Physician Assistants entlasten Arztpraxen
Modellprojekt der KV Nordrhein zu medizinischen Fachkräften
NIEDERRHEIN. Volle Wartezimmer, lange Wartezeiten und eine älter werdende Ärzteschaft - die ambulante Versorgung steht zunehmend unter Druck. Ein Modellprojekt der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein zeigt nun, wie Physician Assistants (PAs) Arztpraxen im Alltag gezielt unterstützen und entlasten können. PAs sind akademisch ausgebildete medizinische Fachkräfte. Sie übernehmen delegierbare Aufgaben im ärztlichen Auftrag - etwa Blutabnahmen, Hausbesuche sowie Teile des Praxismanagements.
In einem Modellprojekt untersucht die KV seit 2025 den Nutzen von PA-Einsätzen in 16 hiesigen Haus- und Facharztpraxen genauer. Jetzt belegen auch erste wissenschaftliche Ergebnisse den Erfolg. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) befragte zwischen Februar und Juli 2026 rund 180 Patienten, die von PAs betreut wurden. Bei 98 Prozent der Befragten wurden die Erwartungen an den Praxisbesuch vollständig erfüllt. 57 Prozent würden die Behandlung durch eine PA aktiv weiterempfehlen. „Das Fazit ist für uns ein starkes Signal: Patientinnen und Patienten erleben mehr Behandlungszeit und die Praxen werden spürbar entlastet. PAs stärken das medizinische Team genau dort, wo die Versorgung heute unter Druck steht“, fasst Dr. med. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein, zusammen.
Mehr Zeit und kürzere Wartezeiten
Vor allem das Mehr an Betreuungszeit wird von Befragten unmittelbar positiv wahrgenommen: 68 Prozent der Befragten gaben an, dass sich der PA mehr Zeit nehmen kann als der behandelnde Arzt. 64 Prozent erhielten schneller einen Termin, 53 Prozent warteten kürzer auch im Wartezimmer. Für drei Viertel der Befragten war die Behandlung durch eine PA zuvor gänzlich neu. Trotzdem bewerteten anschließend jeweils rund 75 Prozent die fachliche Kompetenz, Verständlichkeit, Empathie und Freundlichkeit positiv.
Ärzte bleiben eng eingebunden
Auch die teilnehmenden Praxen berichten von spürbarer Entlastung: Alle vom Zi befragten Praxen bestätigten den positiven Effekt. Befunde und Diagnosen lassen sich mit PA-Hilfe schneller klären. Dokumentationen werden zügiger erledigt. Ärzte gewinnen dadurch Zeit für medizinisch anspruchsvolle Fälle. Sie bleiben indes vor allem bei Therapieentscheidungen, Rezeptausstellungen und Nachkontrollen eingebunden.
„Physician Assistants decken ein breites Aufgabenspektrum ab. Das gibt Ärztinnen und Ärzten die Freiheit, sich auf das Unverwechselbare ihrer Arbeit zu konzentrieren. Genau darum haben wir dieses Projekt gestartet“, sagt Bergmann. Die Ergebnisse des Zwischenberichts wird der KV-Vorstand auch auf dem 3. PA-Kongress vom 29. bis 30. Oktober in Wuppertal im Detail der Öffentlichkeit präsentieren. Die Veranstaltung bietet dann auch Gelegenheit, die wissenschaftlichen Befunde in breiter Diskussion mit weiteren Gesundheitsexperten, Praxen und Interessierten zu vertiefen.
Das Modellprojekt der KV Nordrhein läuft insgesamt noch bis 2027. Für ein valides Lagebild sind dabei Praxen aus der Allgemeinmedizin, Nephrologie, Pädiatrie, Gynäkologie, Neurologie und Orthopädie beteiligt – in Städten wie Düsseldorf, Köln und Bonn ebenso wie in ländlich geprägten Regionen. Denn der Handlungsdruck im Land wächst enorm: Allein in Nordrhein sind derzeit mehr als 400 hausärztliche Zulassungen unbesetzt. Bis 2034 wird mehr als ein Drittel der heute tätigen Hausärzte aus dem Berufsleben ausscheiden. Neue Teammodelle, wie etwa der Einsatz von PAs, können helfen, vorhandene ärztliche Ressourcen gezielter einzusetzen und die Versorgung zu stabilisieren.
Die KV Nordrhein will die Ergebnisse ihres Projektes daher nutzen, um die politischen Voraussetzungen für einen dauerhaften und flächendeckenden PA-Einsatz in der ambulanten Versorgung zu schaffen. Denn noch fehlen weitgehend verlässliche Rahmenbedingungen für einen breiteren Einsatz - dazu zählen rechtssichere Delegationsregelungen, einheitliche Qualifikationsstandards und eine verlässliche Vergütung, die sich für Praxen auch wirtschaftlich trägt. „Wenn wirtschaftliche Spielräume enger werden, wird es für Praxen schwieriger, neue Versorgungsmodelle umzusetzen. Um das merkliche Potential der PAs künftig gezielt einsetzen zu können, braucht es klare Rahmenbedingungen – vor allem eine faire und transparente Vergütung“, sagt Dr. med. Carsten König, stellvertretender Vorsitzender der KV Nordrhein und Hausarzt in Düsseldorf. „Unser Projekt zeigt schon jetzt: PAs in der Praxis funktionieren. Jetzt brauchen wir auch den politischen Willen, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Praxen PAs dauerhaft ohne wirtschaftliche oder rechtliche Risiken einsetzen können“, unterstreichen Bergmann und König.
Was ist ein Physician Assistant?
Ein Physician Assistant (PA) ist eine akademisch ausgebildete medizinische Fachkraft, die Ärzte im Praxisteam unterstützt. PAs arbeiten ausschließlich im ärztlichen Auftrag und übernehmen nur delegierbare Aufgaben. Sie ersetzen keinen Arzt. Die medizinische Verantwortung verbleibt jederzeit bei dem behandelnden Arzt. Im gesamten Bundesgebiet sind derzeit insgesamt rund 3.100 PAs in der Versorgung tätig – die überwiegende Mehrheit allerdings in Kliniken. Ziel des KV-Modellprojektes ist es, den großen Nutzen von PAs auch in Haus- und Facharztpraxen aufzuzeigen und voranzutreiben.