Schwierige Suche nach neuen Fachkräften im Handwerk

„Es fehlt oft die Akzeptanz für handwerkliche Berufe“, sagt Handwerksmeister Ulrich Vervoorts im NN-Interview

Ausbildung Handwerk
Handwerk hat goldenen Boden, sagt eine alte Volksweisheit – doch immer weniger Jugendliche scheinen sich für die Berufe, etwa im Sanitärbereich, noch zu interessieren. So wird es für die Betriebe zunehmend schwieriger, Nachwuchsfachkräfte zu finden. Foto: Adobe Stock

KREIS KLEVE. Mehr als 130 Ausbildungsberufe gibt es im Handwerk. Jahr für Jahr suchen die Betriebe neue Nachwuchs- und damit künftige Fachkräfte. Doch wird es immer schwieriger, die freien Lehrstellen auch zu besetzen. Handwerksmeister Ulrich Vervoorts aus Kranenburg kann davon ein Lied singen: Er sucht aktuell zwei Auszubildende zum Anlagenmechaniker für Sanitär und Heizung – bislang ohne Erfolg. Im NN-Interview spricht er über die Herausforderungen und Probleme, vor denen er und seine Kollegen stehen.

Ausbildung Handwerk Vervoorts
Ulrich Vervoorts, Handwerksmeister Sanitär und Heizung sowie Geschäftsführer von Vervoorts Heizung Sonne Bad in Kranenburg.
Foto: privat

Herr Vervoorts, geht man ein Jahrzehnt zurück, überstieg die Zahl der Bewerber regelmäßig die Zahl der freien Lehrstellen. Wann hat sich die Situation umgekehrt?
Ulrich Vervoorts: Seit gut drei Jahren wird es schwieriger, Nachwuchs zu finden – und es steigert sich Jahr für Jahr.

Woran liegt das?
Vervoorts: Die Wahrnehmung vieler Eltern und oftmals in der Öffentlichkeit allgemein ist, dass man nur mit Abitur und Studium gut aufgestellt ist. Dadurch werden aber unter Umständen junge Menschen, die eigentlich im Handwerk bestens aufgehoben wären, weil sie beispielsweise gerne am Mofa herumschrauben, in Berufe gezwungen, in denen sie nicht glücklich werden. Die äußere Wahrnehmung ist: Wenn jemand handwerklich arbeitet und sich dabei vielleicht schmutzig macht, ist das nicht besonders attraktiv.

Wo sehen Sie die Ursache?
Vervoorts: Es ist ein gesellschaftliches Problem, es fehlt oftmals die Akzeptanz für handwerkliche Berufe. Und das, obwohl viele Akademiker nach dem Studium nur schwer eine Anstellung finden.

„Wir haben schon Wartezeiten von mehreren Monaten“

Wie wirkt sich diese Entwicklung auf Ihren Alltag aus?
Vervoorts: Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: Ein Kunde hatte sich eine seniorengerechte Dusche. Ich konnte ihm spontan keinen Termin geben, weil wir sehr stark ausgelastet sind. Bei größeren Umbauarbeiten, wenn es beispielsweise um eine neue Heizung geht, haben wir schon Wartezeiten von mehreren Monaten. Not- und Störfälle bekommen wir immer irgendwie hin, aber auch da wird es schon schwieriger.

Ist der fehlende Nachwuchs ein Problem eines einzelnen Gewerkes oder des Handwerks allgemein?
Vervoorts: Wir arbeiten oft mit fünf, sechs Gewerken auf einer Baustelle, wir haben Netzwerke, da tauscht man sich natürlich aus. Ob Schreiner, Maler, Dachdecker, Fliesenleger, Installateur – wir haben alle die gleichen Probleme. Dadurch sind wir bei Ausführungsarbeiten teilweise schon im Januar 2021. Der Flaschenhals ist hier nicht das Material, das bekommt man auch kurzfristig. Es sind die fehlenden Fachkräfte, gerade bei gewerkeübergreifenden Arbeiten – und der Flaschenhals wird immer enger.

Sehen die jungen Menschen im Handwerk keine Perspektive?
Vervoorts: Wenn man als Jugendlicher perspektivisch denkt, ist eine Zukunft im Handwerk sehr sicher. Ein Installateur oder Elektriker braucht sich um eine Anstellung nie Sorgen zu machen.

„Es sollte keiner mehr ohne eine vorherige Ausbildung studieren“

Oft heißt es, dass Schulabgänger nur schwer eine Lehrstelle finden…
Vervoorts: Wenn es heißt, dass die Jugendlichen keine Lehrstelle finden, sage ich: Die suchen oft gar nicht. Dabei hätte ich eine Lösung für das Problem: Es sollte keiner mehr studieren, der vorher nicht eine Ausbildung absolviert hat. Denn das würde ganz nebenbei auch bedeuten, dass niemand mehr arbeitslos werden muss nach dem Studium – denn er hat eine ja Ausbildung in der Tasche.

Was haben sie bereits getan, um neue Auszubildende zu finden?
Vervoorts: Nachdem die üblichen Wege nichts ergeben hatten, haben wir Real-, Haupt- und Gesamtschulen in der Umgebung angeschrieben und die Situation geschildert. Wir haben den Schulleitungen geschrieben, dass wir zwei Lehrstellen zu besetzen haben, dass wir auch Schnupperpraktika anbieten und dass sie diese Information an ihre Schüler weitergeben mögen.

Wie waren die Reaktionen?
Vervoorts: Es gab keine. Ich hätte gedacht, dass da von den Lehrern gerade in Corona-Zeiten mehr kommt. Aber vielleicht erwarte ich auch zu viel.

Und nun?
Vervoorts: Als nächsten Schritt haben wir unsere Kunden angeschrieben, sie mögen sich doch mal in ihrem Umfeld umhören, ob sich da nicht jemand findet, der eine Ausbildung machen möchte. Wenn das auch nicht klappt – ja, dann weiß ich auch nicht.

Fühlen Sie sich von der Politik ein Stück weit alleingelassen?
Vervoorts: Es fehlt die Unterstützung von Schulen und der Politik – außer Lippenbekenntnissen kommt da nur wenig. Dabei ist es ein gesamtgesellschaftliches und -politisches Problem: Wer soll denn demnächst noch ein Haus bauen, wenn wir die Situation nicht in den Griff bekommen? Die Politik sieht einfach nicht, welche großen Probleme da auf uns zukommen – und sie erkennt nicht die Chance in dieser Situation. Es fängt aber noch weiter vorne an: Die Eltern und die Gesellschaft müssen erkennen, dass nicht nur das Abitur wichtig ist, auch ein erstklassiger Handwerker wird immer seinen Weg machen.