Verfremdung als Annäherung
Das zweite Heft oder: Der Junge im Bus
KLEVE. „Ich hörte nie auf, und als ich aufhörte, war ich verrückt. Damals war ich zwölf. Damals habe ich den Bus bekommen. In diesem Bus wohne ich, schon sehr lange. Wie lange weiß ich nicht, denn hier steht die Zeit still.“
Das zweite Heft
Im Mai 2024 lief im Theater im Fluss „14 Monologe“. Einen der Monloge sprach Lilli Evers. „Ich habe damals nach einem Text gesucht und Harald [Harald Kleinecke, 2024 künstlerischer Leiter; Anm. d. Red.] gefragt. Harald gab mir verschiedene Texthefte. Ich habe mit dem Lesen begonnen und beim zweiten Heft war mir klar: Das möchte ich machen.“ Evers spielte einen Monolog aus ‚Der Junge im Bus‘ – dem Stück der niederländischen Autorin Suzanne van Lohuizen.
Unbedingt
„Später habe ich mir das ganze Stück durchgelesen und dachte: Das Stück möchte ich unbedingt machen.“ ‚Der Junge im Bus‘ ist ein Dreipersonenstück. Längst haben die Proben begonnen. Premiere ist am 6. November.
Verfremdungen
Da schreibt also eine Frau ‚Der Junge im Bus‘ und mit Evers spielt eine Frau die Titelrolle. Und dann ist da noch etwas: „Der Junge im Bus ist um die 30“, sagt Evers. Der Titel ließe anderes vermuten. Lauter Verfremdungen also und genau das ist es, was Evers an dem Stück fasziniert. Theater ist ja irgendwie immer eine Transformation von Wirklichkeiten. Erst durch Transformation wird Wirklichkeit erlebbar anstatt nur vorhanden zu sein. Erst durch Beobachtung entsteht (kritische) Distanz. Erst durch Verfremdung entsteht Annäherung.
Trio plus 1
Einen Regisseur gibt es nicht. Das Trio, bestehend aus Lilli Evers, Ella Lichtenberger und Jules Theyssen (Technik: Lucas Hans) inszeniert das Stück selber. Birgt das nicht Gefahren? Evers: „Ich denke nicht. Jeder von uns blickt zwischendurch immer wieder auch von außen auf das, was wir da machen und außerdem haben wir auch Harald darum gebeten, zwischendurch mal einen Blick auf die Inszenierung zu werfen.“ Evers spielt also den Jungen. „Ich spiele irgendwie gern männliche Rollen“, sagt sie und: „Ich kann das eigentlich gar nicht genau begründen.“ Vielleicht liegt es daran, dass dann aus einer Rolle eine Doppelrolle wird.
Augenblicke
Wird es Musik in der Inszenierung geben? „Ja, aber sehr wenig.“ Musik kann das Geschehene, das Gesehene einordnen. Evers: „Ich sehe die Musik nicht als Schublade – sie unterstützt, was wir vermitteln möchten, aber das ist nur so ein Gefühl.“ Irgendwie gut, denke ich, denn Theater lässt sich nicht vorausberechnen. Da ist immer dieser Teil Augenblick, das – was trotz aller Proben – nicht zu berechnen ist. Vielleicht könnte ein Regisseur seinen Plan vermitteln. Das heißt nicht, dass das Trio keinen Plan hätte – ganz und gar nicht. Ohne Plan würde Beliebigkeitstheater entstehen. „Mich hat – das weiß ich noch – von Anfang an begeistert, dass dieses Stück irgendwie kompromisslos geschrieben ist“, sagt Evers. ‚Der Junge im Bus‘ ist kein Wohlfühltheater. „Es ist schon ein hartes Stück, aber wir versuchen trotzdem, am Ende etwas Positives zu destillieren.“ Kaum vier Wochen bleiben bis zur Premiere, aber das Plakat und die Szenenfotos (für die Flyer) sind natürlich längst gemacht. Für die Schauspieler gilt es jetzt, in ihren Rollen zuhause zu sein. Irgendwie bleiben drei Perspektiven: „Ich kann das Stück von außen sehen, von innen und von außerhalb der Rolle.“ Wird die Autorin zur Premiere eingeladen? „Das geht leider nicht. Sie ist bereits verstorben.“ Irgendwie wirkt das alles traurig. Irgendwie dunkel. Was reizt jemandem an einem solchen Stoff? Vielleicht ist es der Versuch, Licht ins Dunkel zu bringen.
Vielleicht
Vielleicht ist ‚Der Junge im Bus‘ die Suche nach einer verloren gegangenen oder nie da gewesenen Jugend. Vielleicht ist ‚Der Junge im Bus‘ die Suche nach dem Platz in einem Leben, das fremd geworden oder immer schon gewesen ist. Vielleicht ist ‚Der Junge im Bus‘, um es mit Thomas Bernhard zu sagen, das Protokoll einer „Verstörung“. Man betritt das eigene Leben mit einer Funzel in der Hand: Ecken ausleuchten. Schatten finden – und – am Ende: Lichtquellen.
Die Aufführungstermine: Premiere am Freitag, 6. November, 20 Uhr. Weitere Aufführungen: Samstag, 7. November, 20 Uhr; Freitag, 13. November, 20 Uhr; Samstag, 14. November, 20 Uhr.