Start frei für das Schulprojekt: (v. l.) Dr. Rose Wecker, Dr. Achim Diehr, Doris Mann, Thomas Binn, Ute Friese und Karl Hagedorn. NN-Foto: MB

GOCH. Rund 1.200 Kilometer mit dem Rad von Hof in Franken bis zur Ostsee, immer entlang des ehemaligen innerdeutschen Grenzstreifens – so lautet die Aufgabenstellung eines vierwöchigen Schulprojektes zum Thema soziales Lernen des Vereins „Zielpunkt Meer“ in Kooperation mit dem Collegium Augustianum Gaesdonck, dem Kardinal-van-Galen-Gymnasium Kevelaer, der Gesamtschule am Forstgarten Kleve und dem Lise-Meitner-Gymnasium Geldern. Acht Schüler machen sich dabei auf den Weg und müssen ihren Alltag selbstständig bewältigen.

Die Idee für dieses Projekt erläutert der Dokumentarfilmer und ausgebildete Sozialpädagoge Thomas Binn aus Kevelaer, Gründer von „Zielpunkt Meer“: „Die Erziehung in Deutschland wird zunehmend institutionalisiert, und die Kinder verbringen immer mehr Zeit in der Schule.“ Rausgehen, mit Freunden treffen, den Alltag selbst gestalten, eigene Erfahrungen machen und Regeln aufstellen – „all das fällt oft aus“, sagt Binn.

Mit dem neuen Projekt soll genau dies umgesetzt werden. Vier Mädchen und vier Jungen (zwei von jeder teilnehmenden Schule) im Alter von zwölf und 13 Jahren übernehmen für vier Wochen die volle Verantwortung für ihren Tagesablauf. „Wann fahren wir los, was essen wir, wo übernachten wir, wie gehen wir mit Konflikten um? Das sollen die Schüler selbstständig regeln“, erläutert Binn. Auch wie die zehn Euro, die jedem Kind pro Tag zur Verfügung stehen, eingesetzt werden, entscheiden die Schüler selbst. „Es muss immer eine demokratische Entscheidung getroffen werden“, sagt Binn. Fest steht nur: Am 25. Mai geht es morgens mit dem Zug nach Hof, nach einer Übernachtung startet die Gruppe, begleitet von zwei Betreuern, mit Rad zu ihrer Tour, die am 21. Juni an der Ostsee enden soll. „Wir sind nur als pädagogischer Backup dabei“, sagt Binn, „und mischen uns nur ein, wenn die Kinder uns wirklich um Hilfe bitten und bei Gefahrensituationen.“

Da elektronische Geräte – auch Handys – nicht erlaubt sind, lernen die Schüler im Vorfeld auch, wie man eine Radwanderkarte liest. Zudem fand bereits in der vergangenen Woche ein Fahrrad-Reparatur-Workshop teil, und auch der Umgang mit Zelt und Camping-Kocher stehen noch auf dem „Lehrplan“. Für die Kommunikation mit ihrem Nachwuchs können die Eltern – ganz klassisch – Briefe schreiben. Diese werden auf zwei Postämtern entlang der Strecke gelagert, wo die Kinder sie abholen und darauf antworten können. Zudem kann die Tour über einen (zeitversetzten) Blog verfolgt werden.

Für die Auswahl der Schüler hatte Binn ein gewisses Profil formuliert. Da das Projekt über den gesamten Zeitraum von einem Filmteam begleitet wird und im März 2020 ein Dokumentarfilm in die deutschen Kinos kommen soll, „sollen sich möglichst viele Kinder mit den acht Schülern identifizieren können“, erläutert Binn. Was sie eint: Es sind Kinder „in unterschiedlichen, besonderen Lebenssituationen“.

Gestärkt in die Pubertät

Unterstützt wird das Vorhaben von der „Aktion Kindertraum“. Ute Friese sagt dazu: „Die Kinder, die an diesem außerschulischen Lernen teilnehmen, werden gestärkt aus dem Projekt hervorgehen.“ Entsprechend habe man auch bewusst Schüler der sechsten und siebten Klasse ausgewählt: „Wir wollen zum Ende der Kindheit einen starken Impuls setzen, damit sie gestärkt in die Phase der Pubertät gehen“, sagt Binn. „Die Kinder sollen sehen, was sie alles können.“ Außerdem hebt noch einmal hervor: „Wir wollen einen Impuls in der Bildungslandschaft setzen, was alles möglich ist und was Schule alles möglich machen kann.“
Bei den vier Schulen stieß sein Projekt schnell auf großen Anklang. „Mir war sofort klar, dass wir mitmachen, als sich Thomas Binn vor einem Jahr bei mir meldete“, erzählt Doris Mann, Leiterin der Gaesdonck, „Es ist Selbstständigkeit in Perfektion“, sagt Dr. Rose Wecker, Leiterin der Klever Gesamtschule am Forstgarten, und passe damit sehr gut zu „Schule im Aufbruch“. Karl Hagedorn, Leiter des Kevelaerer Gymnasiums, denkt auch an die Eltern: „Es ist möglich, dass auch Elfjährige sich selbst organisieren können, wenn man ihnen das nötige Vertrauen schenkt.“ Dr. Achim Diehr, Leiter des Lise-Meitner-Gymnasium, verspricht sich eine „Strahlkraft und Impulse, die auch die Mitschüler aufnehmen“.

Natürlich ist das ganze Projekt mit Herausforderungen verbunden, weiß Binn, auch was die Strecke betrifft: „Aber erstens sind wir nicht im Kongo unterwegs, und zweitens schafft jedes Kinder 50 bis 60 Kilometer am Tag mit dem Rad – wenn es einen entsprechend geschützen Rahmen hat.“

Weitere Infos unter www-zielpunkt-meer.de und www.aktion-kindertraum.de.