Mina hat den Blues

„Bilder haben ein Gedächtnis. Manchmal melden sie sich – wenn sie den Blues haben.“ Sagt Frank Mehring. Professor Dr. Frank Mehring. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Buch: „What do Pictures want?“ Was wollen die Bilder …

Kein Zufall

Nein – Mehring ist nicht verwandt mit dem Schriftsteller Walter Mehring. „Ich muss mir selbst einen Namen machen“, sagt er. Aber das ist Teil einer anderen Geschichte.
Zurück zu den Bildern und damit auch zurück zu Mehring. Der ist übrigens nicht – wie man denken könnte – Kunsthistoriker sondern unterrichtet Amerikanistik an der Radbout Universität in Nimwegen. Auch das ist zunächst einmal nicht von Bedeutung. Von Bedeutung ist allerdings, dass Mehring am 4. Juli 2017 nach Rindern zog. 4. Juli? War da nicht was? Richtig. Der 4. Juli ist Amerikas Nationalfeiertag. Das passt. Mehring stammt aus der Frankfurter Gegend und kam über Berlin an den Niederrhein. Er kaufte ein Haus in Rindern – und jetzt wird es interessant, denn das Haus, in dem Mehring seither wohnt, ist manchen Rindernern als Marienstift bekannt oder auch als Villa Mina.

Alterssitz

Das Marienstift war ursprünglich der Alterssitz einer zu Reichtum gekommenen Familie namens Noster. 1892 wurde das Haus von Theodor Noster errichtet. Die Geschichte des Hauses ist aufwändiger, als hier beschrieben werden kann. So viel immerhin: Von 1931 bis 1973 wurde das ehemalige Noster-Haus von der Franziskusstifung als Altersheim betrieben, dann zunächst vermietet und 1998 an einen Privatmann verkauft. Mittlerweile ist Frank Mehring der Besitzer.

Fräulein

Und was hat all das mit dem Gedächtnis der Bilder zu tun? Folgendes: 1828 wurde Wilhelmina (Mina) Noster geboren – Fräulein Wilhelmina Noster. (Es gibt Wörter, die außer Gebrauch geraten: Fräulein.) Wilhelmina stiftete in ihrem Testament 1.000 Mark. Mina stiftete das Geld, nachdem sie an einem Schulfest teilgenommen und ihren Spaß am Treiben der Kinder gefunden hatte. „Wie sehr Fräulein Noster dieses Kinderfest am Herzen lag, beweist der Umstand, dass sie in ihrem Testament 1.000 Mark stiftete, damit dieses Fest auch nach ihrem Tod mehrere Jahre gefeiert werden könne“, heißt es in einem Auszug aus der Schulchronik vom 22. Oktober 1906.

Mina in Öl

Ein Laienmaler ließ es sich nicht nehmen, Mina Noster in einem Portrait (120 mal 80 Zentimeter) in Öl zu verewigen. „Das imposante, doch gleichsam konventionelle Portrait von A. W. Hoffmann zeigt Wilhelmina in Ganzfigur, sitzend mit einem weißen Gebetsbuch und mit Diamanten besetzten Kreuz im Jahre 1887“, heißt es in einem Text.
Die Frage? Was war mit dem Bild geschehen? Hier setzt die Arbeit von Geschichtsdetektiven wie Roland Verweyen und anderen ein. Menschen wie ihnen ist es zu verdanken, dass Geschichte nicht in den Aggregatszustand des Vergessenseins überwechselt.

Absturz zum Jubiläum

Alles beginnt mit Nachforschungen bei Menschen, die etwas wissen (könnten). Historienpuzzlearbeit. Das Bild der Mina, stellte sich heraus, befand sich mittlerweile in Huisberden, wo es – Obacht – im Jahr seines 125. Bestehens von der Wand fiel! Der Rahmen zersprang und Mina wurde verstaut. Weg war sie. Bilder sind zum Ansehen gemacht und jetzt – man darf glücklich sein – ist das Bild, das sich zu Wort meldete im Forum Arenacum in Rindern zu bestaunen.

Demnächst ein Buch

Frank Mehring: „Das Bild war an einem Seil aufgehängt. Das muss wohl mit der Zeit spröde geworden und im Jubiläumsjahr gerissen sein.“ (Was die Bilder wollen.)
Damit das Wissen um Mina und das Marienstift nicht verloren geht, hat Mehring einen 8-Minuten-Film produziert, der (natürlich) in der Ausstellung zu sehen ist. Demnächst wird zusätzlich ein Katalog erscheinen, in dem es um die Geschichte der Villa geht.
Mehrings These: „Das Mina-Portrait hat irgendwann den Blues bekommen und musste sich melden.“ Wer Minas Bekanntschaft machen möchte, kann das bis Ende Dezember jeweils sonntags zwischen 14 und 17 Uhr oder nach Vereinbarung.

Roland Verweyen (links) und Frank Mehring vor dem Mina-Bild. Foto: Rüdiger Dehnen