.

KV nimmt Ärzte für Impfungen unter Umständen in Regress

Das bedeutet: Einen Anspruch haben die vom RKI ausgewiesenen Risikogruppen, unter Umständen auch deren Angehörige sowie Patienten, deren Versicherung eine Satzungsimpfung (auf Kassenrezept) ermöglicht. Impft ein Arzt außerhalb dieser Regeln, kann ihn die KV in Regress nehmen – er bekommt für die Behandlung des Patienten kein Geld und muss obendrein den Impfstoff selbst bezahlen. „Die Politik hätte das mit einem Federstrich ändern können. Doch unter den aktuellen Gesichtspunkten waren die Aussagen von Herrn Spahn, jeder darf und soll sich impfen lassen, wenig sinnvoll“, sagt Detlev Kiss. Ungeachtet dessen macht er aber deutlich: „Ich würde jeden impfen – denn auch eine Grippe kann lebensgefährlich sein.“

Der Apothekerverband Nord­rhein hat zusammen mit der AOK Rheinland/Hamburg in diesem Jahr ein Modellprojekt gestartet, bei dem nun auch Apotheker nach einer vorherigen Schulung die Impfung vornehmen dürfen. Daran nehmen Apotheken aus den Modellregionen Düsseldorf, Bonn-Rhein-Sieg, Essen, Mülheim, Oberhausen, Duisburg und am rechten Niederrhein teil. Aufgrund des temporären Mangels an Grippeimpfstoffen, bewirbt der Apothekerverband dieses Pilotprojekt aktuell jedoch nicht mehr.

Ein „Ja“ für Impfungen in Apotheken

Schlotmann begrüßt dieses Modellprojekt trotzdem ausdrücklich. „Ich denke, dass die Hemmschwelle für eine Grippeschutzimpfung für Patienten in der Apotheke geringer ist, als zu einem Arzt zu gehen“, schätzt Schlotmann. Das könnte helfen, auch in den nächsten Jahr verstärkt gegen die Grippe impfen zu können. Auch Hausarzt Detlev Kiss sagt: „Wenn der Apotheker sicherstellt und garantiert, dass er bei möglichen Komplikationen geradesteht, hätte ich damit kein Problem.“

Der Apothekerverband Nord­rhein hofft indes, dass die nationale Impfreserve die Situation in den nächsten Wochen entspannen wird. „Nicht nur mit Blick auf die flächendeckende Umsetzung unseres Modellprojektes hoffen wir, dass sich die Verfügbarkeit von Grippeimpfstoffen schnell verbessert. Dabei setzen wir vor allem auch auf die sechs Millionen weiteren Impfdosen, die im November über die nationale Impfreserve bereitgestellt werden. Erst dann wird sich zeigen, ob in diesem Winter genug Grippeimpfstoffe zur Verfügung standen“, sagt Vorsitzender Thomas Prei. Apotheker Moser ergänzt: „In unseren Gremien wird auch immer über diese Reserve von Herrn Spahn gesprochen. Es bleibt aber die Frage: Warum hat er sie nicht längst bereitgestellt?“