NIEDERRHEIN. 30. Mai bis 2. Juni, Pfinstkirmes Geldern; 27. bis 30. Juni, Sommerkirmes Goch; 3. bis 6. Juli, Kirmes Emmerich; 11. bis 19. Juli, Kirmes Kleve. Nur vier von zahlreichen Volksfesten am Niederrhein, die aufgrund der Coronakrise abgesagt werden mussten. Und die zeigen, dass die Situation auch für die Schausteller zunehmend schwieriger wird. Im NN-Interview spricht Dirk Janßen, Vorsitzender des Schaustellerverbandes Kleve-Geldern, über Kirmes und Corona, die Auswirkungen der Pandemie und die Zukunft der Volksfeste.

Corona Kirmes
Dirk Janßen beim Fassanstich. Ob es 2020 damit noch mal klappt, bleibt fraglich.
NN-Foto: Theo Leie (Archiv)

Herr Janßen, kommen Ihnen die Schausteller und die Auswirkungen der Coronakrise auf Ihr Gewerbe in der aktuellen Diskussion um wirtschaftliche Schäden durch die Pandemie zu kurz?
Dirk Janßen: Rein auf die Diskussion um Öffnungen bezogen, kommt die Kirmes nicht zu kurz. Aber: In der Diskussion um die Öffnung etwa von Restaurants kommt zu kurz, dass auch wir einen Totalausfall erleben. Jeder denkt an die Kirmes, wenn sie da ist. Wenn sie aber nicht da ist, heißt es: Aus den Augen, aus dem Sinn. Das heißt: Der Fokus liegt nicht so auf unserem Beruf, wie wir es uns wünschen würden. Andererseits muss man auch bedenken: Wir arbeiten nicht nur auf den Kirmesplätzen, sondern leben auch dort. Wir haben nicht nur eine Verantwortung gegenüber unseren Gästen, sondern auch gegenüber unseren Familien. Mit den bisher getroffenen Maßnahmen sind wir daher absolut einverstanden. Sie sind alle nachvollziehbar und wichtig.

Was erwarten Sie nun von Bund und Land?
Janßen: Wir erwarten keine Extra-Wurst oder Sonderregelungen für die Schausteller. Aber: Wenn die Zoos, Schwimmbäder und Freizeitparks wieder öffnen, die Innenstädte voll sind und die Einkaufszentren „unter Volllast“ arbeiten, dann möchten auch wir wieder unserem Beruf nachgehen. Also: die Kirmessen und Volksfeste durchführen.

Gibt es einen Punkt, an dem Sie sagen würden: Wenn die öffnen dürfen, müssen wir es auch?
Janßen: Ich möchte das nicht an einer Branche festmachen, sondern an der Situation, die im Land herrscht in Bezug auf Corona. Zum Beispiel: Welche Infektionszahlen haben wir? Wir können der Sache ein Stück weit entgegenwirken durch zusätzliche Hygienemaßnahmen wie Desinfektionsspender, mehr Toilettenwagen oder zusätzliche Waschgelegenheiten. Aber: Ähnlich wie der Karneval, lebt die Kirmes vom engen Kontakt der Besucher – ein Problem in Corona-Zeiten. Deshalb rechne ich auch nicht damit, dass wir vor dem 31. August ein Volksfest in Deutschland haben werden. (Mehr zu den aktuellen Lockerungen in NRW lesen Sie hier)

„Ein wichtiger Aspekt für uns
sind die Weihnachtsmärkte“

Lassen sich schon jetzt Verluste für Ihre Branche beziffern?
Janßen: Es hängt vieles von der zweiten Jahreshälfte ab. Ein ganz wichtiger Aspekt für uns sind die Weihnachtsmärkte. Diese sechs Wochen können, je nach Branche, bis zu einem Drittel das Jahresumsatzes ausmachen. Bei den Fahrgeschäft-Betreibern sieht es etwas anders aus, sie gehen teilweise ins Ausland und bauen dort ihre Geschäfte auf. Ein ganz großes Fest ist beispielsweise das Hyde Park Winter Wonderland in London.

In der öffentlichen Diskussion wird immer wieder angemahnt, dass in der Gastronomie und der Hotellerie Existenzen bedroht sind. Wie sieht es bei den Schaustellern aus?
Janßen: Es ist mehr oder weniger eine schleichende Sache. Ich muss sagen, dass ich selbst überrascht war, wie relativ zügig und unkompliziert alles ging, was von staatlicher Seite machbar war. Mit einem Telefonat konnte man übers Finanzamt dafür sorgen, dass Steuervorauszahlungen gestundet oder herabgesetzt worden sind. Da war der Staat wirklich mal schnell bei der Sache. Andere Dinge wie Krankenkasse sind wiederum etwas intensiver oder schwieriger. Im Großen und Ganzen hat man alles auf ein Minimum runtergefahren. Aber wie gesagt: Es ist eine schleichende Sache. Wenn ich jetzt meinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann, kommt der Gerichtsvollzieher nicht morgen, sondern in drei oder sechs Monaten. Dann bleibt die Frage: Was sagt die Bank?

„Einige haben sich neue Wege gesucht,
gehen in Industriegebiete und auf Wochenmärkte“

Wie können Sie und Ihre Kollegen reagieren?
Janßen: Ein Teil der Kollegen hat sich neue Wege gesucht. Sie haben zum Beispiel ihren Imbisswagen im Industriegebiet aufgebaut und versorgen dort die Leute, die noch arbeiten. Der nächste hat versucht, seinen Mandelwagen in der Innenstadt aufzubauen. Den Duisburger Schaustellern hat man die Möglichkeit gegeben, abwechselnd auf dem Bauern- oder Wochenmarkt aufzubauen mit Mandelwagen, Kartoffelwagen oder Grill.

Was passiert, wenn auch nach dem 31. August keine Kirmessen erlaubt sein sollten?
Janßen: Dann wird es richtig hart. Im Moment steht uns das Wasser bis Oberkante Unterlippe. Dann ging es langsam auf die Unterkante Nasenspitze zu. Dann müsste man sich womöglich überlegen, Dinge zu verkaufen, um finanziell ein paar Euro zu haben, um Unkosten zu decken. Oder man sucht sich sogar einen anderen Job?

Könnte Corona dazu führen, dass die Kirmes künftig kleiner, mit weniger Geschäften, ausfallen müssen, um so beispielsweise für mehr Platz und Abstand zu sorgen?
Janßen: Meine Einschätzung ist: Ohne einen wirkungsvollen Impfstoff wird es so etwas wie Kirmessen und Volksfeste in Zukunft nicht geben. Wenn der Impfstoff da ist – sollte es beispielsweise 2021 klappen und das Coronavirus keine Bedrohung mehr sein –, warum soll dann nicht wieder alles stattfinden, wie es mal war?

„Kleinere Kirmes wegen Corona?
Im Prinzip ist alles vorstellbar“

Wären aus Ihrer Sicht bis dahin kleinere Kirmessen eine mögliche Lösung?
Janßen: Vorstellbar ist im Prinzip alles. Da ist der jeweilige Veranstalter gefordert. Die Kirmes lebt aber natürlich davon, dass viele Besucher kommen. Wenn ich beispielsweise ein Fahrgeschäft habe, das für 40 Fahrgäste ausgelegt ist, es dürfen aber nur noch zehn Personen gleichzeitig rein, stellt sich die Frage, ob es sich dann noch rechnet für den Betreiber.

Wie wird sich die Schausteller-Branche entwickeln?
Janßen: Ich wage mal einen Ausblick auf die kommenden Jahre: Es gibt jetzt schon Kirmessen, bei denen die Schausteller kein Standgeld zahlen müssen. Ich denke, das wird sich weiter fortsetzen. Denn die Anzahl der Geschäfte wird sinken. Ich möchte sogar einen Schritt weitergehen: In Zukunft werden nur noch die großen Volksfeste die Top-Attraktionen erhalten, die bereit sind, in irgendeiner Form eine Unterstützung anzubieten. Die beispielsweise auf Standgeld verzichten oder die Stromkosten über Sponsoren decken. Eine andere Möglichkeit, wie es bereits auf einigen Festplätzen in Berlin praktiziert wird, ist, dass man Eintritt erhebt.

Im Herbst sind derzeit noch einige Kirmessen und Volksfeste bei uns am Niederrhein geplant. Rechnen Sie damit, dass noch etwas stattfinden kann?
Janßen: Hier gilt das Prinzip Hoffnung. Ich hoffe immer, dass das Licht am Ende des Tunnels nicht die Lampe der Lokomotive ist. Und wenn eine Veranstaltung etwa im September erst 14 Tage vorher abgesagt wird, dann ist das für uns kein Problem. Wir haben da keine langen Vorlaufzeiten. Auf der anderen Seite können wir innerhalb weniger Tage eine schöne Kirmes auf die Beine stellen. Ein Punkt, den wir auf der Habenseite verbuchen: Die Kirmes findet draußen statt, an der frischen Luft. Wir haben keine Klimaanlagen oder tiefe Deckenhöhen. Zusammengefasst: Im Moment sieht es mit Blick auf den Herbst nicht so schlecht aus. Aber wir sind auch nicht blauäugig. Solange es keinen Corona-Impfstoff gibt, wird es schwierig, eine Kirmes zu veranstalten.