Schattenfängerklänge

GELDERN. Das Turmstipendium läuft. Es ist Dienstag, 4. August, und noch gilt: ohne einen, gespielt zwei … Brigitte Heidtmann (Krefeld) und Albrecht Fersch (Berlin) sind angereist. Längst haben sie den Turm mit Beschlag belegt und was schon jetzt zu sehen ist, macht irgendwie Kunstlust.

„Wir freuen uns total“

Lange war nicht abzusehen, ob das 2020-er-Stipendium überhaupt würde stattfinden können. Peter Busch, der zu den Veranstaltern gehört: „Wir freuen uns alle total, dass es nun doch geklappt hat.“ Im Trio des Jahres 2020 fehlt: Roland Spitzer aus Rotterdam. Busch: „Der hat sein Auto bepackt und wartet jetzt in Rotterdam auf das Ergebnis seines Corona-Tests. Sobald er das entsprechende Ergebnis hat, setzt er sich ins Auto und fährt los.“

Ein Instrument

Albrecht Fersch arbeitet parterre. Das hat etwas mit seiner Klangmaschine zu tun, die natürlich keine Maschine ist, sondern ein Instrument. Maschinen, denkt man, sind irgendwie unbeseelt – Instrumente nicht. Im Zentrum: eine alte Schreibmaschine, deren Tastatur Fersch mit „Klangerzeugern“ verbindet. Drückt man eine Taste, wird ein Klang, respektive ein Geräusch erzeugt. Ferschs „Schreibmaschine“ ist – sagt er – vergleichsweise klein. „Das liegt daran, dass ich das Ganze ja am Ende abbauen und wieder mitnehmen möchte.“ Fersch hat schon ganz andere Installationen „abgeliefert“.

Albrecht Fersch an der Turm-Schreibmaschine. NN-Foto: HF

Turm-Schreibmaschine

Die „Turm-Schreibmaschine“ wartet noch auf Tastaturzuordnungen. Keine zehn Prozent der Tasten sind mittels Faden an einen Geräuscherzeuger angeschlossen – aber: noch ist ja auch Zeit, denn die Eröffnungsveranstaltung findet erst am 23. August statt. Längst aber lässt sich ein Eindruck von Fersch wunderbarer Welt der Klänge gewinnen. Am Ende der „Bau- und Konstruktionsphase“ kann man dann vor der Schreibmaschine Platz nehmen und Texte oder Interpunktionszeichen zu Klangereignissen werden lassen. Am Ende finden Klänge-, Geräusche und die Ästhetik der Konstruktion zu- und ineinander.

Die Internetseite von Albrecht Fersch

Licht und Schatten

Zwei Etagen höher bespielt Brigitta Heidtmann den Wasserturm mit Licht- und Schatteneffekten. Ihre Installation ist nichts für einen Sekundenbesuch. Was sie dem Raum und dem Licht des Raumes abgewinnt ist eine Art Kunstsonnenuhr – etwas, das mit dem Sonnenstand das Innere des Raumes variiert und ihn zu einem Lichtprotokoll werden lässt. Es geht um den „Klang des Lichtes“, um seine Instrumentierung und darum, wie verschiedene Oberflächen und Einfallswinkel die Sonnenstrahlen manipulieren. So entsteht eine Licht- und Schattenkathedrale der besonderen Art – eine, die wie gemacht zu sein scheint für die Rundungen des Turmes. Heidtmanns Arbeit entwickelt ihre Kraft aus der Stille. Man möchte den Schattenfängerraum mit niemandem teilen müssen und sich als Solist durch die Nuancen arbeiten. Was Heidtmann „abliefert“ ist eine Raum-Unterschrift – etwas, das den Turm aus der Reserve lockt.

Brigitta Heidtmann im Netz

Zeitbeschleuniger

Unten bei der Schreibmaschine ist es anders: Man möchte sie bespielen und ausprobieren, wie sich Klänge und Geräusche kombinieren lassen. Beide Arbeiten korrespondieren am Ende über das Prinzip, dass es ein Dazutun braucht: oben das Licht – unten den Spieltrieb. Irgendwie mag man nicht abwarten. Irgendwie möchte man einen Zeitbeschleuniger einbauen – eine Verkürzungsmaschine, einen Ungeduldsabbremsebahnhof mit Wartehäuschen, aber es hilft alles nichts: Vorfreuen kann, Warten muss.

Und während man so die Schreibmaschine beackert, meldet das Emailprogramm Post vom Wasserturm. Peter Busch schreibt: „Soeben ruft der 3. Turm-Stipendiat an, dass er positiv auf Corona getestet wurde. Roland Spitzer kommt leider nicht zum Wasserturm ….“. Ohne einen, gespielt zwei …

Das Turmstipendium in Netz