Zwischen Speichen und Spiralen: Bernhard Luginbühls visuelle Erzählung
Im Museum Goch wird am Sonntag eine Ausstellung mit Werken des Schweizer Bildhauers und Zeichners eröffnet
GOCH. Im Museum Goch wird am Sonntag, 22. März, 11.30 Uhr, die Ausstellung mit Werken von Bernhard Luginbühl eröffnet. Zu sehen ist sie dann bis zum 7. Juni. Im Zentrum steht eine 349 Zentimeter lange Zeichnung des Schweizer Bildhauers und Zeichners Bernhard Luginbühl aus dem Jahr 2004. Die Zeichnung entstand über die Weihnachtstage 2004 und ist wie eine Art Tagebuch dieser Tage zu sehen.
Fragmente
Basil Luginbühl, Sohn des Künstlers und lebenslanger Begleiter und künstlerischer Assistent, erinnert sich, dass das Papier auf dem langen Ateliertisch lag und Luginbühl die Zeichnung über die Feiertage immer wieder anging. Der erzählerische Titel ist typisch für den Humor und den spielerischen Umgang mit Worten: „Ein Plan ist für Bernhard Luginbühl höchstens die Grundlage einer Veränderung“, so Carl-Albrecht Haenlein in seinem Text für den Katalog der Kestner Gesellschaft Hannover 1975. Zahlreiche Räder, große wie kleine, erwecken den Anschein, als handele es sich bei der langgestreckten Zeichnung um den Plan für eine gewaltige Maschine. Jedoch der genaue Blick und das allmähliche Abtasten der Linien zeigen, dass es sich um einzelne Fragmente handelt, die der Künstler hier neben und übereinander legt. Das was hier sichtbar wird, deckt sich mit dem Titel, nämlich einem genauen Plan für eine „ungenaue“ Figur. Luginbühl kommt in dieser Zeichnung ins Erzählen, er befreit sich Druck des physisch Möglichen. Auf dem Papier ist er anderen Gesetzen unterworfen. Zahnräder und Transmissionsbänder müssen nicht funktionieren, im Gegenteil. Luginbühl befreit sich von dieser Last und kann sich dem ornamentalen, dem erzählerischen hingeben. Vereinzelt tauchen Wörter, kurze Sätze und Statement auf, die einem Comic vergleichbar auf dem Papier verteilt sind. Heines berühmte Zitat, leicht abgewandelt: „denk ich an deutschland in der nacht, bin ich um meinen Schlaf gebracht“. Dicht darunter in großen Buchstaben „Folter“.
Ordnung und Chaos
Die große Zeichnung liest sich von links nach rechts wie ein Ereignis vom Geordneten zum Chaotischen. Was im linken Drittel noch auf mit Tusche auf einem karierten Muster sich wie ein Plan für eine Skulptur entwickelt, mündet im rechten Drittel in einem Gewirr aus muschel- und spiralförmigen Motiven, die mit einem breiten weißen Pinsel hinterlegt sind. Dass sich hier der Begriff „Massaker“ findet, mag der Interpretation des Betrachters überlassen bleiben.
„Es gibt Graphikblätter von mir mit bis zu siebzehn oder mehr Zuständen, von denen zwischendurch nur einzelne Abzüge gemacht wurden. Immer wieder wurde ich gefragt, warum ich so viele Zustände gemacht habe. Ich war immer unzufrieden mit dem Ergebnis, manchmal todunzufrieden, so dass ich überhaupt nie mehr etwas machen wollte.“ (Bernhard Luginbühl)
Bewegung und Gegenbewegung
Wie auch immer diese sehr langgestreckte Zeichnung gelesen sein will, dominant in ihr sind die beiden Speichenräder. Dieses Motiv ist eines der charakteristischen im Werk des Schweizers. Es verbindet gleichsam den Bildhauer und Schöpfer großer Maschinen mit dem Zeichner und wie man in dieser Ausstellung auch sieht mit dem Graphiker Luginbühl: „ja sie existieren eigentlich zur Hauptsache aus den Spannungen zwischen Bewegung und Gegenbewegung, zwischen in den Raum greifender, gebändigter Dynamik und durch Stützelemente und Verstrebungen akzentuierter Konstruktion. Ganz besonders deutlich wird diese Dualität in den Kupferstichen und Radierungen der letzten Jahre“, so der Schweizer Kunsthistoriker Peter F. Althaus 1975.
Widerstand
Im Kupferstich findet Bernhard Luginbühl ein ihm ganz und gar entsprechendes künstlerisches Medium. In der Metallplatte findet er jenen Widerstand, den der Bildhauer beim Verschrauben und Schweißen seiner mächtigen Eisenfiguren aufwenden muss. Der Widerstand begründet sich in beiden Ausdruckformen durch das Material selbst: „In den Motiven verlässt Luginbühl das physisch machbare. Er verliert sich gleichsam in surrealen Räumen, so als entwerfe sein Gehirn in der Eroberung des Bildraumes immer neue Figuren. Jedes Blatt lohnt der Spaziergang mit dem Auge und die Dynamik des Künstlers überträgt sich beim Schauen auf den Betrachter“.
Sämtliche Werke dieser Ausstellung stammen aus dem Besitz von Basil Luginbühl. 1960 geboren, lebt und arbeitet der Künstler und gelernte Hammerschmied in Mötschwil bei Bern. Er arbeitete jahrelang als Assistent seines Vaters Bernhard Luginbühl und Jean Tinguelys.