Aufforderung zum Tanz

Geschichte ist überall. Manchmal verwittert sie in Form alter Plakate am Straßenrand und sträubt sich gegen das Versinken im Vergangenen. Die Niederung zwischen Niel und Keeken ist ein filmreifes Terrain. Man sollte die Coen-Brüder einladen, sich hier mal auszutoben. West-Texas in der Düffel …

Fernsehballett

Klaus Franken ist Klever. Allerdings war er lange weg: Berlin. Seit drei Jahren ist er zurück, wohnt in Kleve und radelt mit seiner Frau Cosima (welch ein Name hallt da ins Grüne) durch die Landschaft. Merke: Langsam sieht mehr. Irgendwann fiel Franken das Plakat auf: „Niel tanzt.“ Auf dem Plakat: Ein tanzendes Paar, das ein bisschen aussieht, als hätte es in der 60-er Jahren zu einem Samstagabend mit dem Fernsehballett eingeladen. Großes Kino als Plakat.
Franken erinnerte das Plakat an Kluge. „Kluge war eine Tanzschule in Kleve. Das war im Gebäude des Burgtheaters. Kino, Theater, Tanz. As time goes by.
Jetzt standen Klaus und Cosima mitten im Westen an diesem Plakat: „Niel tanzt. 07. 09. 2019 im Festzelt. Ab 20 Uhr.“ Wie schnell Dinge eine andere Richtung einschlagen. In diesem Jahr, dachte Franken, wird Niel wohl nicht tanzen. Es reifte der Gedanke, das Nieler Tanzplakat in einen Lenolschnitt einzubauen … nein, das ist kein Einbau – Franken hat das Plakat ins Zentrum genommen. „Niel tanzt …“

Nach Spanien

Da ist noch immer dieses Paar, aber Franken hat einen Text ergänzt, der irgendwie alles in Melancholie tauchten lässt:
Niel tanzt nicht mehr. Und nun? Wir nehmen ein Blatt vor den Mund und warten ab. Wohin fliegen wir, wenn die Luft wieder rein ist? Die Störche schaffen es nur noch bis Spanien. Dort landen sie auf der Müllkippe.
Man spürt, wie einem der Atem stockt. Klaus Franken, das wird schnell klar, will nicht Schwarzmalen. Aber in seiner neuen Arbeit gerinnt irgendwie alles zum Fragezeichen. Da ist einer auf der Spur einer gewesenen Normalität, die es so – vielleicht – nie mehr geben wird. „Wir nehmen jetzt ein Blatt vor den Mund, wo wir es sonst nicht getan hätten“, sagt Franken und meint die Masken. Nein – er ist kein Gegner, er ist – wie wir alle vielleicht – ein Verunsicherter. „Wenn wir alle Masken tragen, ist es ja fast schon wieder normal.“

Erschütterte

Trotzdem: Wir sind Erschütterte – das könnte Teil des Gedankens sein. Aber wir sind auch die, die – mehr als früher vielleicht – genauer hinschauen. „Ich wohne mit meiner Frau in einem Mehrparteienhaus“, sagt Franken, „und ich merke schon, dass da jetzt eine andere Achtsamkeit herrscht.“ Es ist die Konzentration auf das Unmittelbare. Ein Satz im Treppenhaus. „Wie geht‘s?“
Ein bisschen ist das wie der Unterschied zwischen Autofahren und zu Fuß gehen: Langsam sieht mehr. Aus einer grünen Fläche werden einzelne Halme. „Vielleicht werden wir am Ende dieses Zustandes die Welt bewusster wahrnehmen“, sagt Franken. Natürlich wünscht man sich das. Und doch – irgendwie bleibt dieses Bild im Hirn stecken: Die Störche, die in Spanien auf der Müllkippe landen. Franken sagt: „Das Landen auf der Müllkippe muss nicht der Tod sein. Landen kann man auch nach dem Flug.“ Aber wer will schon auf der Kippe landen?

Leben in der Bremsspur

Frankens Version von „Niel tanzt“ ist eine Art Entschleuniger. „Vorfahrt achten“, sagt die Arbeit. „Niel tanzt – 7. September, 2019, ab 20 Uhr im Festzelt.“ Ganz unten in der Franken-Version steht: April 2020. Keiner weiß, ob Niel tanzen wird. Wir leben in einer Bremsspur. Aber entscheidend ist nicht die Bremsspur – entscheidend ist, dass wir leben. Franken ist einer, der hofft, dass etwas hängen bleibt – dass Krise in Erkenntnis mündet. Aus einem Plakat von gestern ist ein Gedanke von heute geworden – einer, der sich gegen das Verwittern sträubt. Die Einladung zum Tanz. Kunst kann das.