„Den Droom get wijer“
Schwanenfunker zeigen, dass ihr Karneval auch im 101. Jahr quicklebendig ist
KLEVE. Unter dem Motto „101 – den Droom get wijer“ feierten die Klever Schwanenfunker am Wochenende ihre ersten beiden Sitzungen und zeigten eindrucksvoll, dass der Karneval in Kleve auch im 101. Jahr quicklebendig ist. Mit bissigen Büttenreden, flotter Comedy, jeder Menge Musik, fantastischer Tänze – und wie immer ganz viel Kleefs Platt und Lokalkolorit.
Los geht es nach dem Einzug des Elferrats erstmal mit einer ganzer Horde von Schwänen. Die entpuppen sich als letztjährige Fußgruppe. „Die Kostüme sind einfach so schön, die wollten wir euch nochmal zeigen“, wird erklärt. Die voll besetzte Stadthalle singt beim Funker-Lied mit – und die Funker-Familie strahlt. Im 101. Jahr übernimmt Jan Vierboom den Posten des Sitzungspräsidenten. Nach eigenem Bekunden ist er „knatznervös“, meistert seine Premiere aber souverän. Für den musikalischen Auftakt sorgen die Kinder der Mundart-AG der Materborner Marienschule. Mit „Kleef blivt Kleef“ und weiteren Klever Liedern singen sie sich direkt in die Herzen des Publikums – natürlich mit „guter Laune“, oben, unten, vorne, hinten und auch rechts und links.
Dann heißt es auch schon: Bühne frei für Prinz Tobi den Träumenden. Das Klever Narrenoberhaupt nimmt Kurs auf die Stadthalle – für ihn ein echtes Heimspiel. Entsprechend groß ist der Jubel. „Ich bin zu Hause“, ruft er bewegt und muss ein paar Tränen verdrücken. Auf der Funker-Bühne machte er einst seine ersten Schritte im Karneval. „Ich sehe hier viele bekannte Gesichter“, sagt Tobi sichtlich gerührt. Die Garde präsentiert Prinzenlied und Männer-Mädels-Tanz, Orden gehen an Walter Heicks, Bernd Thiele und Peter Baumgarten, der in diesem Jahr seine 25-jährige Mitgliedschaft bei den Schwanenfunkern feiert – und auch an seine Oma, die heute im Publikum sitzt.
In bewährter Manier steigt anschließend der Klever Narr (Michael Rübo) in die Bütt. Mit scharfem Blick nimmt er das politische Weltgeschehen auseinander, schüttelt den Kopf über Politiker, die dem Bürger immer tiefer in die Tasche greifen und sozialen Unfrieden schüren. Er mahnt, nicht mehr Geld auszugeben, als man hat: „Sondervermögen heißt es charmant – früher hat man es Diebstahl genannt.“ Ob Fifa, Trump, Ukraine-Krieg oder Korruption, „wo Deals im Hinterzimmer blühen und Werte weiter ziehen“ – Rübo spricht Klartext und warnt eindringlich: „Es brennt bereits am rechten Rand.“ Sein Appell: „Wir brauchen Menschen mit klugen Ideen, die mit unserer Demokratie neue Wege gehen.“
Ein besonderes Debüt gibt Ex-Bürgermeister Theo Brauer, der bei den Schwanenfunkern zum Schwanenritter geschlagen wird. In einem musikalischen Loblied würdigt er den Verein als „ein Stück Klever Seele, Heimat und Herz“. Mit weise gewählten Worten bricht er eine Lanze für eine Prinzessin oder ein Prinzenpaar im Klever Karneval. „Sie funkeln, sind klug und so charmant – und doch kein Krönchen weit und breit erkannt“, stellt er fest und fordert, vom Publikum bejubelt: „Gebt endlich Kleve, was Kleve verdient.“ Der anschließende Ritterschlag ist mehr als verdient.
Eine Zeitreise gibt’s bei Fred Krusch, Jan Meyer und Paul Heinz-Böhmer, die, bestens versorgt von Wirtin Rosemarie „Rosi“ Schulz, beim Bühnenstück „Bej Rosi“ in Erinnerungen schwelgen und dabei nicht nur von legendären Kneipen schwärmen ( („gib‘ et nich‘ mehr“), sondern auch Ex-Volksbank-Chef und Ex-Bürgermeister anführen. An legendäre TV-Zeiten erinnern die Chaoten, bei denen der Name Programm ist. Sie holen Thomas Gottschalk und „Wetten, dass..?“ auf die Stadthallen-Bühne und wetten, dass das Publikum mehr Stimmung macht als der feiererprobte Elferrat – eine Wette, die mühelos (und „schwer unfair“) aufgeht.
Erneut in die Funker-Bütt steigt Hendrik Thiele, „der Mann, vor dem selbst die Heizung Respekt hat“. Als Hausmeister, pardon: Facility Manager, berichtet er vom Stress mit dem neuen Nachbarn, von den Allzweckwaffen Panzerband und Kabelbinder und von nächtlichen Notrufen, die stets mit „Nix Wildes!“ beginnen. Und einer darf in der Schwanenfunker-Bütt nicht fehlen: Der Buur, Michael Hövelmann, gibt später am Abend im derben Platt seine Anekdoten zum Besten, erzählt von der anstehenden Goldhochzeit seiner Großeltern, von strengen Gerüchen und Rizinusöl – sehr zur Freude der Gäste. Auf alte Bekannte in neuer Besetzung trifft man am Büdchen. Bernd und Jann-Philipp Thiele plaudern mit Michael Rübo übers Brauchtum („bei uns in Kleve wird der Prinz in Milch und Honig gebadet und nicht wie in Kellen in einem Modderloch getauft“), über neue Konstellationen im Stadtrat („SPD steht unter Spannung“, „die neuen Linksliberalen“), über 20 Millionen Miese, übers Sparen und so einiges mehr.
Launige Töne kommen wie gewohnt vom Funkerchor, der sich auf die LaGa freut („Hunderttausende stehen bald vor unserem Tor“), an die Kommunalwahlen erinnert („Es geschah an einem Sonntag im September“) und feststellt: „Wohnraum wird zum Luxusgut.“ Später sorgen die FunkerTwens 3.0 dafür, dass der Saal endgültig Kopf steht. Sie nehmen die LaGa 2029 aufs Korn, schütteln den Kopf über „Shoppen ohne Plan“ im Temu-Shop, fragen nach „Bock auf die Bundeswehr“ (Ja, Nein, Vielleicht) und sind sich ebenfalls einig: „Ob Prinz, Prinzessin, Prinzenpaar – alles wäre wunderbar.“
Überhaupt spielen Musik und Tanz bei den Schwanenfunkern eine große Rolle. Die Funkerschwänchen und Schwanenfünkchen begeistern mit Show- und Gardetanz, die Schwanensprösschen zeigen eindrucksvoll, dass man sich um den Nachwuchs keine Sorgen machen muss. Dazu wirbeln Solo-Tänzerinnen übers Parkett, Rainer Ulrichs singt sich durch verschiedene Rollen – von Elvis bis DJ Ötzi – und zum Schluss kredenzt Crème fräsch noch einmal Live-Musik. Reichlich Applaus gibt es für die rund 200 Aktiven, die vor, auf und hinter der Bühne zeigen, wie schön und lebendig der Klever Sitzungskarneval ist – auch mit 101 Jahren auf dem Buckel.
Wer sich selbst davon überzeugen möchte, hat heute um 18.11 Uhr noch einmal Gelegenheit dazu, denn dann laden die Schwanenfunker zu ihrer dritten Sitzung in die Stadthalle ein. Es lohnt sich. Gut Funk – Helau!
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Die Funker-Familie feiert Karneval, der Generationen verbindet. NN-Foto: Rüdiger Dehnen