Ein Opfergang

Die Mutter der Enttäuschung ist die Erwartung, denkt man, als – nach 60 Minuten – das Licht auf der Bühne erlischt. Was hatte man falsch gemacht? Zu viel erwartet? Etwas anderes? Schwer zu sagen.

Eine Spende

Leichter lässt sich die Diagnose stellen, dass man vielleicht etwas anderes durchlebt hat als all die, die sich begeisterungsberauscht von ihren Sitzen erheben und einen kaum enden wollenden Beifall spenden. Ja – eine Spende: so fühlt sich die Begeisterung der anderen im eigenen Empfinden an. Vielleicht hatte man sich beim Eintritt in den Saal in einem Paralleluniversum eingerichtet. Man ist offensichtlich in eine Welt anderer Befindlichkeiten abgebogen – in eine Welt, die einen vereinzelt und zum Missfallensinsekt werden ließ. Die Musik: zu laut – über weite Strecken – und diktiert von einer weltmusikalisch scheinbaren Beliebigkeit. Es fand sich kein komponierter Gedanke, der 60 Minuten lang in der freien Wildbahn der Empfindungen hätte überleben können. Man möchte sich austauschen mit den Technikern. Möchte fragen: Warum muss es so laut sein? Laute Töne klingeln in den Ohren.

Ein schlechter Tag

Der Tanz: Er folgt der Musik. Offenbart hier und da Ansätze, deren Ausbau man sich gewünscht hätte. Stattdessen: Stückwerk. Das Bühnenbild: irgendwie traurigeintönig und ohne Veränderung. Alles, was sich ereignet hat – kriechende 60 Minuten lang – geht nirgends eine Verbindung ein; schafft es nicht ins Land des inneren Staunens. Da sitzt man: Ist zum Geigerzähler mutiert, der Schwingungen aufzeichnet, die ins Leere des eigenen Inneren laufen und in einem Nichts ihr ton- und echoloses Ende finden.
Nein: es muss an den eigenen Erwartungen liegen. Mit einem vorfreudigen Hochgefühl war man angereist und jetzt sollen die auf der Bühne verantwortlich sein, für die selbst erzeugte Enttäuschung? Nein. Man ist weder berufen noch bestellt, die Träume der anderen mit dem Stecknadelkopf zu attackieren und ein Schlachtfeld aus geplatzten Ballonen zu hinterlassen. Vielleicht besser konstatieren, dass man einen schlechten Tag hatte: beim Hören, beim Sehen, beim Denken.

-Anzeige-

Chapeau mit gezogener Handbremse

Der Applaus, den man spendet, kratzt an der Nötigkeitsgrenze. Man muss etwas anderes gesehengehörtempfunden haben als die, mit denen man die letzten 60 Minuten zusammen verbracht hat. Da ist ein Traum ins Leere gelaufen und das Leere war die eigene Seele. Vielleicht muss man sie mal zum Großreinemachen einschicken.
Auf der Bühne lassen sich Musiker und Tänzer feiern und sie haben es alle verdient. Der Herr von der Presse ist womöglich in einer anderen Aufführung gewesen. Es kann nicht immer allen alles gefallen. Vielleicht war, was man gesehen hat, an ein anderes Empfinden gerichtet: ein Empfinden der kurzen Wege. Vielleicht hat man vermisst, dass diese Aufführung keine Fragen stellt. Vielleicht ist man das Einszueins von Erleben und Verstehen nicht gewöhnt. Vielleicht ist man trainiert auf das Umseckdenken.
Was man sah und hörte, hat den Eindruck des Unfertigseins hinterlassen. Was hätte sich machen lassen aus dieser Vermählung des Europäischen mit dem Afrikanischen? Vielleicht ist man an eben dieser Erwartung zerschellt. Aber man freut sich mit all denen, die es genossen haben. Man ist nicht als Spaßverderber angetreten. Beim nächsten Mal alles Erwarten auf Null stellen. Wenn ein Vorwort Strawinskys Sacre streift, wird die Latte hoch gelegt. Vielleicht war es das? Da lag der Köder und man hat ihn falsch herum verschluckt. Vielleicht war es das. Manchmal ist Respekt vor der Leistung die größtmögliche Zusammenfassung des Erlebten. Chapeau mit angezogener Handbremse.

P.S.

Zuhause am Schreibtisch ist man auf der Suche nach Szenenfotos und plötzlich ist sie da: Die Poesie, die man auf der Bühne vermisst hat. Da hält das Mystische seinen Einzug: die Bewegung eines Fingers macht das Spielfeld zur Kathedrale. Jetzt – in der Stille des Fotografierten – findet eine magische Verschmelzung statt, die man auf der Bühne vermisste. Da wollten Synthesizer (E-Piano) und verstärkte Geige nicht in- und zueinander finden. Da gelang nur selten in der Zärtlichkeit eines Piano die Einigkeit der Klänge. In den schweigenden Bildern zeigt sich das Potenzial der Idee. Man müsste am Licht arbeiten, an dem alles betäubenden Hintergrundbild … und dann …

Dada Masilo. Foto: John Hogg

Choreographie: Dada Masilo

Tänzer: Dada Masilo, Sinazo Bokolo, Thandiwe Mqokeli, Lwando Dutyulwa, Thuso Lobeko, Steven Mokone, Lebo Seodigeng, Tshepo Zasekhaya, Songezo Mcilizeli

Musik: Ann Masina, Leroy Mapholo, Tlale Makhene, Nathi Shongwe

Kostüme: David Hutt

Ton: Thabo Pule

Beleuchtung: Suzette le Sueur

Regieassistenz: Thabiso Tshabalala