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SOS-Bereichsleiter Clemens Selter und die Pädagoginnen Heidi Thijssen und Bianca Turek (r.) vom SOS-Kinderdorf Niederrhein haben sich sehr über den Besuch von Vielfalts- und Toleranzbotschafterin Veuve Noire (2.v.l.) gefreut. Foto: SOS-Kinderdorf Niederrhein / Katrin Wißen
20. November 2024 Von NN-Online · Kleve

Veuve Noire klärt über Vielfalt und Toleranz auf

Das Projekt „Olivia macht Schule“ war bereits zum zweiten Mal zu Gast beim SOS-Kinderdorf Niederrhein

KLEVE. Wenn Henrik Schmidt mit Kurzhaarschnitt und Bartstoppeln im Gesicht ein Geschäft oder eine Tankstelle betritt, reagieren die Menschen nicht sonderlich. Doch wenn er zu ihr wird, mit Schminke im Gesicht und High Heels an den Füßen, dann fallen die Reaktionen anders aus. Betritt Dragqueen Veuve Noire ein Geschäft oder fährt mit der Straßenbahn, dann wird geguckt und getuschelt. Nicht selten fallen negative Kommentare oder verbale Anfeindungen.

„Dabei bin ich ein und derselbe Mensch“, sagt Veuve Noire, die als Botschafterin für Vielfalt und Toleranz des Hamburger Projekts „Olivia macht Schule“ jetzt beim SOS-Kinderdorf Niederrhein in Kleve bereits zum zweiten Mal zu Gast war und zwei Workshops mit Kindern und Jugendlichen durchgeführt hat. Ihr Ziel ist es, junge Menschen dafür zu sensibilisieren, dass jeder Mensch so in Ordnung ist, wie er ist, wie er sich fühlt und wie er sein will. Für den Einstieg tauscht sich Veuve Noire mit den Kindern und Jugendlichen über typische Mädchen- und Jungs-Sachen aus. Reiten, Fußball, Gaming, Shoppen, Kaffee trinken werden genannt und zugeordnet. Dass die Klischees uns und unsere Vorstellungen prägen, wird schnell klar. Veuve Noire berichtet: „Ich sehe zwar die meiste Zeit aus wie ein Mädchen, mache aber auch total gerne Jungs-Sachen. Ich zocke zum Beispiel gerne Computerspiele.“ Die Mädchen und Jungen im Kinderdorf möchten verstehen – unverkrampft und neugierig: Wurdest du schon einmal geärgert? Was ist dir passiert? Wie lange brauchst du, um dich fertig zu machen? Wie fühlt man sich, wenn man anders gekleidet ist? In welcher Rolle fühlst du dich am wohlsten? Wie alt bist du?

Die 40-jährige Veuve Noire berichtet den Kindern: „Als Junge bin ich auf dem Land groß geworden. Das war nicht einfach. Mit 15 habe ich die erste getönte Gesichtscreme gegen Pickel ausprobiert. Meine Haut sah einfach viel besser aus. Mit 16/17 Jahren habe ich dann einen schwarzen Lidstrich gezogen, danach wurde es immer mehr.“ Freunde wandten sich mit zunehmender Weiblichkeit immer mehr von ihr ab. Veuve Noire weiter: „Irgendwann ging es mir gar nicht mehr gut. Ich wollte nicht mehr. Da bin ich von zu Hause abgehauen, und eine Freundin hat mich aufgefangen.“ Heute lebt Veuve Noire in Hamburg, ist Teil der „Olivia Jones Familie“.

Als Dragqueen hat Veuve Noire viel verbale und körperliche Gewalt erlebt. Blaue Augen, Nasenbluten – alles war dabei. Beleidigungen wie „Du blöde Schwuchtel“ gab es häufig. Entweder sei sie dann immer ganz schnell weggerannt – „und auch auf High Heels kann ich sehr schnell rennen“ – oder sie habe die Polizei gerufen. „Für mich ist das Frausein keine Rolle, sondern so fühle ich mich einfach.“ Am liebsten sei sie auch stark geschminkt. Sie brauche zwei bis zweieinhalb Stunden, um sich fertig zu machen. Inzwischen interessiert es sie nicht mehr, was andere Menschen von ihr denken. „Es ist schließlich mein Körper. Kein anderer hat das Recht, über mich zu entscheiden.“ Den Kindern im Kinderdorf erklärt sie: „Die mit den blöden Kommentaren, die wissen ja gar nicht, was für ein Mensch ich bin.“ Trotzdem gebe es Orte, wo es schnell gefährlich werden kann. „Dann bin ich lieber ungeschminkt auf der Straße unterwegs.“

Für Veuve Noire ist das Projekt „Olivia macht Schule“ eine Herzensangelegenheit: „Ich sehe es als meine Aufgabe an, Kindern und Jugendlichen Toleranz und Vielfalt zu vermitteln. Ich kann nicht verlangen, dass man gut mit mir umgeht, ohne selbst etwas dafür zu tun. Deshalb reise ich immer wieder an Schulen oder hier ins SOS-Kinderdorf.“

„Die Kinder und Jugendlichen, die bei uns im SOS-Kinderdorf aufwachsen, sind vor allem in der Pubertät mit vielen Fragen konfrontiert. Wer bin ich? Wer will ich sein? Was macht mich aus? Da hilft es sehr, die Erfahrungen von Veuve Noire kennenlernen zu dürfen“, berichtet Clemens Selter, Bereichsleiter beim SOS-Kinderdorf Niederrhein, und führt weiter aus: „Wir haben auch als pädagogische Fachkräfte Denkanstöße bekommen, wie wir Toleranz und Vielfalt als wichtige Werte besser vermitteln können.“

SOS-Bereichsleiter Clemens Selter und die Pädagoginnen Heidi Thijssen und Bianca Turek (r.) vom SOS-Kinderdorf Niederrhein haben sich sehr über den Besuch von Vielfalts- und Toleranzbotschafterin Veuve Noire (2.v.l.) gefreut. Foto: SOS-Kinderdorf Niederrhein / Katrin Wißen

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