Wenn Stimmen zu Bildern werden
Daniel Schuster lebt in einem inklusiven Wohnprojekt und macht aus Texten Hörspiele
KLEVE. Wenn Daniel Schuster über Hörspiele spricht, werden seine Sätze schneller, präziser, manchmal auch lauter. Worte verwandeln sich in Bilder. Daniel Schuster macht nicht viele Worte. Er hört genau zu, fixiert sein Gegenüber beim Reden. „Sprechen macht einfach Spaß“, sagt der 50-Jährige. „Texte sprechen. Eigene oder fremde.“
Daniel Schuster lebt in einem Appartement in der Wagnerstraße in Kleve, einem inklusiven Wohnprojekt der Lebenshilfe. Von hier aus organisiert er seine Projekte. Aufgenommen wird an anderen Orten: in Studios oder digital, vernetzt mit Menschen aus ganz Deutschland. Mobil ist er ohnehin – er fährt selbst, ist viel unterwegs. Sein Weg dorthin war kein gerader. Nach der Schulzeit arbeitete Schuster zunächst in einer Werbeagentur. Ein strukturierter, kreativer Alltag. Dann kam der Bruch: eine psychische Erkrankung, die vieles veränderte und eine Neuorientierung nötig machte. Heute ist er stabil – auch mit medikamentöser Unterstützung, die ihm im Alltag Sicherheit gibt.
Unabhängig davon folgte später eine weitere Diagnose: Asperger-Autismus. Sein Alltag ist klar gegliedert. Tagsüber arbeitet er in der Werkstatt von Haus Freudenberg, im Bereich Dokumentenarchivierung. „Das ist Arbeit“, sagt er nüchtern. Der zweite Teil des Tages beginnt danach. Dann geht es um Stimmen. Die „Hörspielwerkstatt“ gibt es seit 2020. Ursprünglich war der Plan ein anderer. „Wir wollten Filme machen“, erzählt Schuster. „Aber das wurde zu aufwendig.“ Der entscheidende Impuls kam aus dem Kino: Hörspiele. Eine neue Richtung – der Name ist geblieben.
Heute ist daraus ein Netzwerk geworden, das weit über Kleve hinausreicht. Autoren, Sprecher, Musiker: vieles entsteht verteilt, oft digital, manchmal vor Ort. Schuster hält die Fäden zusammen, besetzt Rollen, entwickelt Szenen, spricht selbst. „Ich bin manchmal ein bisschen pingelig“, sagt er. „Wenn es nicht passt, machen wir es noch einmal.“ Vieles entsteht improvisiert – Schritt für Schritt, mit den Möglichkeiten, die gerade da sind. Und gerade deshalb funktioniert es.
Am Anfang wollte er nicht vor das Mikrofon. „Ich dachte, ich bleibe lieber im Hintergrund.“ Inzwischen ist er Teil seiner eigenen Produktionen. Parallel plant er den nächsten Schritt: eine Sprecherausbildung, mit dem Ziel, künftig noch stärker selbst als Sprecher zu arbeiten. Es ist ein Hineindenken in Rollen und Stimmen – ein Zugang, den er sich erarbeitet hat und der seine Arbeit prägt. Unterstützung hat er an mehreren Stellen. Im Betreuten Wohnen begleitet ihn ein Fallmanager der Lebenshilfe, für rechtliche Fragen gibt es einen gesetzlichen Betreuer. Seine Mutter ist eine wichtige Bezugsperson, auch bei Entscheidungen wie der geplanten Sprecherausbildung. Nebenbei singt Schuster im Chor in Pfalzdorf. Die Verbindung ist kein Zufall: Der Chorleiter schreibt auch die Musik für die Hörspiele. Das Projekt wächst weiter. Im Rahmen einer Sonntags-Matinee wird das aktuelle Hörspiel „Der Fluch des Pharao“ am 20. September um 12 Uhr im Klever Tichelpark-Kino vorgestellt. Rund 70 Minuten, produziert mit eigenem Team, aufgenommen unter anderem in Berlin.
Als Erzähler ist eine Stimme zu hören, die viele aus Kino und Fernsehen kennen: Bernd Egger, derzeit die deutsche Synchronstimme von Arnold Schwarzenegger. Eigentlich hatte Schuster für diese Rolle einen anderen Wunsch: den bekannten Synchronsprecher Friedhelm Ptok, unter anderem die deutsche Stimme von Imperator Palpatine aus „Star Wars“. Doch dazu kam es nicht mehr – er verstarb vor der Umsetzung des Projekts.
Wenn dann im Kino das Licht ausgeht, wird es still. Nur Stimmen, Geräusche, Musik. Und mitten darin: Daniel Schuster. „Man ist einfach glücklich“, sagt er, „dass man was geschafft hat.“ Die Hörspielwerkstatt ist offen für neue Stimmen. Menschen jeden Alters können sich einbringen, unabhängig von Erfahrung oder Hintergrund. Mehr Informationen und Hörproben unter www.hoerspielwerkstatt2020.eu.