Haldern Pop: kleine Träume

HALDERN. Natürlich kennen sie beim Haldern Pop den Vogel Strauß, aber den Kopf in Sand stecken muss man deswegen auch in Corona-Zeiten nicht. Es gibt doch auch gute Nachrichten …

Große Freude

Sehr geehrter Herr Reichmann, ich möchte mich bei Ihnen ganz herzlich für das wunderbare Streamingkonzert am 7. August bedanken, das Sie gemeinsam mit Herrn André de Ridder von Stargaze und Herrn Philip King von Other Voices organisiert haben. […] Es ist eine große Freude zu sehen, wie Musik Europa verbinden kann, gerade auch in den aktuell so schwierigen Zeiten der Pandemie. Ich danke Ihnen erneut für Ihr Engagement bei der Verwirklichung dieser imposanten Kulturbrücke zwischen Deutschland und Irland und wünsche Ihnen sehr, dass es Ihnen bald wieder möglich sein wird, Live-Konzerte zu organisieren. Mit freundlichen Grüßen: Deike Potzel. (Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland, Dublin, 21. September.)

Meta-Ebene

Na bitte – andere werden zu Rittern geschlagen, aber: so ist es auch gut. Kleine Erinnerung: Das Haldern Pop musste in diesem Jahr ausfallen. Haltstop: So würde Stefan Reichmann das nicht formulieren. Das Festival fand – wie soll man sagen – auf der Meta-Ebene statt. Virtuell irgendwie, aber eben auch wirklich. Die Musiker: livehaftig – die einen in der Halderner Kirche, die anderen in einem Kirchlein in Dingle. Es ging beeindruckend zu und all das fand – natürlich – zum ursprünglich anders geplanten Haldern-Pop-Termin statt.

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Trostpflaster

Jetzt also der Brief der Botschafterin als Trostpflaster beim erneuten Gang in den Corona-Tunnel. Andererseits: Auch Trostpflaster ist ja nicht wirklich der richtige Ausdruck. Trostpflaster – das liegt zu nah an Strauß und Sand.

Noch kein Vorverkauf

Einen Termin für das Haldern Pop 2021 gibt es natürlich schon: 12. bis 14. August. „Aber niemand weiß, ob das Festival in gewohnter Weise stattfinden wird“, sagt Stefan Reichmann. Und eben deswegen wird es auch noch keinen Vorverkauf geben. „Manche sagen jetzt natürlich, dass wir das machen sollen – immerhin sind wir nicht weit weg von Weihnachten –, aber wir halten das momentan nicht für das richtige Signal“, sagt Stefan Reichmann.

Renovieren

Trotzdem: Es wird geplant und erfunden. Zum ersten Punkt: Natürlich müssen Gedanken her, Verbindungen geknüpft werden. Um diese Zeit des Jahres würden sie wahrscheinlich den ersten Trailer veröffentlichen – erste Namen nennen, aber andere Zeiten erfordern andere Maßnahmen. Das Motto: Nichts steht fest. „Vielleicht nutzen wir die Zeit des Lockdowns dazu, die Bar umzubauen“, sagt Stefan Reichmann. „Alte Theke rausreißen – moderne Theke einbauen.“ Waaaas??? „Scherz“, sagt Reichmann. Ja, so ist das: Hinter den Masken ist das Lächeln schwer auszumachen. Corona diktiert, aber man muss sich nicht in allen Punkten beugen. Ganz im Gegenteil. Kleinkriegenlassen zählt nicht.

Neues Tagebuch

„Es wird wahrscheinlich ein neues Tagebuch geben“, verrät Stefan Reichmann. Zur Erinnerung: Beim ersten Lockdown hat Reichmann täglich geschrieben. Aus Haldern kommen nicht nur Töne – es geht immer auch um Gedanken, denn was hier über die Jahrzehnte gewachsen ist, kommt nicht nur aus den Klängen. Nein – besser so: Auch Gedanken haben ihren ganz eigenen Klang.

BmR

Derzeit wird über „Sachen für den Popshop“ nachgedacht. Natürlich – da gibt es Platten zu kaufen, aber Merchandising kann nicht schaden. Und was kommt so raus beim Nachdenken? Zum Beispiel: ein Bleistift mit Radiergummi. Okaaay – das hatten wir aber doch schon, oder? Das kommt darauf an. was man dabei denkt. Für Reichmann ist der Radiergummibleistift ein Beispiel für Gedankenkräfte: „Du kannst was machen und du kannst es korrigieren.“ Da ist was dran. Und irgendwie geht es ja genau darum. Maßstäbe müssen gesetzt werden. Irgendjemand muss doch anfangen.

Schnittmengen

Reichmann spricht über Schnittmengen. Jetzt bloß nichts Mathematisches. Keine Sorge. Haldern ist ja längst eine Art Musterdorf. „So ein Festival wie unseres darf am Ende nicht wichtiger sein als der Schützenverein“, sagt Reichmnn, und natürlich könnte man jeden anderen Verein nennen. Haldern Pop – das ist der Gedanke im Hintergrund – ist kein Kunstgewächs. Kunst natürlich schon, aber eben nicht künstlich. Das Festival ist gewachsen: aus dem Dorf, mit dem Dorf und ins Dorf. Keine Einbahnstraßenkultur. Das ist wichtig. Und da Haldern Pop eine gewachsene Struktur ist, gibt es da auch eine Art Infrastruktur in den Köpfen. „In letzter Zeit führen wir viele Gespräche mit Künstlern“, berichtet Stefan Reichmann. Nicht selten geht es um das, was man grundlegende Fragen nennen würde: Was ist der Grund, all das zu machen? So einfach die Frage erscheint –so kompliziert ist am Ende eine Antwort, die standhalten kann.

Aufgeben ist keine Option

In Haldern geht es um Schnittmengen. Reichmann: „Es geht um die Schnittmengen zwischen den Generationen. Um die müssen wir uns kümmern. Das ist natürlich in Zeiten wie diesen schwieriger als sonst.“ Und ob es die alten Strukturen künftig noch geben wird – wer weiß das schon? Wichtig ist in jedem Fall, sich nicht unterkriegen zu lassen. Aufgeben ist keine Option, aber oft genug ist das natürlich leichter gesagt als getan.

Kleine Träume

„Dass wir jetzt das Album von ‚Low Cut Connie‘ veröffentlichen dürfen, ist für uns etwas ganz Besonderes“, sagt Stefan Reichmann und spielt ein Video ab. Die Klänge springen irgendwie gleich über. „Low Cut Connie ist einer, der sich nicht so sehr mit dem amerikanischen Traum befasst, sondern mit den kleinen Träumen und Träumern“, sagt Reichmann. Corona, so viel ist sicher, darf nicht die Bestattung der Träume bedeuten. Die Leute vom Haldern Pop wären nicht, wer und was sie sind, wenn sie alles, was momentan passiert, nicht als Herausforderungen begreifen und versuchen würden, das Beste daraus zu machen. Das Beste ist immer zuerst das denkbar Beste.

“…ich möchte mich auch ganz herzlich für das wunderbare Konzert bedanken. […] Sehr gefreut haben mich auch die zahlreichen so positiven Kommentare von Zuschauern aus der ganzen Welt – ein schöner Applaus auch für die Künstler …“
Und warum macht man‘s nun? Vielleicht, um am Ende selber staunend dazustehen – aber: Wer will das sagen?