Von Kinderwagen und dem Lächeln der Frauen
In Groesbeek laden Nelly und Rob Sloep zu einer Reise durch die Zeit ein
GROESBEEK. Manchmal hilft der Zufall: Falsch abgebogen – richtig gute Geschichte gefunden. Zum Beispiel diese: Da gibt es in Groesbeek (für Ortsunkundige: Das liegt gleich hinter der Grenze in Kranenburg, Richtung Groesbeek) unter der Adresse Dennekamp 1b ein Puppen- und Kinderwagenmuseum. Irgendwie liegt es ein bisschen abseits und man findet es eher, wenn man – wie es sich am Niederrhein gehört – mit dem Fahrrad unterwegs ist. Da ist also irgendwo im Nirgendwo diese Halle. Das irgendwie unscheinbare Hinweisschild verkündet: „Poppen & und Kinderwagen Museum“. Zwischen dem Original und der Deutschen Übersetzung liegt nur das U statt dem O. Aus deutschen Puppen werden niederländische Poppen.
Im Museum gibt es einiges zu entdecken. Foto: Rüdiger Dehnen
Die Begrüßung: freundlich. Sieben Euro Eintritt. „Im Eintrittspreis ist eine Tasse Kaffee enthalten“, sagt Nelly. „Kaffee gern nachher“, sage ich. „Erst mal wird geguckt.“ Es geht in den Eingangsbereich. Während man sich nach Bezahlung des Eintritts (geht nur in bar) einen ersten Eindruck verschafft, sagt Nelly: „Ich schalte mal das Licht ein. Sie müssen hier herunter in die Halle.“ Beim Abbiegen stockt mir dann doch kurz der Atem. Ein riesiges Areal und überall stehen: Kinderwagen. Gut – das ist zu erwarten in einem Puppen- und Kinderwagen Museum. Aber die Zahl der Exponate ist dann doch beeindruckend. „Es müssen ungefähr 1.100 oder 1.200 sein“, sagt Rob, als ich ihn im Anschluss an den Rundgang bei einer Tasse Kaffee frage.
Seit drei Jahren wohnen er und seine Frau in Groesbeek. Seit zwei Jahren gibt es das Museum. Vorher lebten die beiden in Lelystad. Lelystad ist die Hauptstadt der niederländischen Provinz Flevoland und liegt im geografischen Zentrum der Niederlande. Einwohnerzahl: Circa 86.000. Ein bisschen größer also als Groesbeek. Rob hatte eine eigene Firma. Seine Frau war orthopädische Schuhmacherin. Jetzt sind die beiden Museumsdirektoren und Kuratoren in Personalunion.
„Wir suchen ständig ehrenamtliche Mitarbeiter“, sagen sie. Das kann man nachvollziehen, denn es stehen hunderte Exponate in der Halle, die ein bisschen „Aufhübschung“ und eine Beschriftung gut vertragen könnten. „Wir haben das Ganze nach Marken geordnet“, erklärt Rob.
An den Ausstellungsstücken lässt sich wunderbar (Design)Geschichte nacherzählen. Da sind die sperrigen Modelle des Anfangs. Irgendwie sehen sie aus wie tiefer gelegte Kutschen. Nach und nach halten Luxus und Farbe Einzug. Da stehen – noch unbeschildert – Exponate, die aussehen wie eine Mischung aus Raumschiff Enterprise und einer Grillstation. Rob sagt es so: „Ostern ist vorbei, aber bei uns stehen noch die Eier. Und tatsächlich erinnern die Baldachine an Eierhälften. Die Farben knallig. Die Baldachine windschnittig. Man denkt an Collani.
Irgendwie ist es herrlich. Rob: „Alte Kinderwagen lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: Vintage- und Retro -Kinderwagen. Vintage-Kinderwagen sind echte, alte Kinderwagen. Sie können original, restauriert oder restauriert und modifiziert (wie unser gotischer Kinderwagen) sein.“

Auch Miniatur-Kinderwagen sind zu sehen. Foto: Rüdiger Dehnen
Und wie sieht es mit „Nachschub“ aus? „Es wird immer schwieriger, Fahrzeuge, Teile und Daten zu beschaffen. Man muss umfangreiche Recherchen anstellen. Dazu gehören viel Geduld und eine gehörige Portion Glück. Die Suche nach Teilelieferanten ist besonders aufwändig. Die mit Abstand größte Herausforderung ist die Datenbeschaffung. Vor allem Broschüren (mit Modellnamen oder -nummern), Geschichten und Fotos der alten Fabriken sowie die Markengeschichte sind sehr schwer – in manchen Fällen sogar unmöglich – aufzufinden. Wir hoffen, dass es noch Menschen gibt, die uns dabei unterstützen und uns diese Unterlagen zukommen lassen. Es muss sich nicht unbedingt um physische Dokumente handeln. Wenn sie die Daten lieber selbst speichern möchten, wären wir mit einem Scan sehr zufrieden.“
Wahrscheinlich haben Nelly und Rob zu jedem Exponat eine Geschichte. „Mittlerweile bekommen wir auch viele Anfragen von Menschen, die wissen möchten, woher sie Ersatzteile bekommen können oder ob wir Kinderwagen reparieren“, sagt Rob. Schade nur, dass das Museum irgendwie ziemlich abseits liegt. „Wir befinden uns eigentlich auf der falschen Seite von Groesbeek. Hier rechnet niemand mit einem Museum.“ Stimmt denke ich und denke auch: Dass ich jetzt hier bin, ist schließlich auch nur das Produkt eines „Fahrfehlers“.
Das „Poppen & Kinderwagen Museum“ ist übrigens nicht Teil des Angebotes auf der niederländischen „Museum Card“. „Was mir hier machen, ist rein privat. Wir werden von niemandem unterstützt“, erzählen die beiden. Schade eigentlich, denn wäre das Museum Teil des Museum Card-Programms, wüssten mehr Menschen davon.
Das Ganze hier wäre auch eine Fundgrube für Filmausstatter, denke ich, denn hier stehen Modelle aus allen Epochen zur Verfügung. Schräg, liebenswürdig – und irgendwie im besten Sinn merk-würdig. Das Museum ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet (www.spkm.nl). Übrigens: „Fast alle Frauen die hierher kommen, siehst du am Ende mit einem zufriedenen Lächeln.“ Und die Männer? „Na ja – die haben es mehr mit den Autos.“
Nelly und Rob Sloep mit einem der Prunkstücke aus der Sammlung. NN-Foto: Rüdiger Dehnen