Corona in Brasilien: „Der Präsident macht, was er will“

Zukunft? Ungewiss. Mariana (19) aus Brasilien wollte im Sommer Freunde am Niederrhein besuchen

NIEDERRHEIN. Während die Infektionsraten in Europa sinken und mehrere Regierungen die Beschränkungen schrittweise lockern, scheint das Corona-Virus auf der anderen Seite des Atlantiks noch an Fahrt aufzunehmen. „Ich habe Angst“, gibt Mariana Alvarenga Michalichen offen zu. Eigentlich wollte die 19-Jährige im Sommer mit ihrer Familie nach Deutschland reisen und Freunde besuchen. Jetzt weiß sie nicht, wann das überhaupt wieder möglich sein wird.

Die damals noch 17-jährige Mariana hat den Niederrhein kennen und lieben gelernt. Zum vielseitigen Programm gehörte auch der Besuch des Archäologischen Parks in Xanten. Foto: Kahrl

Von August 2017 bis Juni 2018 war Mariana im Rahmen eines Schüleraustauschs des Gelderner Rotary-Clubs zu Gast am Niederrhein. Den Kontakt zu ihrer Uedemer Zweit-Familie und ihren hier gewonnenen Freunden hält sie bis heute. In ihrer Heimat Brasilien, dem größten Land Südamerikas, verbringt Mariana im Moment fast den ganzen Tag am Computer, um dem Online-Unterricht zu folgen. Die Universität in Sao Paulo hat seit Wochen geschlossen und das wird auch im nächsten Semester so bleiben – wenn sich die Situation nicht deutlich verbessert. Davon geht Mariana allerdings nicht aus. „Seit Mitte März bin ich zu Hause bei meiner Familie in Sao José Dos Campos“, erzählt sie. Vor die Tür geht sie nur, wenn sie dringende Einkäufe erledigen muss. „Ab und zu auch zum Joggen“, räumt sie ein. Mit Maske sei das allerdings kein Vergnügen.

Viele Menschen sind vorsichtig und halten sich an die Empfehlungen

Auch die Wochenenden verbringt Mariana im Haus der Familie. Viel lieber würde die junge Studentin natürlich Freunde treffen. Auch der Geburtstag ihres Vaters am vergangenen Wochenende wurde nur im ganz kleinen Kreis gefeiert. „Man merkt, dass die meisten Leute vorsichtig sind und sich an die Empfehlungen halten“, sagt sie. Ganz in der Nähe gebe es eine große Straße mit vielen Läden. Normalerweise würde es dort sehr geschäftig zugehen. Jetzt sei es wie ausgestorben.

Mariana weiß, dass sie Glück hat. Ihre Familie zählt zur priviligierten Mittelschicht, der Vater arbeitet als selbstständiger Ingenieur in der Flugzeug-Branche, ihre Mutter ist Ergotherapeutin in einem Privat-Krankenhaus. Hier werden nur Menschen behandelt, die sich eine Krankenversicherung leisten können. Dort gebe es zur Zeit wenige Patienten – während die öffentlichen Krankenhäuser dem Ansturm kaum noch gewachsen sind und in den brasilianischen Großstädten Not-Krankenhäuser aus dem Boden gestampft werden. Aktuell beläuft sich die Zahl der nachgewiesenen Covid-19-Infektionen auf knapp 440.000 (etwa 26.800 Menschen verstorben, Stand heute). Da jedoch insgesamt sehr wenig getestet wird, dürfte die Dunkelziffel deutlich höher sein.

Viele Brasilianer unterstützen in der Krise die Armen

„Hier in Brasilien gibt es sehr viele arme Menschen. Für sie ist es wichtig, trotzdem arbeiten zu gehen. Sonst hätten sie kein Geld für Lebensmittel. Sie würden verhungern“, weiß Mariana. Hinzu käme, das man in den Favelas, so bezeichnet man in Brasilien die „Elendsviertel“ in den Randlagen der großen Städte, kaum die Möglichkeit hätte, sich aus dem Weg zu gehen. „Die Menschen wohnen dort auf engstem Raum unter schlimmen hygienischen Bedingungen“, erklärt Mariana. Etwas Gutes habe die aktuelle Krise aber doch gebracht. „Viele Menschen sind jetzt bereit, Geld zu spenden und den Menschen, denen es finanziell nicht so gut geht, durch diese schlimme Zeit zu helfen“, sagt sie.

Nicht nachvollziehen kann Mariana, wie Präsident Jair Bolsonaro mit der Corona-Pandemie umgeht. „Das ist wirklich unser größtes Problem“, sagt sie: „Er macht einfach, was er will.“ Zwei Gesundheitsminister habe er bereits entlassen, weil sie nicht die Ansicht des ultrarechten Staatschefs geteilt hätten. Bolsonaro zählt zu den Politikern, die sich weigern, das Virus ernst zu nehmen. Und das macht er auch in der Öffentlichkeit immer wieder deutlich. Mariana und viele anderen Menschen in Brasilien halten sich aber trotzdem an die Regeln und hoffen, dass ihre Heimat diese schwere Zeit übersteht.