Das Transformationstheater

Bekanntlich scheuen Teufel das Weihwasser und Vampire den Knoblauch. Bei Prophetinnen kann es – die Zeiten ändern sich – auch schon mal die schlechte Presse sein. Frau möchte ja gut dastehen in dem Restchen Öffentlichkeit, das dem staunenden Beobachter in diesem Gespenst einer Hauptverhandlung gelassen wird.

Sprechen wir über eine Prophetin. Natürlich ist die wohlbeleibte Mitfünfzigerin mit den strähnigen Haaren bis zum Beweis des Gegenteils unschuldig – man kann das nicht oft genug betonen. Aber: Vorwürfe lassen Ahnungen zu. Worum es geht, wüsste man kaum, wenn es da nicht die Anklage gäbe. Der Prozess: ein Käse, dessen Löcher größer sind als die Trockenmasse. Es hat bereits viele Termine gegeben. Bei den meisten war die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Das Volk, in dessen Namen am Ende geurteilt werden soll: weitgehend uninformiert. Keine Bilder. Keine Worte.
Bringt man die Prophetin zur Verhandlung in den Saal, möchte man meinen, die Kronjuwelen würden verschoben. Die Türen: verschlossen. Der Flur: gesperrt. Um Himmelswillen soll es kein Bildmaterial geben.
Ist die Dame aber erst im Saal, wirft sie Kusshändchen in den Zuschauerraum – grüßt wohlgelaunt die männlichen Fans. Schmachtblickschlachten finden statt.

Geheimhaltungstheater

Alles, was hier verhandelt wird, ist nicht lustig. Das weiß der Schreiber dieser Zeilen, aber die Inszenierung rund um die Prophetin trägt – ob man es wahr haben möchte oder nicht – komödiantische Züge. Ein bisschen Meinungsdiktatur ist auch in diese Mischung aus Aussperrung und Geheimhaltungstheater gemischt. Den Medien wird – ganz nebenbei – mehr oder weniger unverhohlen gedroht.

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de mortuis …

Normalerweise soll man über die Toten nichts Negatives sagen. Wir erinnern uns: de mortuis nihil nisi bene. Hier ist es die Lebende, deren Ruf unbeschadet sein und bleiben soll. Prophetie braucht weiße Westen.
Darf man eigentlich schreiben, dass es Zeugenaussagen gibt, denen zufolge die Prophetin aus den Reihen ihre Anbeter willkürlich Partner fürs Gelüst erwählt, die fortan für alle anderen Mitgläubigen gesperrt sind und zum Zwecke der Klarheit tätowiert werden?
Das sagt eine Zeugin aus. Man kann es kaum glauben. Ein Nummernschild lässt sich abschrauben und durch ein anderes ersetzen – eine Tätowierung ist ja, flapsig gesprochen – wie das Brandzeichen eines texanischen Rinderbarons aus einem Wildwestfilm. Angesichts eines eingebrannten Stempels werden Besitzverhältnisse dokumentiert. Es sind dann keine Zweifel mehr möglich. Auf Pferdediebstahl stand im Wilden Westen die Todesstrafe. Man schweift ab …

Fanclub

Da sitzt also – flankiert von gleich drei Anwälten – die Prophetin auf der Anklagebank und beherrscht minenspieltechnisch vor allem den Ausdruck des: dakannichmichnurwundernüberdaswasmirhiervorgeworfenwird. Der lässt sich zusammenfassen in einem spöttischverächtlichen Fragezeichenlächeln – motorisch einwandfrei mit einem Achselzucken kombiniert, das sich – würde man sich zum Fanclub umdrehen – wahrscheinlich dort fortgesetzt findet. Dort – in den Untiefen des Publikumsbereiches – sitzen all jene, die für ihre Prophetin durchs Feuer laufen würden. Ausbünde an Freundlichkeiten. Wie die Medien harren sie auf den Gerichtsgängen auf Einlass, denn nur im Saal und während der öffentlichen Häppchen der Hauptverhandlung können sie dem Objekt ihres Fühlendenkenglaubens nah sein. Haltstopp: Glauben braucht keine Direktheiten. Ein prall gefülltes Herz mit einem gut geöffneten Durchlassventil Richtung Hirnregion sollte doch eigentlich ausreichen. Wie gut, dass es den Konjunktiv gibt.

Herzzerfetzend

Würde man allen Sarkasmus über Bord werfen – bliebe für den Beobachter nach Anhören auch nur einer Zeugenaussage nicht mehr über als eine herzzerfetzende Ahnung von all dem, was da verhandelt wird. Und auch das sei gesagt: Natürlich müssen (manchmal) auch Propheten verteidigt werden. Eine Anklage ist kein Beweis. Niemand ist schuldig bis zum klaren Beweis seiner Schuld. Ein bisschen allerdings hat man bei mancher Befragung den Eindruck (es ist – wohlgemerkt nur ein Eindruck), dass sich die Verteidiger … besser den Gedanken nicht zu Ende bringen: Es könnten Klagen kommen. Die schlimmsten Verletzungen, die das Leben zu bieten hat, pflegen immer dann aufzutreten, wenn Menschen sich im Besitz einer Wahrheit glauben. Man darf sich ihnen anschließen. Trennungen allerdings sind nicht vorgesehen.

Herrschaftsrezitativ

Geht es tatsächlich um Glaubensfragen? Angesichts des Spektakels drängen sich andere Vermutungen in den Vordergrund. Es geht, denkt man, vielleicht um Macht – um Ermächtigung: um Herrschaft. Was, denkt man, wenn wir alle Propheten wären? Wir bräuchten keinen Orden – einen Stammtisch vielleicht, an dem man sich abends nach getaner Mission auf ein Bier oder Kräutertee zusammensetzt und Weltenrettung diskutiert. Aber es können nicht alle Leitwolf sein. Wer einmal das Aroma von Mächtigkeit gewittert hat, kann nicht mehr davon lassen. Glaube wird dann zu einem Rezitativ der Herrschaft. Die Wagenburg wird gebaut – eine Burg, in die man hinein kann, aber nicht hinaus. Die Idee von der Glaubensherrschaft hat immer schon zur Ausbeutung gedient. Sie berauscht und wird zum Perlwein: Sekt. Dann fehlt nur noch das – ‚e‘ am Ende und das lässt sich beschaffen.

132 Fälle

Nur, damit man‘s noch mal gesagt hat: Verhandelt wird über sexuellen Missbrauch in 132 Fällen, davon in 64 Fällen in Tateinheit mit schwerem sexuellen Missbrauch eines Kindes.
Das schreibt die Pressestelle des Landgerichts. Man wird das, denkt man, straffrei zitieren dürfen. Letzter Hinweis: Natürlich wurden auch in diesem Fall Namen (und vielleicht auch Geschlecht) des/der Angeklagten geändert.
Apropos Kinder: Auf der Website des Ordens (https://ordedertransformanten.org findet sich zum Thema „Lebensweise“ folgender Eintrag: „Transformanten können sich dafür entscheiden, in einer Lebensgemeinschaft zu leben, die sich an Gottes Wort orientiert. Aus Verbundenheit untereinander steht jeder für den anderen ein. Liebe und Leid werden geteilt. Ältere werden liebevoll versorgt und Kinder können nach Herzenslust zusammen spielen.“* Das Leben kann so schön sein. *(Übersetzt aus dem Niederländischen.)