Boegel und die Bienen

GELDERN. Wieder einmal ein „Corona-Eigentlich“. Wieder hatte einer andere Pläne. Und dann: die Pandemie. Wenn einer Künstler ist, hat er zu reagieren gelernt. Ein Kopf im Sand ist nicht Teil des Programms. Man könnte natürlich was draus machen, aber das wäre eine andere Veranstaltung …

Performance

In Klaus Bogels Garten: Ein Plexiglashäuschen – nicht groß genug, dass der Künstler darin stehen könnte. Nicht nötig: Der Plan ist ein anderer. Boegel plant eine Performance: Austausch. Er wird in dem Häuschen, dass an drei Seiten „verglast“ ist und an der Hinterwand durch eine Art Fliegengitter abgeschlossen wird, Platz nehmen. Mit ihm im Container: circa 50.000 Bienen. Neben dem Container – ein bisschen im Abseits – ein Notfallset mit Medizin. „Niemand weiß, ob die mich stechen werden und ich weiß nicht, wie ich reagieren werde, wenn das passiert“, sagt Boegel.

Neue Erfahrung

Matthias Ueberfeld hat die Bienen „angeliefert“. Würde hier und jetzt ein Spielfilm gedreht, wäre ein Tierschützer angereist, um zu überprüfen, dass es dem Volk gut geht. Der Imker gibt grünes Licht. Ueberfeld sagt, er habe unaggressive Bienen ausgewählt, aber er sagt auch, dass er sich nicht trauen würde, im Container Platz zu nehmen. Muss er auch nicht. Das wird ja Klaus Boegel tun und der sagt: „Die Bienenperformance heißt ‚Austausch‘, weil ich mich auf eine gleiche Ebene mit den Tieren, also mit den Bienen, begebe. Ich sitze schutzlos und verletzlich mit ihnen zusammen in einem geschlossenen Raum – ein respekt- und vertrauensvolles Miteinander, geprägt von Neugierde und Offenheit. Die Bienen werden hier also vor allem als soziale Wesen wahrgenommen, deren Verhalten und Organisation mich in Erstaunen versetzt und mir Respekt abverlangt. Wir, die Bienen und ich, sind sozusagen in einem dialogischen Verhältnis zueinander und teilen auf einer Ebene diese für beide Seiten neue Erfahrung.“

Nach dem Licht

Dann sitzt Boegel im Container – irgendwie hochkonzentriert und in absoluter Bewegungslosigkeit. Um ihn herum die Bienen. „Die Tiere richten sich nach dem Licht aus“, sagt der Imker, „daher sitzen viele an der Scheibe“. Boegels Blick strebt still nach vorn. Er könnte zum Wachsfiguren-Personal von Madame Tussauds gehören wie er dasitzt. Aber er lebt und wird gerade eben zu einem Kunstobjekt auf Zeit.
Es ist ein Objekt, das zum Nachdenken über die Zerbrechlichkeit anstiftet und an das Ursprüngliche rührt. „Das Ganze hier soll keine Zeigefingeraktion sein“, hat Boegel vorher gesagt, aber man bekommt all das nicht aus dem Kopf, was man gehört, gelesen und gesehen hat im Zusammenhang mit dem Stichwort Bienen. Stichwort?
„In den letzten zwei, drei Jahren, spürt man einen Bewusstseinswandel im Bezug auf die Bienen“, sagt Matthias Ueberfeld, Herr über circa 50 bis 60 Völker.

Gedankenveränderungen

Was hier in Boegels Garten passiert, ist einfach Gedankenveränderung. Es passt, denkt man, in die Zeit. Es ist, denkt man, viel mehr als eine „Eigentlich-Veranstaltung“. Es ist, was hier passiert, die Wiedervereinigung von Zusammengehörendem. Nicht mehr. Nicht weniger. Ob die Bienen sich morgen noch daran erinnern? Wer will das sagen? Selber reist man ab mit einem Bild im Kopf. Muss man nachdenken über ein Warum? Bestimmt nicht. Man reist einfach ab: Irgendwie verändert.

Klaus Boegel bei seiner Performance. NN-Foto: HF