Dann hat es Bumm gemacht.

Kevin nimmt die Sache sportlich – äußerlich. Ja – er hat in Goch drei Zigarettenautomaten gesprengt, aber ans Geld ist er nicht gekommen. Beim ersten Automat: großer Schrecken – schnelle Flucht – keine Beute.

Freisetzung von Kernkraft

Beim zweiten Automat: kein Kohle – nur ein paar Schachteln Zigaretten: 20 vielleicht – oder 30. Beim dritten Automaten: krasser Knall. Schnelle Flucht. Kevin hat die Sprengsätze selbst gebastelt. Basteln – das klingt fast wie aus der Hobbythek und wirkt angesichts der „Freisetzung von Kernkraft“ (keine Angst – es war nichts Radioaktives dabei) leicht unterdimensioniert. Immerhin ist die Vorderklappe des 3. Automaten 40 Meter durch die Luft geflogen. Kein Problem: Kevin hat ja vorher geschaut, ob Menschen in der Gegend sind. „Und es war nachts.“ Kevin hat, sagt er, vorher geraucht (Gras) und getrunken … und dann hat es Bumm gemacht …

Nix

„Was sind Sie von Beruf?“, fragt der Vorsitzende. „Nix“, sagt Kevin. Er hat Jobs gemacht. Zuletzt: Sozialhilfe. „Das waren circa 300 Euro“, sagt er und man fragt sich, wie er dergestalt seinen Konsum finanzieren konnte. Nun ja – Kevin hat gute Freunde. „Da hilft man sich“. (Gab es da nicht eine Baumarktreklame?) Man ist geneigt, Kevin in seinem Leben zu bedauern. Förderschule, keine Ausbildung, arm dran. Vier Geschwister. Ein Bruder sitzt derzeit im selben Knast wie Kevin. Klingt alles nicht wirklich einladend. Kevin erinnert sich an Vieles nicht. Das klingt erst einmal glaubhaft. Geld hat er bei keinem der Raubzüge erbeutet. „Das würde ich Ihnen doch sagen. Ich habe ja auch die Sprengungen zugegeben. Da würde es doch keinen Sinn machen, das mit der Kohle zu leugnen, oder?“ Das wirkt irgendwie glaubhaft, aber es geht nicht um Glauben und Wirkung.

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Rückversicherung

Kevin blickt bei den Fragen des Vorsitzenden oft in den Saal. Es ist ein Blick wie eine Versicherung. Nein, Kevin wird nicht sagen, wer beim dritten Mal dabei war. Sein Minenspiel Richtung Zuschauerraum zeugt irgendwie davon, dass Kevin heute die leichte Schulter dabei hat: auf sie wird er alles nehmen. Zwischendurch ein Grinsen, als wolle er den anderen sagen: „Das alles hier ist doch ein Witz. Die verarsche ich doch wie ich will.“ Berichterstattermutmaßungen – mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

Eine Frage der Ehre

Eine stattliche Zahl an Zeugen wird befragt. Trotzdem bleibt Wesentliches im Dunkel. Wie denn auch? Es war ja niemand dabei außer Kevins Kumpels. Vielleicht ist der Typ in der ersten Zuschauerreihe einer von ihnen. Da also sitzt Kevin und hat das Sprengen zugegeben. Der Rest: eine Frage der (Ganoven) Ehre. Kevin – der Tageshauptdarsteller – so fühlt es sich an. Kevin, ein junger Mann ohne Ausbildung, aber bauernschlau ist er. Kevin, denkt man, weiß verdammt genau, wo der Bartels seinen Most holt. Diese Kammer macht doch einem wie ihm nichts vor. Wenn er sich da mal nicht irrt. Der Schaden, den Kevin mit „Freisetzung von Kernenergie“ angerichtet hat, kratzt ans Fünfstellige. Pappenstiele sehen anders aus.

Bastelstunden

Zwischendurch wird erzählt, wie es in Kevins „Bastelstunden“ zuging: Einer bastelt, drei Leute sitzen dabei. Niemand fragt, was der Kevin da macht. Komisch ist das schon. Das findet auch der Vorsitzende, dem anzumerken ist, dass er Glaubensprobleme hat. Er ist, denkt man, nicht allein mit diesem Problem. Kevin ficht all das nicht an. Sein Grinsen Richtung Zuschauerraum ist angefüllt mit einem „Ihrkönntmichdochallemal“.
Ob Kevin denn vor der ersten Sprengung die Sache mal ausprobiert habe, fragt der Staatsanwalt. Nö. Hat er nicht. Ob Kevin sich denn im Klaren war, dass bei der dritten Sprengung Schlimmstes hätte passieren können? „Alter – ich habe doch gesehen, dass niemand da war.“ Man merkt, dass man das Fahrzeug der eigenen Gesinnung auf dem „Schuldig-Feld“ einzuparken beginnt. Nun gut – das ist nicht schwer: Da sitzt Kevin und hat gestanden. Aber ob er alles gestanden hat, was zu gestehen wäre, das ist eine ganz andere Sache.

Kein 64-er

Im Knast hat Kevin einen Job. Ja – die ersten Tage: Da war er traurig, hat auch mal geweint. Aber mittlerweile … man gewöhnt sich. Kevin macht Pensum: Akkordarbeit – vergittert. Mit dem Gutachter hat Kevin nicht wirklich gesprochen. Er will nicht in eine Entzugsklinik. Kein Paragraph 64. Keine Entziehungsklinik. Nicht mit ihm. Nicht für ihn. Der Gutachter sieht keine eingeschränkte Schuld- oder Steuerungsfähigkeit. Eine Entziehungsklinik nach Paragraph 64? Nicht wirklich sinnvoll für einen, der sich sperrt.

Plädoyers

Der Staatsanwalt sieht die Vorwürfe als erwiesen an. (Kevin hat ja gestanden.) Mit dem Geld ist es so eine Sache: Die Angaben der Automatenfirma bezüglich der Gesamtschadenshöhe kommen sogar dem Staatsanwalt zumindest hinterfragenswert vor. Natürlich: Das Geständnis muss zu Kevins Gunsten gewertet werden. Ebenso die Untersuchungshaft sowie die geringe Beute. Kevin, das ist die Meinung des Anklägers, wollte sich eine Einnahmequelle erschließen. Drei Taten sind abzuurteilen. Tat Eins: Ein Jahr, neun Monate. Tat Zwei: zwei Jahre. Tat Drei: Drei Jahre. Bei Gericht wird nicht einfach aufaddiert. Eine Gesamtstrafe muss gebildet werden. Sie richtet sich nach der höchsten der Einzelstrafen. Der Staatsanwalt beantragt vier Jahre, neun Monate. Kevins gute Stimmung scheint zu weichen. Die Sache ist ernster als er es vermutet haben mag. Kevins Verteidiger sieht ein anderes Strafmaß. Der Antrag des Staatsanwaltes: überdimensioniert. Zwei Jahre, sechs Monate. Kevin hat das letzte Wort. Jetzt gilt‘s. Kevin tritt die Reise ins Kleinlaute an. „Ja – ich habe Scheiße gebaut. Es tut mir leid. Ich werd‘ das nie wieder machen.“

Nur eine Vorübung?

30 Minuten Beratung: Die Kammer pendelt sich zwischen den Anträgen ein: Kevin muss für drei Jahre in den Knast. Er wird, mit etwas Glück und guter Führung, zwei Drittel seiner Strafe absitzen. Die Zeit wird nicht reichen für eine Aubsildung, aber es ist zu befürchten, dass Kevin im Knast einiges lernen wird. Auf dem Gang sagte einer in der Pause: „Der übt doch nur für die Geldautomaten.“