Dr. Johannes Horlemann Foto: stephan.pick@t-online.de

KEVELAER. Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) e.V. veranstaltet ihren zweiten niederrheinischen und fünften Kevelaerer Schmerz- und Palliativtag am Samstag, 1. Februar, im Bühnenhaus Kevelaer. Zur Tagung werden rund 150 Ärzte erwartet. Für 40 Ärzte findet anschließend im Priesterhaus ein Palliativ-Refresher-Kurs stattfinden. Am Abend vor dem Schmerz- und Palliativtag findet am Freitag, 31. Januar, 17 Uhr, ein Patientenabend im Bühnenhaus statt. Dabei wird es um sämtliche Themen zu chronischen Schmerzen gehen. So um Gelenk-, Muskel- Kopf-, Tumor-, Nerven- und andere Schmerzen. In der Behandlung chronischer Schmerzen gibt es zahlreiche Neuerungen, auch neue Medikamente und Vorgehensweisen. Auch darüber wird berichtet. Der Eintritt ist frei.

Dr. Johannes Horlemann
Foto: stephan.pick@t-online.de

Die NN sprachen im Vorfeld der Veranstaltungen mit Dr. med. Dipl. Lic. Psych. Johannes Horlemann aus Kevelaer-Wetten. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerz-medizin, leitet das regionale DGS-Schmerzzentrum Kevelaer.
Warum engagieren Sie sich im Bereich Schmerztherapie?
Dr. Horlemann: Patienten mit chronischen Schmerzen sind eine Herausforderung in der täglichen Praxis, der ich mich seit mehr als 30 Jahren stelle, sowohl im Bereich des Tumor-schmerzes als auch im Bereich von Rückenschmerzen und anderer Schmerzformen. Dieser Fachbereich ist deshalb so interessant, weil vielen Menschen effektiv geholfen werden, die durch das Raster des Gesundheitssystems fallen. Damit ist gemeint, dass beispielsweise nach Operationen Schmerzen verbleiben oder komplizierte Krankheiten dauerhaft Schmer-zen auslösen.
Ab wann spricht man von chronischen Schmerzen?
Dr. Horlemann: Schmerzen sind chronisch, wenn sie sechs Monate oder länger bestehen, so dass die Alltagsgestaltung und die Lebensqualität stark beeinträchtigt sind.
Wie hoch ist die Zahl der Betroffenen? Es kursiert die Zahl von 23 Millionen Menschen in Deutschland.
Dr. Horlemann: Die Zahl von 23 Millionen Menschen mit chronischen Schmerzen muss bestätigt werden, darunter werden aber durch die Krankenkassen 3,4 Millionen Menschen geschätzt, die schwerstgradig chronische Schmerzen täglich erfahren.
Welche Altersgruppe in der Bevölkerung ist am meisten von Schmerzen betroffen?
Dr. Horlemann: Wie erwartbar ist die Gruppe der älteren Menschen stark von chronischen Schmerzen betroffen, weil Verschleißerscheinungen der Gelenke und im Rücken im Alter besonders wirksam sind. Daneben sind aber insbesondere in der Dekade vom 50. – 60. Lebensjahr außerordentlich viele Menschen betroffen.
Ist die Anzahl der Schmerzpatienten in Deutschland in den vergangenen fünf (oder zehn) Jahren konstant geblieben?
Dr. Horlemann: Dies ist bedauerlicherweise nicht der Fall. Nach Daten der Barmer-Ersatzkasse und der Techniker Krankenkasse ist die Zahl der Patienten mit chronischen Schmerzen, insbesondere mit schweren Schmerzen, in Deutschland angestiegen.
Wenn sie angestiegen ist, worauf führen Sie den Anstieg zurück?
Dr. Horlemann:  Der Anstieg ist eindeutig darauf zurückzuführen, dass Patienten mit chronischen Schmerzen nicht ausreichend interdisziplinär und multimodal behandelt werden.
Welche Neuerungen gibt es in der Behandlung chronischer Schmerzen? Beispielsweise welche Vorgehensweisen?
Dr. Horlemann: Es gibt neue Medikamente, die sehr effektiv sind, nicht nur Opioide. Daneben werden neue Verfahren und operative Maßnahmen, z.B. minimalinvasive Verfahren zunehmend durchgeführt. Wichtig ist, dass jeder Patient mit chronischen Schmerzen auch psychologisch betreut wird bzw. eine Schmerz-Psycho-Therapie erfährt. Diese Form der Behandlung setzt sich derzeit langsam durch.
Kann das Gehirn Schmerzen auch wieder verlernen?
Dr. Horlemann: Das ist eindeutig belegt. Die Schmerzforscher sagen, dass die Schmerznachrichten des Gehirns zwar nicht gelöscht werden können, aber überschrieben werden, durch neue, positive Erfahrungen.
Kann Bewegung helfen, den Schmerz zu lindern?
Dr. Horlemann: Dies ist bei fast allen Schmerzformen der Fall. Manchmal kann Bewegung auch, wenn Schmerzen noch nicht unter Kontrolle sind, bedenklich sein. Eine Schmerztherapie dient letztendlich immer für den Erhalt oder die Unterstützung von Mobilität. Schmerztherapie ist nicht alleine da, um Schmerzen auszuschalten. Es geht um allgemeine Parameter der Lebensqualität, zum Beispiel Wiederherstellung des guten Schlafes, Bewegung und emotionale Stabilität.
Wo und wie finden von Schmerz betroffene Patienten einen Arzt/Schmerztherapeuten?
Dr. Horlemann: Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. unterhält Schmerzzentren als zentralen Ansprechort für Patienten mit chronischen Schmerzen. Solche Schmerzzentren bestehen beispielsweise in Geldern und Kevelaer. Unter www.dgs.de kann man alle aktuellen Informationen zu chronischen Schmerzen finden. Auch darf auf die Selbsthilfegruppe „Deutsche Schmerzliga“ (DSL) mit ihrer Plattform hingewiesen werden.
Müsste Ihrer Meinung nach für Schmerzpatienten in Deutschland noch mehr getan werden? Und wenn ja, wie?
Dr. Horlemann: In der Tat hat  auch die Politik gesehen, dass die Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen nicht flächendeckend ist. Daher setze ich mich auch in der Politik, auch in Berlin, als Präsident der Fachgesellschaft für eine Verbesserung der Versorgung ein. Derzeit gibt es keine sichere Bedarfsplanung für Patienten mit chronischen Schmerzen. Dies bedeutet, dass eine Nachfolge für eine schmerz spezialistische Praxis in der Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigungen noch nicht verbindlich geregelt ist.