Prof. Dr. Hedi Claahsen im Interview
Ärztin ohne Grenze: Sie blieb gerne beruflich auf der niederländischen Seite der Grenze „hängen“
NIEDERRHEIN. Prof. Dr. Hedi Claahsen lebt mit ihrer Familie im deutschen Grenzort Kranenburg. Im NN-Interview erzählt Heidi Claahsen von ihren Erfahrungen im Nachbarland. Sie startete Ende der achtziger Jahre ein Medizinstudium in Nijmegen – und blieb beruflich auf der niederländischen Seite der Grenze „hängen“.
Heute ist sie Kinderendokrinologin und Professorin in der akademischen Klinik Radboudumc in Nijmegen. Wie verlief der Schritt über die Grenze? Und warum gefällt es ihr in den Niederlanden so gut?
Wie ist Ihre berufliche Laufbahn in den Niederlanden verlaufen? Haben Sie auch in Deutschland gearbeitet?
1989 nahm ich in Nimwegen mein Medizinstudium auf. 1996 habe ich das Studium abgeschlossen und als Assistenzärztin im Bereich Kindermedizin im Radboudumc begonnen. Anschließend habe ich mehrere Weiterbildungen absolviert. 2002 wurde ich Kinderärztin und später Kinderendokrinologin. 2007 habe ich promoviert und bin seitdem als Oberärztin und seit 2021 als Professorin in der Patientenversorgung, Lehre und Forschung tätig. Zusammen mit meinem Team habe ich das Expertisezentrum Geschlecht&Gender im Radboudumc Amalia Kinderkrankenhaus gegründet. Bevor ich den Schritt in die Niederlande gewagt habe, war ich beruflich in Deutschland tätig. Ich habe in Kleve als Kinderkrankenschwester gearbeitet.
Was war die Motivation für den beruflichen Schritt in die Niederlande?
Ich habe sehr gerne in den Niederlanden studiert und erhielt kurz nach meinem Studium die Chance auf meine erste Anstellung im Radboudumc. Dadurch bekam ich die Gelegenheit, meine ersten beruflichen Schritte als Ärztin in einem akademischen Krankenhaus zu gehen, was mir sehr gut gefiel. Zudem ist Nijmegen nicht weit von unserem Wohnort Kranenburg entfernt, wodurch ich nur eine kurze Anreise zur Arbeit habe. Dem Familienleben kommt das sehr zugute.
Was sind Ihrer Ansicht nach die größten Unterschiede zwischen beiden Ländern im Bereich Arbeit?
Die Kommunikation und der Umgang mit Kollegen und Patienten sind in den Niederlanden völlig anders, nämlich sehr ungezwungen. Das gilt auch für die Beziehung zu Vorgesetzten. Grundsätzlich werden alle Kollegen geduzt. Auch Vorgesetzte werden mit Vornamen angesprochen. Zudem gibt es in den Niederlanden deutlich weniger sichtbare hierarchische Strukturen als in Deutschland. Außerdem sehe ich große Unterschiede in der Art und Weise, wie Besprechungen in beiden Ländern ablaufen. Die Gesprächsatmosphäre empfinde ich als stimulierend und offen.
Ein weiterer bedeutender Unterschied ist meiner Meinung nach – das gilt auf jeden Fall für das Radboudumc, aber auch die Niederlande allgemein – der Fortschritt in der Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft. Wir haben im Radboudumc beispielsweise eine gut funktionierende digitale Patientenakte, die wir auch mit den Patienten teilen („mijnRadboud“). Zudem können wir über digitale Medien problemlos mit Kollegen, den Eltern von Patienten und den Patienten selbst kommunizieren. Dafür nutzen wir ein speziell gesichertes System. Die Coronazeit hat dieser Entwicklung noch einen weiteren Schub gegeben. Viele überregionale und internationale Meetings finden nun über Teams statt. Wir nutzen Teams auch für das gemeinsame Arbeiten an Dokumenten.
Was sind Ihrer Ansicht nach die größten Vorteile beider Länder?
Mittlerweile habe ich auch ein engmaschiges Netzwerk mit meinen deutschen Kollegen geknüpft. An ihnen schätze ich vor allem ihre Gründlichkeit und die höflichen Umgangsformen. Niederländer können manchmal sehr direkt sein…allerdings weiß man dann auch sofort, woran man ist.
Mussten Sie bestimmte Abschlüsse oder Qualifizierungen vorlegen, bevor Sie in den Niederlanden starten konnten?
Bevor ich mit meinem Medizinstudium beginnen konnte, musste ich einen einjährigen Kursus in Physik und Chemie absolvieren. Dieser wurde von der Universität angeboten. Zudem habe ich einen Sprachkursus belegen müssen. Alle weiteren erforderlichen Qualifikationen habe ich im Laufe des Studiums erworben.
Gab es noch andere Hindernisse, die aus dem Weg geräumt werden mussten?
Ich fand vor allem zu Beginn das niederländische Krankenkassensystem ziemlich kompliziert, da die Regeln für mich nicht immer nachvollziehbar waren. Ein zweites Hindernis war die DigiD, die digitale Identität der Niederländer. In dem Land verläuft fast die komplette offizielle Kommunikation und öffentliche Dienstleistung online und über diese DigiD. Das ist sehr praktisch, da in den Niederlanden fast alles digitalisiert ist. Man hat sofort alle relevanten Daten zusammen. Als Nicht-Niederländer habe ich diese Möglichkeit erst Ende 2020 bekommen. Das sorgte zuvor für jede Menge zusätzlichen Organisationsaufwand.
Inwieweit stört die Grenze das Alltagsleben?
Ich erfahre keine direkten Hindernisse im Alltag. Zu Beginn gab es noch eine Menge Unklarheiten im Rahmen der Krankenversicherung. Das gilt auch noch stets für meine Patienten aus dem deutschen Grenzgebiet. Mittlerweile ist das aber besser organisiert. Die Krankenversicherer haben inzwischen mehr Know-how auf diesem Gebiet. Was zunächst Probleme verursachte, waren die Studien meiner Kinder in den Niederlanden. Erst nach langer Recherche habe ich herausgefunden, dass unsere Kinder aufgrund meines Berufes in den Niederlanden Anspruch auf eine kostenlose Beförderung in öffentlichen Verkehrsmitteln („ov-jaarkaart“) und einen Zuschuss zu den Krankheitskosten haben. Ich musste einige Mails verschicken, um dies zu klären.
Zum Abschluss: Wollen Sie auch künftig in den Niederlanden arbeiten oder doch wieder in Deutschland tätig werden?
Ich arbeite gerne in der akademischen Klinik der Radboud Universität. Inzwischen habe ich mein 25-jähriges Jubiläum gefeiert. Ich habe im Radboudumc die Möglichkeit, Behandlung, Bildung und Forschung optimal miteinander zu kombinieren. Das gefällt mir sehr gut. Ich erhalte hier außerdem die Chance, innovative Ideen zu verwirklichen. Ich bin mir deshalb absolut sicher, dass ich auch künftig in den Niederlanden arbeiten werde!