Mit offenen Augen durch die Dunkelheit
Ein Besuch im „Muzieum“ in Nijmegen fordert die Sinne heraus und schafft Verständnis
NIJMEGEN. Und dann wird es dunkel. Richtig dunkel. Die Augen weit geöffnet, sieht man: nichts. „Seid vorsichtig“, rät Daphne. „Orientiert euch an meiner Stimme“, sagt sie noch – und man fragt sich: Wie soll das gehen? Aber es funktioniert. Langsam, ganz langsam, geht es durch die Dunkelheit. Erst ins Wohnzimmer, dann durch den Garten und über eine kleine Brücke. Als man auf dem geschäftigen Marktplatz ankommt und von überall Geräusche auf einen einprasseln, hat man sich schon ein wenig an das Nichtsehen gewöhnt. Lässt man sich darauf ein, wird daraus ein absolut beeindruckendes Erlebnis.
„Sehen wir gleich wirklich überhaupt gar nichts?“, fragen Frida (16) und Maali (15), die sich schon seit Wochen auf den Ausflug ins „Muzieum“ freuen. „Das hört sich cool an“, hatten die beiden Teenager im Vorfeld gesagt. Jetzt sind sie allerdings doch ziemlich nervös. „Eure Sachen könnt ihr hier um die Ecke in den Schließfächern einschließen“, erklärt die freundliche Dame an der Kasse. Handy und Portemonnaie dürfen zunächst noch behalten werden. „Die gebt ihr erst kurz vor der Führung ab“, erfahren wir. Auch die Smartwatch ist dann fällig. Schließlich wird die Erfahrung nur dann „echt“, wenn völlige Dunkelheit herrscht. Dürfen wir die Augen geöffnet lassen? „Natürlich“, sagt Daphne. Sie weiß, dass man so oder so nichts sehen kann. Schnell noch den passenden Taststock finden – die gibt es in unterschiedlichen Größen –, eine kurze Einweisung und schon geht es los. Das Gefühl: unbeschreiblich. Die Sinne: angespannt wie selten.
„Hier kommt eine kleine Stolperkante“, warnt Daphne von Zeit zu Zeit. Im Garten fragt sie: „Hört ihr die verschiedenen Tiere?“ In der Stadt mahnt sie: „Stoßt nicht gegen den Einkaufswagen.“ Hektisch wird es an der Ampel. Auf die Tonfolge achten – und los. Und bloß den Bürgersteig nicht vergessen. Aua. Da stand ein Auto. Zum Schluss geht es in eine Bar. Der Barhocker ist gar nicht so leicht zu „erklimmen“, dafür fühlt man sich mit den Armen auf der Theke irgendwie sicher. Eine Dose Cola wird geöffnet, die Anspannung lässt langsam nach. „Und, was meint ihr, wie sehe ich aus und wie alt könnte ich sein?“, fragt Daphne. Noch jung, ist man sich einig. Und von zarter Statur. „Du hast kleine, schlanke Hände“, sagt Frida. „Siehst du alles schwarz?“, möchte Maali wissen. „Nein“, sagt Daphne. „Ich bin von Geburt an blind und sehe überhaupt nichts – auch kein Schwarz oder Weiß.“ Als sie noch klein war, hätten ihre Eltern alle Kanten in der Wohnung abgerundet. Heute lebt die 26-Jährige noch bei ihren Eltern und studiert unter anderem Deutsch. Sie spricht die Sprache fließend. „Ist man in niederländischen Städten besser auf blinde Menschen eingestellt als in deutschen Städten?“, möchte Frida wissen. „Das kann man nicht sagen“, antwortet Daphne, die schon viel gereist ist. Es komme immer auf die jeweilige Stadt an. Was sie allerdings sagen könne: „Niederländer und Deutsche gehen unterschiedlich mit blinden Menschen um.“ Die Deutschen seien meist sehr vorsichtig und höflich, während die Niederländer eher praktisch veranlagt seien. „Du stehst an einer Ampel und die packen dich an der Hand und bringen dich auf die andere Straßenseite. In Deutschland ist man da viel zögerlicher“, erzählt sie aus eigener Erfahrung. „Beides ist okay“, findet sie. „Ich finde es gut, wenn Leute zu uns kommen und das selbst erleben. Es schafft Verständnis.“ Daphne fragt übrigens auch, wie lange wir wohl unterwegs gewesen sein könnten. Das wird hier allerdings nicht verraten. Nur so viel: Alle waren erstaunt.
Dass echtes Sehen über das bloße Schauen hinausgeht, weiß auch Enrico, der heute für die Ausstellung zuständig ist. Zu sehen sind Arbeiten von Brent Stirton, Ian Treherne, Evgen Bavcar und Daphne Wageman – Fotografen, die auf ganz unterschiedliche Weise ihre Beziehung zu Blindheit und Sehbehinderung zeigen. Die Fotos werden durch Bilder, Reliefdrucke und Audiobilder zum Leben erweckt. Die Ausstellung „Unseen“ kann dauerhaft besucht werden – unabhängig davon, ob man an einer „Expedition im Dunkeln“ oder an der „Expedition Ribbelroute“ teilnimmt, bei der man mit einer VR-Brille durch die Stadt geführt wird. Gebürtig kommt Enrico aus Deutschland, lebt aber schon seit vielen Jahren in den Niederlanden. Im „Muzieum“ arbeitet er gern. Er ist sehbehindert und kommt leicht mit den Besuchern ins Gespräch. „Ihr könnt euch hier eine Brille nehmen und verschiedene Augenerkrankungen testen“, sagt er – und mahnt im nächsten Moment: „Runter vom Bodenleitsystem!“ Die Leitstreifen bieten blinden Menschen Orientierung, erklärt Enrico, weil sie sich mit Stock oder Füßen ertasten lassen. Trifft man auf Noppen, etwa an einer Ampel, ist besondere Aufmerksamkeit gefragt. Sie warnen vor Gefahren oder zeigen an, dass man stoppen, abbiegen oder eine Treppe suchen muss. „Es ist einfach unhöflich, genau da stehen zu bleiben“, erklärt Enrico. Und man merkt sich das. Weil es Sinn macht. „Wer bei uns gewesen ist, geht nachher mit anderen Augen durch die Welt“, sagt Enrico. Diese Rückmeldung bekomme er von sehr vielen Besuchern. Und das kann man nur unterschreiben. Ein Ausflugstipp mit Lerneffekt!
Noch ein paar praktische Hinweise: Bei der Expedition im Dunkeln ist es nicht möglich, einen Rollstuhl, Rollator oder andere Hilfsmittel mitzunehmen, da die Hände frei sein müssen. Geeignet ist sie auch für Kinder ab etwa acht Jahren oder Schulklassen. Die Ausstellung „Unseen“ kann barrierefrei besucht werden. Wer eine Führung auf Englisch oder Deutsch wünscht, muss vorab unter 003124/2001050 anrufen oder eine Mail an reserveringen@muzieum.nl schicken. Alle Infos findet man unter https://muzieum.nl.
Und dann wird es dunkel. Richtig dunkel... Ein Besuch im „Muzieum“ in Nijmegen ist absolut empfehlenswert. NN-Foto: vs