„Hotel“ als Lebensgefühl
Johannes Oerding über seine kreative Auszeit, sein neues Album und seine Tour 2026
NIEDERRHEIN. Mit seiner Single „Hier gehör‘ ich hin“ hat sich Johannes Oerding Anfang des Jahres aus seiner Auszeit zurückgemeldet. In seinem Sabbatjahr 2024, das ihn auf Reisen durch die USA, Mexiko, Neuseeland und Japan führte, hat der Singer-Songwriter nicht nur neue Eindrücke gesammelt, sondern auch zu sich selbst gefunden. Abseits der Bühne, in stillen Momenten und im Austausch mit Wegbegleitern, besann er sich auf das, was seine Musik seit jeher prägt: Ehrlichkeit, Klarheit und Emotion. Nun steht der nächste Schritt an: Am 27. März erscheint mit „Hotel“ sein neues Album, am 10. April fällt in Oberhausen der Startschuss für seine große Arena-Tour 2026. Mit den NN spricht der gebürtige Niederrheiner über seine kreative Pause, seine neuen Songs und seine Highlights im Jahr 2026.
Dein neues Album „Hotel“ ist bereits dein achtes Studioalbum. Wenn du auf deine bisherigen Werke zurückblickst: Was macht dieses Album für dich besonders oder anders als die vorherigen?
Johannes Oerding: Dieses Album ist im besten Sinne ein Rückschritt, eine Art „back to the roots“. Ich habe alle Songs live eingespielt, mit vielen akustischen Instrumenten, ohne elektronischen Zauber und viel Klimbim - sehr reduziert und echt. Das Album ist mir erstaunlich leicht von der Hand gegangen. Ich musste mich nicht quälen oder zwingen, Songs fertig zu schreiben, ganz im Gegenteil, ich hatte mehr als genug Ideen und Inspiration. Im Grunde genommen haben sich die Songs von selbst geschrieben.
Wie wichtig war die Auszeit für dich? Hat sie etwas an deiner Art zu schreiben oder Musik zu machen verändert?
Oerding: Ja, das würde ich auf jeden Fall sagen, denn ich habe gemerkt, ich kann mir Zeit lassen. Es ist nicht schlimm, wenn ich mal weg bin, so wichtig bin ich nicht. Ich muss nicht immer da sein. Das war eine große Erkenntnis dieser Zeit. Natürlich habe ich mich während meiner Reise auch mit anderer Musik auseinandergesetzt. In den drei Monaten in den USA habe ich sehr viel Country Musik gehört, habe mich in den Nashville-Sound verliebt und das hört man auch auf meinem neuen Album. Ich habe ganz bewusst Country-Elemente wie Pedal-Steel, Lap-Steel und Banjo einfließen lassen, weil die für mich so puristisch und so echt klingen. Dieses Gefühl wollte ich auch bei meinen Songs haben.
Wann ist dir klar geworden, dass du eine Pause brauchst?
Oerding: Ich glaube, die Leute um mich herum, wussten das schon früher als ich. Wir haben die letzten 20 Jahre durchgearbeitet und letztendlich gab es zwei Gründe, warum ich dann gesagt habe, okay, ich ziehe jetzt mal die Handbremse. Erstens wurde mir immer bewusster, dass alles zur Routine wurde. Ich habe ein Album gemacht, bin auf Tour gegangen, habe neue Songs geschrieben, habe das nächste Album herausgebracht und bin wieder auf Tour gegangen. Mir fehlten neue Reize. Das Schlüsselerlebnis hatte ich bei meinem letzten Open Air 2023, als ich eine wirklich schöne Ballade, einen wichtiger Song für mich, gesungen habe, und mir auffiel, dass ich schon an die Einkaufsliste für morgen in Hamburg denke. Brauche ich noch Klopapier? Habe ich noch Hafermilch? Da wurde mir klar, das hier wird den Leuten nicht gerecht, die Geld für ein Ticket bezahlt haben, das wird dem Song nicht gerecht und mir eigentlich auch nicht. Vielleicht ist jetzt der richtige Moment, mal auf Pause zu drücken.
Hast du da direkt entschieden, ein komplettes Jahr zu pausieren?
Oerding: Ja. Alle wurden rechtzeitig informiert und waren auch sehr verständnisvoll. Es ist aber gar nicht so einfach, einen fahrenden Zug zu bremsen. Da hängen auch viele Menschen dran, die auch ein Stück weit davon abhängig sind, dass ich funktioniere. Da war es gut und wichtig zu sagen, dass, egal welche Anfrage auch kommt, sie nicht an mich weitergeleitet wird. Mein größtes Problem ist, dass ich sehr schwer nein sagen kann. Immer wenn ich höre, da und da könntest du auftreten, da und da bist du eingeladen, dann sag ich ja, warum eigentlich nicht? Mein Management hatte also die Aufgabe, mich gar nicht erst zu fragen. Das war nicht einfach. Vor allem habe ich aber auch erstmal zwei, drei Monate gebraucht, bis ich in dieser Pause angekommen bin. Man hat ja immer noch Altlasten, die aufgeräumt, Dinge, die verarbeitet und ein paar alte Rechnungen, die beglichen werden müssen. Letztendlich hatte ich aber wirklich den Kopf frei. Bis auf eine Sache: mein großes Stadionkonzert 2026 in Hamburg, das ich dann von Hawaii aus morgens um 6.30 Uhr im Livestream angekündigt habe. Das hatte mich noch sehr beschäftigt, aber als ich gesehen habe, dass wir am ersten Tag schon 30.000 Tickets verkauft haben, konnte ich beruhigt Urlaub machen.
Du hattest vor, in deinem Pausenjahr keine Musik zu machen. Wie lange hast du durchgehalten?
Oerding: So ziemlich genau drei Monate. Als ich in Chicago war, habe ich mir die erste Gitarre gekauft. Es ging nicht anders, ich hatte wirklich ein körperliches Verlangen danach, Gitarre zu spielen und Musik zu machen, vor allem, weil diese Reise musikalisch so inspirierend war. Ich habe viele Konzerte besucht, war in New Orleans, war in den Häusern von Prince und Elvis, irgendwann konnte ich nicht mehr anders. Und das war dann aber auch eine schöne Erkenntnis, zu wissen, dass man dafür gemacht und an diesem Punkt im Leben genau richtig ist.
Was dein Song „Hier gehör‘ ich hin“ sehr gut beschreibt.
Oerding: Ja, das war tatsächlich der erste Song, den ich auf der Reise geschrieben habe. Er ist sogar so ein bisschen die Inhaltsangabe für das ganze Album, weil er alle Themen anreißt, die in den darauffolgenden elf Songs vorkommen.
Du bist dafür bekannt, persönliche Gefühle in Lieder zu verwandeln, in denen sich andere wiederfinden. „Parallel“ und „Wolken“ sind mir nach dem ersten Hören des Albums besonders eindrucksvoll im Gedächtnis geblieben. Verrätst du uns etwas über deine persönlichen Geschichten hinter den Songs?
Oerding: Das kann ich gerne machen. Bei „Parallel“ ist es ja ziemlich eindeutig, dass es um eine Trennung, genauer gesagt um meine Trennung nach langer Zeit geht. Es war nicht einfach, diesen Song zu schreiben und die richtigen Worte zu finden, weil es ein schmerzhaftes Thema ist, auch wenn es eigentlich einen guten Ausgang gefunden hat. Wenn man so will, Glück im Unglück, weil es auf eine tragisch schöne Art und Weise passierte. Ich habe lange an dem Song gesessen und hoffe, dass ich die richtigen Worte gefunden habe, ich denke aber schon.
„Wolken“ hat mit dem Tod meines Vaters zu tun, denn der Ursprung des Songs sind meine Eltern, die uns Kindern immer erzählt haben, dass die Engel Plätzchen backen, wenn der Himmel rot und orange leuchtet. Morgens früh meistens, wenn die Sonne aufgeht, oder aber abends vor der blauen Stunde. Das habe ich mir gemerkt. Als mein Vater gestorben ist, haben wird das Fenster geöffnet, damit seine Seele rausfliegen kann. Und da war genau so ein Himmel. In diesem Moment habe ich mir gesagt, immer, wenn der Himmel so leuchtet, denke ich an meinen Vater und rufe ihn mir ins Gedächtnis, damit ich ihn nicht vergesse und ihn weiter bei mir habe. Und das klappt erstaunlich gut.
Du hast dich bei diesem Song für ein Duett mit Michael Patrick Kelly entschieden. Warum gerade mit ihm?
Oerding: Zuerst wollte ich den Song alleine singen, aber ich hatte mich mit Paddy schon ganz oft über solche Themen, die größeren Fragen des Lebens, unterhalten. Was machen wir hier? Was ist unsere Aufgabe? Wie geht es weiter, was ist danach? Auch wenn wir teilweise unterschiedliche Sichtweisen haben, hat es immer Spaß gemacht, sich gegenseitig so die Welt zu erklären. Darum konnte ich mir keinen besseren Gesangspartner als Paddy für „Wolken“ vorstellen. Er hat für mich im besten Sinne etwas Spirituelles, Seriöses und irgendwie auch etwas Pastorales, was mich an ihm total fasziniert.
Auf dem Album gibt es zudem Duette mit Sarah Connor und mit Peter Maffay. Was macht für dich ein gutes Duett aus?
Oerding: Das Wichtigste ist, dass es organisch entsteht, dass man sich kennt, eine gemeinsame Geschichte oder Berührungspunkte hat, die gleiche Welle surft. Ich brauche für ein Duett immer eine gewisse Freundschaft, eine Bindung. Wenn dann noch die Stimmen perfekt, macht ein Duett Sinn. Wichtig ist mir aber auch, dass jeder auf Augenhöhe seine Highlight-Spots in einem Song hat und sich so inszenieren kann, wie er ist.
Wenn du einen Song vom Album auswählen müsstest, der die Stimmung von „Hotel“ am besten widerspiegelt – welcher wäre das und warum?
Oerding: Das wäre „Hotel“, der Titelsong, weil er erklärt, dass es bei diesem Albumtitel nicht darum geht, dass ich alle Songs im Hotel geschrieben habe, was man ja vielleicht vermuten könnte, sondern darum, dass mein Leben wie ein Hotel ist. Unterwegs sein, Ein- und Auschecken, Begegnungen, aber auch das Alleinsein auf dem Hotelzimmer. Der Song hat alles in sich und trifft diese Stimmung und die Ambivalenz meines Lebens ganz gut; auf der einen Seite immer laut und gut drauf sein zu wollen und auf der anderen Seite auch alleine zu sein, Dinge zu verarbeiten und aufzuschreiben, damit man sie los wird.
Neben CD und Vinyl erscheint „Hotel“ auch in limitierter Edition mit einem Tagebuch-Booklet und vielen persönlichen Erinnerungen auf einem NFC-Chip. Wie ist die Idee zu diesem besonderen Format entstanden?
Oerding: Die Idee ist uns eigentlich sehr spät gekommen. Ich hatte nicht vor, mein komplettes Reisejahr zu verwursten. Aber wir hatten dann so viel schönes Material, das vielen Leuten gefallen hat, wenn sie es gehört oder gesehen haben, dass wir uns entschlossen haben, ein hundertseitiges Booklet zu machen. Enthalten sind alle meine Reisespots, alle fünf Kontinente mit vielen Highlights, Fotos und persönlichen Geschichten und ein großes Interview mit einem Blick hinter die Kulissen. Auf dem NFC-Chip findest du dann zum Beispiel Sprachmemos oder die allerersten Demos, die ich im Campingwagen oder im Hotelzimmer in mein Handy gesungen habe. Es ist echt spannend geworden und ein kleines Highlight, glaube ich.
Am 10. April beginnt deine große Arena-Tour, anschließend dann viele Sommer Open Airs. Gibt es einen Moment auf der Bühne, auf den du dich jetzt schon besonders freust?
Oerding: Neue Songs zu spielen ist immer ganz besonders, weil ich ja nicht weiß, wie sie ankommen und wie die Leute darauf reagieren. Es gibt aber auch einen besonderen Spot, den ich in die Show eingebaut habe, um meine Bandjungs auf eine lustige Art und Weise vorzustellen. Ich glaube, das kommt gut an. Außerdem habe ich zum ersten Mal einen Gastmusiker mit dabei, Steffen Graef, der eigentlich bei Max Giesinger spielt, und die ganzen Country-Elemente bedienen kann, die ich auf der Platte verwendet habe. Er spielt Pedal-Steel, Banjo, Geige und Akkordeon. Das wird sicherlich nochmal ein Upgrade, was den Sound angeht. Und natürlich kann ich mir vorstellen, dass der ein oder andere Gast mit mir auf der Bühne stehen wird. Aber wo und wann, das kann ich heute noch nicht verraten.
Was dürfen die Fans 2026 noch von dir erwarten?
Oerding: Neben der Tour startet im April auch die neue Staffel von „Sing meinen Song“ auf Vox. Ich freue mich sehr auf mein großes Stadionkonzert am 20. Juni in Hamburg, aber ein absolutes Highlight wird auch der 12. September, wenn ich mir mit der NDR Big Band meinen großen Traum vom eigenen Bigband-Konzert erfüllen kann. Das wollte ich schon immer machen und freue mich, endlich die Zeit und die Muße gefunden habe, das umzusetzen. Da bin ich sehr, sehr glücklich, zumal es das so wohl auch nur einmal geben wird. Ich ziehe einen schönen Smoking an und meine Mama wird sagen, der Junge sieht aber gut aus, endlich hat er mal ordentliche Klamotten an. Ich denke, das wird ein schönes Ding.
Und zum Abschluss: Wenn dein Album „Hotel“ tatsächlich ein Hotel wäre – welche Atmosphäre würden die Gäste dort vorfinden?
Oerding: Ich würde sagen, ähnlich wie im Hotel „Vier Jahreszeiten“ im Hamburg. Ich habe das Gefühl, dass das Album sehr vielseitig ist, obwohl es einen geschlossenen Sound hat. Inhaltlich hat es einfach so viele Jahreszeiten. Das mag ich auch am Hotel „Vier Jahreszeiten“: du hast sowohl Schickimicki, als auch Rock’n’Roll an der Bar und im Keller. Man kann sich aussuchen, was man gerade will.
Johannes Oerding meldet sich nach seiner Auszeit mit neuer Musik und frischer Inspiration zurück.
Das Album „Hotel“ erscheint am 27. März. Vorbestellungen sind bereits möglich. Alle Infos unter www.johannesoerding.de.
Johannes Oerding bringt am 27. März sein achtes Album „Hotel“ heraus und startet am 10. April seine Arena-Tour.Fotos: Sony Music