100 #4 Kunst, Wurst, Trost

„Natürlich war Beuys 1988 bei uns in Leipzig ein Thema“, sagt Harald Kunde, Direktor des Museums Kurhaus Kleve und Zeitzeuge. Beuys – das war für die Fans in der DDR eine Fernbeziehung. Man kannte ihn aus den Medien. Westfernsehen.

Harald Kunde, Museum Kurhaus Kleve. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Unglaublich

1988, zwei Jahre nach Beuys‘ Tod, fand an der Kunsthochschule in Leipzig (Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig) die damals erste Ausstellung mit Werken von Joseph Beuys in der DDR statt. Kunde studierte Kunstgeschichte, Kunsterziehung und Germanistik. „Die Beuys-Ausstellung war für uns natürlich ein unglaubliches Ereignis“, blickt er zurück. „Paralell zur Ausstellung bei uns in Leipzig wurde im Gropius-Haus in Westberlin eine Beuys-Schau gezeigt. Da konnte man auch die großen Arbeiten sehen.

NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Staatsmonopol Kunst

In Leipzig ging es um das Frühwerk – die Zeichnungen aus den 50-er und 60-er Jahren.” Es war die Zeit vor dem Mauerfall – die DDR noch immer ein geschlossenes System. Kunst war eine Art Staatsmonopol. Private Galerien – ein Ding der Unmöglichkeit. In dieser Zeit entstand in einer leerstehenden Fabrik ein offenes Atelier. Kunde: „Später wurde das unter dem Namen eigen + art bekannt.”

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Identifikationsfigur

Für die (jungen) Künstler war Beuys eine Identifikationsfigur. „Es ging darum, den Kunstbegriff in die politische Dimension zu erweitern und Blöcke aufzulösen – etwas flüssig zu machen, was scheinbar für immer erstarrt war. Man sprach ja damals nicht ohne Grund vom kalten Krieg. Beuys war ein enorm wichtiger Wärmespender – einer, der die Grenzen aufgelöst hat. Alles, was er machte, war für uns in dieser politischen Situation decodiert. Wir in der DDR waren Insassen eines geschlossenen Systems.”

Elf Tage: Allez! Arrest

Und dann gab es da dieses Elf-Tage-Projekt (Allez! Arrest), in dessen Verlauf sich drei Künstler elf Tage lang in eine frei gewählte Isolation begaben. Täglich für jeweils zwei Stunden waren Besucher im Atelier zugelassen. Die Künstler boten Werke, die im Rahmen der Aktion entstanden, zum Tausch gegen Lebensmittel an. Kunde: „Dabei ging es um die Frage, ob das Publikum gewillt war, die Künstler – und also die Kunst – durch mitgebrachte Gaben am Leben zu halten.” (Veranstaltungsort waren die neuen Räume der Galerie eigen + art in Werkstatt der ehemaligen Firma Bohrer & Klingner in der Fritz Austel-Straße 31, Hinterhof .)

Ternnungslos

Die Verbindung zu Beuys, erklärt Kunde so: „Beuys stand für alle diese Künstler für die vollkommene Identität von Leben und Kunst. Bei ihm fand keine Trennung von Mensch und Werk, von Arbeit und Freizeit statt. Es ging um den ganzheitlich-persönlichen Einsatz und Ansatz. So wurde diese Aktion konzipiert. Kunst wurde nicht als Beruf aufgefasst – schon gar nicht als Job nach dem Motto ‚nine to five‘. Diese Aktion hatte von der ersten bis zur letzten Sekunde etwas mit dem eigenen Leben zu tun. Mehr noch: Es war das eigene Leben. Mindestens so wichtig wie die Tauschaktion war die Kommunikation, die dort stattfand.“ Aus einem Text der Künstler: „Entgegengenommen werden im direkten Tausch oder auf postalischem Wege: Nahrungs- und Genussmittel (Wegzehrung), Protektion (hohe Kante), Dienstleistungen auf kommunikativem Sektor (Trost).“

Katalogseite aus: Ansichten über einen Raum, EIGEN +ART; 1983-1991; Eine Dokumentation

P. S. Harald Kunde erzählt

P.S. Harald Kunde erinnert sich

Ich möchte von einer kleinen Begebenheit erzählen, die mich damals sehr geprägt hat und die in der allgemeinen Beuys-Rezeption hier nicht so bekannt ist. Damals – das ist in diesem Fall das Jahr 1988, also zwei Jahre nach Beuys‘ Tod und noch vor dem Mauerfall. Der Ort, an dem die Geschichte spielt, ist Leipzig. Aufhänger ist, dass damals in Leipzig die bis zu diesem Zeitpunkt erste und einzige Ausstellung von Beuys-Werken in der DDR stattfand. Das war im Frühjahr 1988 an der Kunsthochschule Leipzig – offizieller Titel „Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Da fanden regelmäßig Ausstellungen statt. Das war nichts Ungewöhnlich, aber es war sehr ungewöhnlich, dass dort Beuys gezeigt wurde. Zur selben Zeit wurde auch in Westberlin im Gropius-Bau eine große Beuys-Ausstellung gezeigt, die wir natürlich alle gern gesehen hätten. In Leipzig wurde stattdessen Beuys’ Frühwerk ausgestellt – Zeichnungen also: Zeichnungen aus den 50-er und 60-er Jahren. Ich war damals einerseits fasziniert von diesen Arbeiten und von der Zerbrechlichkeiten der Zeichnungen – andererseits hatte ich etwas völlig anderes erwartet: Ich wollte die großen Installationen sehen. Wir haben uns damals irgendwie abgespeist gefühlt, was natürlich aus heutiger Sicht ganz anders zu bewerten ist. Damals haben wir das nicht richtig begriffen. Heute sage ich: Die Zeichnungen sind schon der ganze Beuys, aber eben auf sehr überschaubare Art und Weise.
Für viele junge Künstler, die nicht offiziell zum Staatsbetrieb gehörten, war Beuys ein wichtige, eine zentrale Identifikationsfigur, um den Kunstbegriff in die politische Dimension zu erweitern und Blöcke aufzulösen – etwas flüssig zu machen, was scheinbar für immer erstarrt war. Man sprach ja damals nicht ohne Grund vom kalten Krieg. Beuys war ein enorm wichtiger Wärmespender – einer, der die Grenzen aufgelöst hat. Alles, was Beuys machte, war für uns in dieser politischen Situation decodiert. Wir in der DDR waren Insassen eines geschlossenen Systems. Was innerhalb dieses geschlossenen Kreislaufs möglich war – dafür haben die 80-er Jahre viele Beispiele geliefert. In den 60-er und 70-er Jahren hätten solche Dinge nicht stattgefunden. In Leipzig war die Situation kompliziert. Leipzig war Messestadt. Besucherstadt. Da reiste zwei Mal pro Jahr internationales Publikum an. Das war ein herausragendes Merkmal dieser Stadt, die über eine sehr offene und agile Kunstszene verfügte. Der Brennpunkt dieser unabhängigen Kunst war die Galerie „EIGEN + ART“, die sich Werkstattgalerie nannte. Ein offizieller Galeriebetrieb abseits der staatlichen Galerien war schlicht nicht denkbar. Gründer der Galerie war „Judy“ Lybke, der eigentlich Gery Harry Lybke hieß. Der Bursche war 22, als das anfing. Er hat diese Galerie zuerst in seiner Wohnung gehabt – also im quasi privaten Rahmen und Raum. Das Ganze sprach sich allerding sehr schnell herum und war dann nicht mehr wirklich privat. Dann ergab sich die Gelegenheit, dass ein kleines Industriegebäude in Leipzig-Konnewitz leer stand. Wie es genau dazu kam, dass Judy das übernommen hat, weiß ich nicht. Auf alle Fälle war die Gründungsgeschichte damit verbunden, dass Künstler, die offiziell zum Verband der Bildenden Künstler gehörten, dieses Gebäude als ihr offenes Atelier deklariert haben. Anders wäre das nicht möglich gewesen. Jetzt also bestand die Möglichkeit, dass man die Künstler in ihrem Atelier besuchen konnte. Das war der Trick an der Sache. Das war also ein Werkstattraum, in dem viele Künstler während der Dauer ihrer Ausstellungen anwesend waren. Nochmal: Damals gab es das Monopol des staatlichen Kunsthandels. Nur der Staat durfte mit Kunst handeln. Nur der Staat kontrollierte, was verkauft wurde – dabei ging es natürlich in erster Linie um Verkäufe in den Westen – also um Devisen. Westmark – Valuta also – als Gegensatz zum Ostspielgeld. Das offene Atelier war gewissermaßen die Umgehung. Aber es ging nicht um Verkäufe – es ging in allererster Linie um Kommunikation: um einen Freiraum, wo unzensiert gesprochen werden konnte. Da konntest du also Menschen treffen, die sonst nicht so einfach zu treffen waren. Und weil damals alles irgendwie ziemlich überschaubar war, hat sich das sehr schnell herumgesprochen. Da kamen dann mit einem Mal auch Leute aus Berlin, aus Dresden, aus Erfurt. Es gab einen solchen Ort nur in Leipzig. Das alles ist aber nur Vorgeschichte, die als Erklärung des Konzeptes wichtig ist.
Jetzt also wieder zu Beuys. Der war natürlich auch bei uns medial omnipräsent. Das galt für Leipzig noch ein Stück mehr, denn bei uns gab es auch Westfernsehen, was in Dresden schon wesentlich schwieriger zu empfangen war. Man wusste also viel über Beuys, aber als Person hatte man ihn nie getroffen – nie kennengelernt. Ich denke, das war einer der Gründe, warum von dieser Person Beuys eine mythologische Wirkung ausstrahlte.
Die anfangs erwähnte Beuys-Ausstellung in Leipzig erzeugte dann bei vielen jungen Künstlern den Wunsch, in den Räumen der EIGEN+ART etwas „im Sinne von Beuys“ zu machen. Das Ergebnis war ein Projekt, in dessen Verlauf sich Künstler für elf Tage dort eingeschlossen haben. Jeden Tag durften dann für zwei Stunden – zwischen 18 und 20 Uhr – Besucher kommen. Der Aufhänger war, dass die Künstler alles, was sie dort produziert haben, zum Tausch gegen Lebensmittel angeboten haben. Das war auch kein Fake, denn die hatten tatsächlich nichts. Es gab keinen Kühlschrank – nichts. Es ging um die Frage, ob das Publikum gewillt war, die Künstler – und also die Kunst – durch mitgebrachte Gaben am Leben zu halten. Dieser Tauschgedanke hat gut funktioniert. Für die Beteiligten war das keine leichte Zeit. Die waren die ganze Zeit in diesem Raum – Tag und Nacht, mit allen menschlichen Verrichtungen, aber das Publikum hat das nur zwei Stunden täglich miterlebt. Die Künstler des Projektes waren Else Gabriel, Rainer Görß und Micha Brendel. Die drei sind dann – später noch ergänzt durch Via Lewandowski – als „Autoperforationsartisten“ (also Selbstzerlöcherer) an die Öffentlichkeit getreten. Sie wollten „den Zell-Innendruck des Ostens“ rauslassen.
Beuys stand für alle diese Künstler für die vollkommene Identität von Leben und Kunst. Bei Beuys fand eben keine Trennung statt. Er hat je den berühmten Satz gesagt „Ich kenne kein Weekend“. Es ging also um den vollen persönlichen Einsatz. So wurde diese Aktion konzipiert. Die haben Kunst nicht als Beruf aufgefasst – schon gar nicht als Job nach dem Motto ‚nine to five‘. Diese Aktion hatte von der ersten bis zur letzten Sekunde etwas mit dem eigenen Leben zu tun. Mehr noch: Es war das eigene Leben. Was die Drei dort die ganze Zeit gemacht haben, das weiß man natürlich nicht so genau. Das müsste man die mal fragen. Die leben ja alle noch. Auf einem Zettel mit dem Titel „allez arrest“ – die haben sich also als Arrestierte gesehen – schrieben die damals: „Einlieferung am 27. März `88 ab 18 Uhr. Entlassung am 7. April `88 ab 18 Uhr. Wir bieten: ein lebensechtes Künstler-Biotop. Ständig erweiterte Ausstellung. Gepflegtes Brauchtum. (Ostern live – ein Originalgeburtstag.) Verfeuerte Plastik. Wärme ist Kunst.“ (Dazu muss man wissen, dass es im Atelier nur einen kleinen Kanonenofen gab.) Reinkarnationszauber: Kohlezeichnung und Aschekuchen. Eingriffe ins Logbuch: Diktat und Funkstille. Authentische Berichte aus angeeigneten Biografien und Wiederaufbereitung. Rasserattenschau. Bilder und bleibende Erinnerungen.“ Das ist quasi das „Paket: wir bieten“. Dann kommt: zum Tausch: künstlerische Erzeugnisse aus der laufenden Produktion; Wertpapier mit Originaltext und Originalzeichnungen. Entgegengenommen werden im direkten Tausch oder auf postalischem Wege: Nahrungs- und Genussmittel (Wegzehrung), Protektion (hohe Kante), Dienstleistungen auf kommunikativem Sektor (Trost).“
Ich bin auch an einem der Tage dort gewesen, hatte eine Salami-Wurst mitgebracht und habe, wenn ich mich richtig erinnere, gar keine Zeichnung mitgenommen. Für mich war es spannend, einfach dort und also dabei zu sein; mit den Leuten zu reden. Das war ein Freiraum – eine Oase. Das gab es sonst nirgends. Natürlich konnte man sich auch dort nicht sicher sein, ob nicht ein sogenannter IM ein inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) unter den Besuchern war. Die Galerie EIGEN+ART wurde relativ schnell auch im Westen wahrgenommen. Das machte es natürlich dementsprechend schwer, den Laden einfach zu schließen. Es lag quasi ein medialer Schutz über allem. Das konnten die nicht so einfach zumachen. Es wurde immer wieder mal gestürmt – einmal war ich auch dabei: Da stand dann plötzlich ein Trupp Polizisten und kontrollierte, was da eigentlich vor sich ging. Ich habe `83 mit meinem Studium in Leipzig begonnen. Das fiel also in diese Zeit. Mein Freiraum war groß. Es war jetzt natürlich nicht heldenhafrt, dorthin zu gehen, aber natürlich hast du dich gefragt: Was wird denn wohl passieren, wenn ich jetzt hier verhaftet werde. Darf ich dann weiter studieren oder nicht?