Judith Welbers plant in ihrem Büro die nächsten Besuche. Ein Mund-Nasen-Schutz ist immer griffbereit, wenn sie Patienten besucht. Foto: Bischöfliche Pressestelle / Christian Breuer

KLEVE. An den Augen kann man sehen, dass Judith Welbers unter ihrem weißen Mund- und Nasenschutz lächelt, als sie ihre Bürotür in einem der langen, sterilen Gänge im St.-Antonius-Hospital Kleve öffnet. Die Flure sind leerer als gewöhnlich, nur am Eingang des Hospitals hat sich eine kleine Warteschlange gebildet. Es sind Besucher, die ihre Angehörigen sehen möchten. Zumindest eingeschränkt ist das inzwischen wieder möglich. Judith Welbers bittet in ihr Büro, es ist groß genug, um sich mit Abstand unterhalten zu können.

Die Wochen zuvor waren für viele Patienten eine schwere Zeit, weiß Judith Welbers. Die 50-Jährige ist Seelsorgerin im Klever Krankenhaus und war neben Ärzten und Pflegepersonal oft die einzige Person, die überhaupt in die Krankenzimmer durfte. „Zu Corona-Patienten hatte ich, außer vereinzelt per Telefon, keinen Kontakt“, erklärt sie, „die Beschränkungen galten aber ja für alle, die hier liegen.“ Patienten mit Krebs, mit Herzproblemen oder anderen schweren Krankheiten – auch sie durften keinen Besuch empfangen.

Wichtige Signale

Umso wichtiger waren die Zeichen von außen, sagt die Seelsorgerin. Handgeschriebene Briefe, von Kindern gemalte Bilder, das waren vor allen Dingen für ältere Patienten, die sich nicht per Mobiltelefon mit der Außenwelt verbinden konnte, wichtige Signale, dass man an sie denkt. „Trotz der Beschränkungen habe ich in den vergangenen Wochen sehr viel Seelsorge geleistet, weil die Bedingungen und Anforderungen anders waren und teils noch immer sind“, zieht Judith Welbers eine erste Bilanz. Wichtig für sie waren zudem die Gespräche mit Ärzten und dem Pflegepersonal. „Da wird zwischen Tür und Angel gesprochen, mal kurz, manchmal dann aber auch sehr ausführlich. Das war und ist für alle hier eine außergewöhnliche Belastungssituation“, erklärt die Seelsorgerin.

Anerkennung für die Krankenhaus-Mitarbeiter

Daher sei es auch für die Beschäftigten im Krankenhaus schön gewesen, Anerkennung aus der Bevölkerung zu erkennen. Mal habe ein Lastwagen voller Blumen in der Einfahrt gestanden, aus dem sich jeder, von der Reinigungskraft bis zur Krankenhausleitung bedienen durfte. Ein anderes Mal spendierte eine Pizzeria 100 Pizzen für die Angestellten, auch Süßigkeiten wurden gespendet. Das waren wichtige Gesten der Wertschätzung im harten Arbeitsalltag.

Neue Prioritäten setzen

Die Erfahrungen der vergangenen Wochen sieht Judith Welbers als Chance, über die Prioritäten im eigenen Leben nachzudenken. Es sei eben nicht selbstverständlich, Angehörige oder Freunde jederzeit sehen zu können. „Was und wer ist wichtig, diese Frage kann man sich vielleicht ganz neu stellen“, überlegt sie. Und noch eine Bitte hat sie: „Wir dürfen durch die Krise nicht vergessen, über den Tellerrand zu schauen. Es gibt noch immer Krieg, Hunger und andere schwere Krankheiten auf der Welt. Die Menschen, die darunter leiden, dürfen nicht in Vergessenheit geraten.“

Das Telefon auf dem Schreibtisch klingelt. Judith Welbers nimmt ihren Mund-Nasen-Schutz, desinfiziert sich die Hände und verschwindet hinter einer Abzweigung im Krankenhausflur. Sie wird hier gebraucht – auch zu Corona-Zeiten.