„Als wäre man ganz allein auf der Welt“

Auch LKW-Fahrer spüren die Auswirkungen der Corona-Krise deutlich

NIEDERRHEIN. Viele Menschen arbeiten aktuell im Homeoffice, Kindergarten- und Schulkinder bleiben zu Hause. Das merkt man auch in den Innenstädten und auf den Straßen. Die Lastwagen aber rollen weiter, zumindest jene, die wichtige Güter geladen haben. So wird in der Krise sichergestellt, dass die Supermarktregale gut gefüllt sind. Doch auch die Logistik-Branche leidet unter den Folgen des Corona-Ausnahmezustands. Viele Aufträge fallen weg, Arbeitsplätze sind in Gefahr.

Auch LKW-Fahrer spüren die Auswirkungen der Corona-Krise deutlich.
Fotos: privat

Über mangelnde Auslastung kann sich LKW-Fahrerin Jessica in diesen Tagen nicht beklagen. Heute liefert sie Ware in Hamburg aus, am Samstag geht es nach Süddeutschland. In den vergangenen Wochen war sie häufig in Frankreich, Belgien und den Niederlanden unterwegs. „Das war anfangs schon ein komisches Gefühl“, sagt die 36-jährige Sonsbeckerin: „Die Autobahnen waren wie leer gefegt, die Rastplätze geschlossen. Als wäre man ganz allein auf der Welt.“ Mittlerweile sei zwar wieder mehr los auf den Straßen – doch nach wie vor prägen die Lastwagen das Bild.

Hilfsbereitschaft von
Seiten der Unternehmen

In Frankreich gebe es jetzt eine App, die anzeigt, wo sich im Umkreis die nächsten geöffneten Tankstellen befinden, wo man noch etwas Essen und sich frisch machen kann. „Die meisten Duschen sind aber trotzdem geschlossen“, sagt sie. Das sei für viele Fahrer ein Problem. Für Jessica ist das zum Glück nicht so. „Viele unserer Kunden stellen uns ihre Sanitärräume zur Verfügung“, ist sie dankbar für die Hilfsbereitschaft von Seiten der Unternehmen. Weil die Spedition, für die sie arbeitet, mehrere Standorte hat, stehen auch diese als Anlaufstellen weiterhin zur Verfügung. Klar, die Sicherheitsvorkehrungen nehmen weiter zu, Gespräche gibt es nur „auf Abstand“, Papiere werden unter Plexiglasscheiben hindurch geschoben. „In Belgien wurden wir an der Grenze kontrolliert. Die Polizei hat Stichproben gemacht und einige Fahrer heraus gewunken, um Fieber zu messen.“ Jessica hatte keins. Sie durfte weiter fahren. Da hatte sie etwas geladen, das für die Herstellung verschiedener Kosmetikprodukte benötigt wird.

Auf den französischen Autobahnen ist aktuell wenig los.

„Es ist spürbar ruhiger geworden“

Kollegen aus Polen sieht sie momentan nur selten. Viele Fahrer aus Osteuropa hätten Angst, nicht mehr nach Hause zu dürfen. Oder sie kommen erst gar nicht rein nach Deutschland. Viele LKW-Fahrer würden, so wie die Erntehelfer, eingeflogen, damit sie weiter für ihre Speditionen arbeiten können. Andere blieben jetzt einfach weg. „Es ist spürbar ruhiger geworden“, sagt sie.
Was Jessica und viele andere „Brummifahrer“ momentan ärgert, ist, wie einige Autohofbetreiber die Situation ausnutzen und versuchen, daraus Profit zu schlagen. „Da werden die Gebühren für einen Stellplatz mal eben um 50 Prozent erhöht und horrende Preise für eine einfache Bockwurst verlangt“, nennt sie einige Beispiele. Weil die Raststätten meist keinen Verzehr vor Ort anbieten dürfen, floriert das „Essen to go“. Die Nachfrage bestimmt den Preis, würde man sagen. „Das ist reine Abzocke“, findet Jessica. Sie hat sich einer Facebook-Gruppe angeschlossen, die zum Widerstand aufruft. „Wir führen da eine Liste über die Plätze, die man besser meiden sollte – und das nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft“, erklärt sie.

Beste Adresse an der A 1

Dass die Krise nicht bei allen Dollar-Zeichen in den Augen auslöst, ist für sie eine wohltuende Erfahrung. „Heute Abend halte ich bei Anne und Alfred am „Jägerheim“, der besten Adresse an der A 1, und freue mich schon riesig auf das frisch gekochte, leckere Essen“, sagt sie. Und es gebe durchaus noch weitere Beispiele für Solidarität „auf der Straße“. „Einige Autohöfe haben ihre Parkgebühren auch gesenkt – weil sie selbst sagen, dass sie den Fahrern momentan nicht mehr als eine Toilette und belegte Brötchen bieten können.“