„… hier ist meine Heimat“ – Beuys in Italien

Man freut sich ein bisschen vorneweg. Beuys in Italien „… hier ist meine Heimat“, lockt der Titel der neuen Sammlungspräsentation im Museum Schloss Moyland. Ach, denkt man, wenn schon nicht hingereist werden darf, wo die Zitronen blühen, holt man sich Ersatz in die Seele …

Potzblitz

Vom Parkplatz aus strebt man Richtung Schloss und … Potzblitz, den Beuys hätte es gefreut – da weiden Schafe auf und an der Kunst. Arne-Bernd Rhaue hat ein „ohne Titel“ in die Landschaft gelegt und die Schafe haben ihre Freude und der Mensch auch. Kunst und Leben und Leben und Kunst. Fast vergisst man, dass Maske tragen neuerdings zum Kunstgenuss gehört. Man möchte gern mit den Schafen auf der Weide stehen und genießen. Für die Tiere gilt kein „Bitte nicht berühren“. Man kann sie nicht fragen – aber sie sehen irgendwie zufrieden aus.
Und dann: Beuys in Italien in der Dunkelkammer. „Es muss so sein“, heißt es. Die Kunst darf nicht leiden. Das lässt sich verstehen und ist doch so schade, denn Situationen wie die Präsentation im Dämmerlicht entfernen doch eigentlich die Kunst von dem, was sie ist: das pralle Leben.
Genug geunkt, aber man will‘s ja doch mal gesagt haben. Beuys und Italien – ein großes Thema. Sagt auch der Kurator. „Mit zwanzig Räumen und fünf Millionen Etat ließe sich was machen“, sagt Aleander Grönert. Aber natürlich geht es auch anders. Das Museum zeigt „Eigenheiten“: alles aus der Sammlung, alles aus dem Joseph Beuys Archiv.
„Die Präsentation ‚… hier ist meine Heimat‘ umfasst 95 Werke, Fotografien, Plakate, Multiples, Objekte und Dokumente, die einen Einblick in die Aktivitäten geben, die Beuys in Italien entfaltet hat“, heißt es in einem Text zur Ausstellung. Und dann natürlich die „Capri-Batterie“ – Zitrone und Glühbirne (heute heißt es ja Leuchtmittel, denkt man und wieder fallen einem die Schafe von draußen ein, die sich ihres Lebens freuen und vielleicht mit einer Klage wegen Kunstverschmutzung zu rechnen haben).

Verkleidungen

Beuys‘ erstes Mal in Italien, erfährt man, fand 1943 statt. Das Land im Krieg, Beuys als Soldat: Verkleidungen beides. Das Land verkleidet im Elend, der Mensch versteckt in Uniform. Aber: Es gab ein ‚Danach‘. Beuys kehrte zurück – auf Einladung eines italienischen Galeristen. (In einem der Erkerzimmer hängt eine große Karte an der Wand – eine, wie man sie noch aus der Vergangenheit kannte – eine von denen, die man oben in den Greifarm eines Kartenständers einhakte. Die Karte zeigt Italien. Und dann sieht man die kleinen Nadeln mit Fähnchen: Sie zeigen italienische Beuys-Orte. Das ist der Punkt, an dem man die Fenster aufreißen und Licht hineinschaufeln möchte.)
Natürlich ist spannend, was „… hier ist meine Heimat“ zu erzählen hat über Beuys und Italien. Dann das Aber: man denkt an Goethes letzte Worte: mehr Licht. Die Moyländer Italienreise ist etwas, um sich hineinzuknien, Wissen zu sammeln, ein Bild zu ergänzen. Die Sammlungspräsentation tut ihr Bestes – ein bisschen ist sie wie ein Besuch auf der Intensivstation des Hinsehens. Man muss die Sonne mit hineinnehmen, um nicht im Dämmerlicht der Melancholie anheim zu fallen. All das im Licht: es wäre ein Fest der Sinne. Es hilft nichts: man muss irgendwann doch wieder hin ins wirkliche Italien.
Man geht heim, vorbei an den Schafen und denkt: wenn da jetzt einer säße mit Anglerweste und Hut – mein Gott, wäre das perfekt.

Viva Italia

Zu sagen ist: Hingehen sollte man. Alles in Ruhe und Ehrfurcht anstaunen und dann zurücktauchen ins Licht, tief durchatmen und denken: der Beuys ist schon klasse. Daran ändert auch die Dämmerung nichts. Letzter Gedanke: Vielleicht Kräutertöpfe aufstellen und beim Rausgehen einen Rotwein reichen und schließlich Pasta im Kutschenrondell. „…hier ist meine Heimat.“