WEEZE. Es war im Jahr 2017, als auf Schloss Wissen in Weeze ein wissenschaftliches Kolloquium stattfand. Dessen Ergebnisse sind jetzt im gerade erschienen, 370 Seiten starken Tagungsband „Zwischen Macht und Ohnmacht. Spielräume adliger Herrschaft im frühneuzeitlichen Rheinland” nachzulesen. Er greift das bislang vernachlässigte Thema der regionalen Adelsherrschaft im Ancien Regime auf. Das Buch, herausgegeben von Monik Gussone, Hans-Werner Langbrandtner und Peter K. Weber ist als Band 6 der Schriftenreihe der Vereinigten Adelsarchive im Rheinland (VAR) e.V. im Verlag für Regionalgeschichte erschienen. Vorsitzender des Vereins der Vereinigten Adelsarchive im Rheinland ist Raphael Freiherr von Loë, ansässig auf Schloss Wissen in Weeze.

Zur Vorstellung des Buches „Zwischen Macht“ trafen sich auf Schloss Wissen, v.l.: Dr. Peter Salawek (Autor), Ulrich Francken (Bürgermeister), Raphaël Freiherr von Loë (Vorsitzender Vereinigte Adelsarchive im Rheinland e.V. und Hausherr), Dr. Peter Weber (Geschäftsführer und Archivdirektor Vereinigte Adelsarchive im Rhein e.V.) und Dr. Hans-Werner Langbrandtner (Wissenschaftlicher Beirat Vereinigte Adelsarchive im Rheinland e.V.).Foto: privat

„Vergnügt und entspannt”, so Dr. Peter K. Weber, Archivdirektor der VAR, „legen wir ein Produkt vor, dass sich sehen lassen kann”. Die Publikation wurde ermöglich durch die VAR, die Greven-Stiftung und den Landschaftsverband Rheinland (LVR). Warum sich die öffentliche Hand beteiligt, erklärt Dr. Weber folgendermaßen: „Der Band enthält zahlreiche Erkenntnisse zur Kommunalgeschichte und zeigt damalige förderative Aspekte auf.” Zudem sei die Forschungslücke wieder etwas kleiner geworden. „Der Band ist wichtig für den Adel”, so Weber, „denn er bildet eine Brücke zur Vergangenheit.” Auch für Bürger sei die Publikation interessant, enthalte sie doch die Darstellung lokaler Verhältnisse. Beispielsweise der Herrschaft Wissen. Die Geschichte des Weezer Hauses von Loë ist Gegenstand mannigfacher Forschungen. Im vorliegenden Band ist ihr der Beitrag „Die Erhebung von Wissen und Diersfordt zu Herrlichkeiten im Jahr 1497/1498″, verfasst von Dr. Peter Slawek, Schwiegersohn von Raphael Freiherr von Loë, gewidmet.
Im Jahr 1498 stattete Herzog Johann II. von Kleve und Mark drei verdiente klevische Adlige mit neugeschaffenen Herrschaftsgebieten als Unterherrschaften aus. Einer von ihnen war Wessel von Loë. Auf den 15. Dezember datiert die Urkunde, mit der Herzog Johann II. den ritterbürtigen Rat und Amtmann Wessel von Loë das Privileg der „Herrlichkeit” verlieh. Als Lehen erhielt von Loë das adlige Haus mit Ländereien und den dort lebenden Leuten als Eigenherrlichkeit. Das adlige Haus Wissen wurde mit vollen Gerichtsrechten, auch dem des Blutsgerichts, belehnt und erhielt somit das Recht, einen selbstständigen Gerichtsbezirk zu bilden. Sladek kommt in seinem Beitrag zu der Auffassung, die „Unterherrschaften Wissen (und Diersfort) seien nicht einzig aus dem strategischen Vorgehen der adligen Amtsleute erwachsen.” Vielmehr seien die schwierigen ökunomischen Rahmenbedingungen des Herzogstums Kleve im 15. Jahrhundert zu berücksichtigen. So diente auch Wessel von Loë, der über eine solide wirtschaftliche Basis verfügte, desöfteren als Kreditgeber für den „klammen” Herzog Johann II. Beispielsweise um die Pilgerreise seines Bruders Philipps nach Rom zu finanzieren. Herzog Johann II konnte allerdings viele der der aufgenommenen Kredite zu Lebzeiten nicht zurück zahlen. Deren Tilgung überließ er seinen Nachfahren. Sladek bezeichnet die neuen Unterherrschaften als „multifaktorielles Produkt, das aus den ökonomischen Zwängen, den Persönlichkeiten der handelnden Akteure sowie dem Spannungsfeld zwischen Macht und Ohnmacht zustande kam.” Der Tagungsband ist im Buchhandel zum Preis von 29,90 Euro erhältlich.