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Das Publikum in der bis auf den letzten Platz besetzen großen Willibrordkirche honorierte den Auftritt mit minutenlangem Schlussapplaus. Foto: Egide Muziazia
21. März 2024 Von NN-Online · Kleve

Eindrucksvolles Musiktheater

Bach Collegium Rhenanum zeigt eine Matthäus-Passion auf höchstem Niveau

NIEDERRHEIN. Das Publikum in der bis auf den letzten Platz besetzen großen Willibrordkirche in Kellen war sich beim minutenlangen Schlussapplaus einig: Was es in den drei Stunden zuvor in dem modernen weiten Kirchenraum, von Hans-Bernd de Graaff wirkungsvoll ausgeleuchtet, gehört und gesehen hatte, war eine Matthäus-Passion auf höchstem Niveau und von selten erlebter Eindringlichkeit. Genau darum geht es ja: die Leidensgeschichte des Jesus von Nazareth nach dem Text des Matthäus-Evangeliums über die Ohren direkt in die Herzen der Hörenden zu transportieren. Dass dies nahezu perfekt gelang, daran hatten die Solosängerinnen und Sänger den größten Anteil: Erik Janse als Evangelist war ein meisterhafter Geschichtenerzähler, der alle stimmlichen Register vom lauten Aufschrei bis zum verzweifelten Verstummen zog. Bachs Jesus, der so gar nicht zu modern-romantischen Jesusbild passen will, gab Jelle Draijer mit einem so kraftvollen wie nuancierten Bass. Die berühmten Sopran- und Alt-Arien, regelrechte „Hits“ für Passionsfans, sangen Martha Bosch und Merel van Schie mit ihren - man kann es nicht anders sagen - wunderschönen, technisch perfekten und doch natürlich klingenden Stimmen. Adrian Fernandes, Janko Fraanje und Ton Tegelaar interpretierten die Tenor- und Bass-Arien mit gleichermaßen lyrischer Ausdrucksstärke.

Es gehört zu Bachs Genialität, dass er viele Arien mit regelrechten kleinen Solokonzerten von Flöte, Oboen, Geige oder Viola da Gamba begleiten lässt. Da bewiesen Anna Hendriksen, Eva Elgeti und Saskia van Boven , Konzertmeisterin Isabella Kubiak und Maaike Boekholt, wie musikantisch und verzaubernd diese Musik gespielt werden kann. Man konnte spüren, dass das Publikum sich den Szenenapplaus oft regelrecht verkneifen musste. Wie die Rhythmusgruppen in heutigen Pop- oder Jazzensembles, so sorgten die sieben Musiker:innen an Kontrabässen und Celli, Orgel, Cembalo und Theorbe (der Laute mit dem unglaublich langen Hals) durchgängig für ein sicheres Fundament und die fließenden Verbindungen zwischen den über 60 einzelnen Nummern. Und sie waren auch zu allererst dafür verantwortlich, dass bei Bach in dieser Klever Aufführung regelrecht „Swing“ zu spüren war. Barockmusik ist eben auch in einer Passion im Kern immer Tanzmusik.

Der Dirigent Hans Linnartz hat nach einer langen beruflichen Laufbahn an bedeutenden Wirkungsstätten wie Den Haag oder Basel ausgerechnet am Niederrhein sein „Bach Collegium Rhenanum“ gegründet. Hier hat er mit einer zeitgemäßen und ganz eigenen Bach-Interpretation im Lichte der historischen Aufführungspraxis die für dieses Werk benötigten zwei Orchester und zwei Chöre über Jahre hinweg „erzogen“ und geprägt. Alle Mitwirkenden, eine organische Mischung von engagierten Amateuren und Profis aus den Niederlanden und Deutschland, dazu auch der vorgeschriebene Knabenchor, der neuzeitlich gendergerecht durch die Mädchenstimmen der Ulftse Nachtegalen ersetzt wurde, ließen sich hörbar von Hans Linnartz‘ intimer Kenntnis und seiner Liebe zu Bach anstecken. Gemeinsam schufen sie ein Bach-Erlebnis, das viele Anwesende nach eigenem Bekunden so schnell nicht vergessen werden.

Das Publikum in der bis auf den letzten Platz besetzen großen Willibrordkirche honorierte den Auftritt mit minutenlangem Schlussapplaus. Foto: Egide Muziazia

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