WYSIWYG oder: ad absurdum

NIEDERRHEIN. Manchmal hat man Wünsche. Dafür muss nicht Weihnachten sein. Ballett zum Beispiel: Anreise verstresst: Unfallstau. Schafft man‘s rechtzeitig oder nicht? Dann Baustelle: Umleitung. Man kennt sich nicht aus. Dann das Opernhaus: endlich. Jetzt bloß nichts Kompliziertes. Der Wunsch des Tages: Wohlfühlballett. In den Sessel sinken: Ballettfernsehen aus der vierten Reihe.

Ballett der kurzen Wege

Manchmal gehen Wünsche in Erfüllung. Der Abend: Ballett der kurzen Wege. Gemeint ist nicht der Tanz – gemeint ist die Zeit, die es von den Augen bis in die Seele braucht. Keine Umwege, bitte. „Ad absurdum“ ist ein solcher Abend: Tanz der kurzen Wege. WYSIWYG. Man kennt das von der Software: What you see is what you get. Handlungstanz: Zwei Einakter. Keine Schwäne – keine Nussknacker. Lebenspulse stattdessen.

Tod einer Tänzerin

„The Lesson“ – eine Ballerina kommt bei der Tanzstunde ums Leben. Eigentlich wird sie um Leben gekommen. Mord auf offener Bühne. Drei Personen: die Chorrepetitorin (eine Art Frau Rottenmaier des Klaviers) – die Ballerina, der Tanzlehrer. Vierter Hauptdarsteller: die Musik von Georges Delerue. Was soll man schreiben? Hinreißend. Mitreißend. Süffig. Genial gespielt. Delerue kennt sich mit Filmen aus. Das wird hier schnell klar. Was bei „The Lesson“ passiert ist, wird – hat man den Eindruck – durch die Musik diktiert. Oder zeichnen die Töne das Handeln nach? Es ist am Ende egal. Das ist hier Synchronkino: Was man sieht , hört man – was man hört, denkt man. Irgendwie fühlt es sich an, als säße man mit dem Regisseur auf der Bühne. Irgendwie fühlt es sich an, als sei man selbst dabei. Unmittelbar. Kurzfilmtage. Infotainment der Sonderklasse. Genau das hatte man sich gewünscht – und bekommen. Nach gefühlten zehn Minuten ist das Stück zu Ende. Das ist ein gutes Zeichen, denn der Blick auf die Uhr sagt: Es ist viel mehr Zeit vergangen.
Pause.

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absurdschrillschräg

Dann wird es wirklich absurdschrillschräg. Aber wirklichrichtig. Man muss nicht mehr an Handlung denken. Die Handlung ist ihre eigene Nebensache. Fließband fürs Absurde. Und Schnittke, der Tonspender, zeigt, dass auch er als Handlungsmaler genau weiß, was zu tun – und also zu komponieren – ist.
„Die kahle Sängerin“ ist ein Wiederhören-Stück. Wahrscheinlich hat man nicht die Hälfte des Zitierten erkannt – nur die großen Töne, die über die Bühne marschieren: Ravels nimmermüdes Bolero, Mozarts aberwitziges Fugenmotiv aus der Zauberflötenouvertüre … Alles wirbelt über die Bühne: die Tänzer wirbeln auch. Zwischendurch lacht man in die Maske. Wenn es absurdes Tanztheater gibt – hier ist es. Vielleicht mal am Ende hinter die Bühne gehen. Vielleicht sitzen da doch die Coen-Brüder und lachen sich ins Fäustchen. Niemand hat gemerkt, dass sie jetzt auch choreographieren. Warum, bitte, ist der Saal – immerhin ist Premiere – nicht bis auf den letzten Platz gefüllt? Die da agieren hätten den großen Bahnhof verdient: mit Ovationen am offenen Gleis.

Wie war’s?

Nach der Vorstellung steigt man ins Auto und irgendwie ist die Welt fast unerträglich nüchtern. Man wünscht sich, dass da plötzlich einer im Raumanzug aufmarschiert und sich am Türrahmen den Kopf stößt. Man wünscht sich, dass ein Kronleuchter als Pendel schräg von der Decke wächst, dass Zarathustra eintritt: Ein Mann im Raumfahreranzug. Er trägt zwei Feuerlöscher, als er durch eine lichtgetränkte Tür auf die Bühne stolziert.
Kaum etwas kann so verrückt sein wie dieser Abend es war. Okay – demnächst dann wieder der große Ausdruck, der aus dem großen Eindruck entsteht, aber eigentlich ist es auch hier das Große gewesen … verkleidet im Gewand des Banalen, das ja nicht banal ist. Zuhause die Frage: “Wie war‘s denn beim Ballett?” “Genial. Echt.”

Infos
Weitere Vorstellungen von „ad absurdum“: Sonntag, 21. November, 18.30 Uhr; Samstag, 27. November, 19.30 Uhr; Samstag, 4. Dezemer, 19.30 Uhr; Sonntag, 2. Januar, 18.30 Uhr; Freitag, 7. Januar, 19.30 Uhr. Alle Vorstellung finden im Theater Duisburg statt. Kartenpreise: 17 bis 67 Euro.

Mehr Infos zum Ballettabend “ad absurdum”