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Bassam Alkhouri lebt seit 2011 in Deutschland. NN-Foto: HF
14. Dezember 2024 · Heiner Frost · Kleve

Zurück, aber nicht für immer

Bassam Alkhouri ist Syrer und lebt seit 2011 mit seiner Familie in Kleve

KLEVE. Nach Jahren des Bürgerkriegs ist das Assad-Regime in Syrien Geschichte: Präsident Bashar al-Assad hat das Land verlassen und die Rebellen der islamistischen Miliz Hajat Tahrir al-Scham (HTS) haben die Herrschaft übernommen und noch am selben Tag zahlreiche Gefangene frei gelassen. Assads Regime hing seit Jahren von der militärischen Unterstützung Russlands und des Irans ab. Beiden Staaten ging es um Einflussnahme, doch beide sind mittlerweile in eigene Konflikte eingebunden, Russland in der Ukraine, der Iran im Gazastreifen. Der Sturz Assads wird international zwar als positiv gewertet, doch sind die Reaktionen zurückhaltend – aus Sorge um die Stabilität des Landes und der Region. So viel ist klar: Das Land steht vor einem Neuanfang. Wohin es sich entwickelt, wird sich aber noch zeigen müssen. Schließlich hat die Assad-Familie 54 Jahre lang in Syrien geherrscht, eine Opposition gab es nicht. In einem CNN-Interview hat HTS-Führer Muhammad Dschaulani zwar betont, er setze auf ein vielfältiges Syrien, in dem sich verschiedene religiöse Gruppen sicherfühlen können. Doch nicht jeder hält das für glaubwürdig.

Whatsapp-Nachricht an Bassam Alkhouri: „Hallo Bassam, hast du Zeit/Lust, über Syrien zu sprechen?“ Antwort: „Natürlich.“ Bassam Alkhouri lebt seit 2011 in Deutschland – zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern. Ruth, Bassams Frau, ist Niederländerin. Auch die beiden Kinder haben niederländische Pässe. Bassam ist ein Staatenloser. Geboren in Syrien – jetzt in Deutschland. Einen Pass hat er nicht – nur eine „Aufenthaltskarte“. Bis zum Jahr 2011 lebte er mit seiner Frau in Syrien. Dann passierten zwei Dinge: „Unser Sohn wurde geboren und die Revolution begann.“ Grund genug, das Land zu verlassen. „Ich habe in der Nähe von Damaskus ein Haus. Dazu gehört Land.“ Das Haus steht leer. Von Bassams Familie – er hat vier Geschwister und seine Mutter lebt noch – ist niemand mehr in Syrien. Die Familie: irgendwie in der Welt verteilt.

„Hattest du damit gerechnet, dass passiert was jetzt in Syrien passiert ist?“, frage ich und Bassam schüttelt den Kopf. „Nein. Ganz bestimmt nicht.“ Damals, im März 2011, stand für Bassam und seine Frau fest: Sie mussten raus aus dem Land. Nach Deutschland oder in die Niederlande.

Ist da einer in Feierlaune? Ich frage Bassam: „Möchtest du zurück nach Syrien.“ „Jetzt ja“, sagt er. Dann kommen ihm die Tränen. „Mein Sohn wollte immer nach Syrien und ich habe ihm gesagt: Wenn Assad weg ist, fahren wir hin. Er möchte das Grab seines Opas besuchen. Ich habe ihm versprochen, dass wir hinfahren, wenn ‚alles vorbei ist‘. Vielleicht wird es im Sommer so weit sein.“ Bassam hat seinen Kindern nie von den Schrecken in seiner Heimat erzählt. „Aber mein Sohn hat trotzdem viel davon mitbekommen.“ Wenn Bassam zurückblickt, besetzt Trauer das Terrain. „Ich habe Freunde gehabt, die das nicht überlebt haben. Die sind im Gefängnis gestorben.“ Hoffnung auf ein Ende des Schreckens gab es immer. „Aber wenn mir jemand erzählt hätte, dass Soldaten einfach ihre Uniformen ausziehen – ich hätte das für eine Utopie gehalten.“ Bassams Haus: circa 20 Kilometer von Damaskus. „Um von der Stadt aus dorthin zu kommen, musste man 20 Checkpoints passieren“, hat Bassam von Bekannten erfahren. Jetzt sind die Checkpoints verwaist. „Da ist einfach niemand mehr.“

Zurück nach Syrien – für immer? „Nein. Das wird nicht passieren.“ Zu viel verbrannte Erde. Zu viel schwarze Gedanken. Assad ist Geschichte – aber es gibt immer noch Menschen dort, die mit dem und für das Regime gelebt haben. „Aber ich möchte trotzdem im Sommer mit meiner Familie nach Syrien reisen: Das Haus wieder sehen. Den Weinberg. Aber Syrien für immer? Auf keinen Fall. Meine Frau und ich sind sicher, dass es unsere Kinder hier besser haben.“ Bassam ist auch sicher, dass längst nicht alle seiner Landsleute zurück in ihre Heimat gehen. „Das hat auch etwas mit dem Lebensstandard hier zu tun“, sagt er. Er sagt auch: „Als es hier in den Nachrichten war, dass Assad weg ist, habe ich erst mal gedacht: Das ist ein Trick. Assad will, dass wir zurückkommen  – und wenn wir da sind, wirft er eine Bombe.“ Bassam hat auch geweint, als er die Bilder von abgemagerten Gefangenen gesehen hat, die aus den Gefängnissen entlassen wurden.

Bassam Alkhouri lebt seit 2011 in Deutschland. NN-Foto: HF

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